Lange haben die Slums von Kalkutta das Bild des Landes geprägt. Heute boomt die Wirtschaft. Allein zwei Millionen Menschen arbeiten in der Biotechnik. Wenn China die Fabrik der Welt ist, könnte Indien ihr Gehirn werden. Das Milliardenvolk drängt nach oben - weg aus dem Elend der Dritten Welt. Von Teja Fiedler

Luxus am Rande von Bangalore: Wer in einer solchen Villa im Stadtteil "Palm Meadows" wohnt, muss 3000 Dollar Miete im Monat zahlen können© Stephan Elleringmann
Der Rasen ist so makellos wie der von Wimbledon. Mittendrin steht die Werkskantine, ein beschwingter Partypavillon. Den Eingang zur Glas-Stahl-Konstruktion des Hauptgebäudes von SAP Bangalore sichern Elektronikschranken, hinter denen 3000 junge Menschen, meist Männer, unter Erste-Welt-Bedingungen und mit Erste-Welt-Resultaten arbeiten: Zehn Prozent aller Patente der deutschen Softwareschmiede SAP werden inzwischen am Standort Bangalore ausgetüftelt. Wenn in einer Ecke der Lobby nicht eine blumenbekränzte Statue des Elefantengottes Ganesh stünde, könnte man sich genauso gut in der wohltemperierten Hightech-Welt des Firmen-Stammsitzes Walldorf wähnen, in Palo Alto, Tel Aviv oder wo sonst die SAP-Ingenieure global am Werk sind.
Doch dann tritt man hinaus durch das streng bewachte Werkstor und ist jenseits von Eden. Vielen Gullys auf dem bröckelnden Bürgersteig fehlt der Deckel. Erbärmlich magere Kühe weiden am Straßenrand. Sie finden kein Gras, nur Plastiktüten und stinkenden Abfall, doch irgendwie scheinen sie damit zu überleben. In einer Wolke aus Staub und Abgasen quält sich der Verkehr der Fünf-Millionen-Stadt vierspurig über eine zweispurige Straße. Motorradfahrer kurven im Slalom durch den Stau, zwischen Bremsen und Husten unterhalten sie sich mit der Ehefrau im flatternden Sari auf dem Soziussitz. Vor den Ampeln klopfen lepröse Bettler an die Scheiben klimatisierter Autos. Doch das neue Indien der IT-Generation auf dem Weg heim in die Apartments am Stadtrand verschließt sich der Misere. Bangalore, Vorzeigestadt des indischen Wirtschaftswunders. Powerhouse eines Landes mit mehr als einer Milliarde Einwohner, das sich schon als kommende Weltmacht sieht, das in den nächsten drei, vier Jahrzehnten China und sogar die USA überholen will. Das Wirtschaftswachstum des Landes liegt bei über acht Prozent, Jahr für Jahr drängen 250.000 Computerspezialisten auf den Arbeitsmarkt.
Im nächsten Jahr sollen 200.000 neue Lehrer Kinder unterrichten, mehr als elf Millionen junger Leute studieren. Gleichzeitig bricht tagtäglich die Strom- und Wasserversorgung zusammen, ist die Hälfte aller Kinder unterernährt und führen maoistische Terroristen in vielen der 28 Bundesstaaten einen erbitterten Kleinkrieg. Mit dem Slogan "Weltweit die am schnellsten wachsende Marktwirtschaft in einer Demokratie" beeindruckten indische Politiker und Industriebosse das Weltwirtschaftsforum in Davos. Der Superlativ stimme, meint die in den USA lebende Inderin Mira Kamdar in ihrem Buch "Planet India". Aber nur zum Teil. "Denn damit wird der positive Teil der Geschichte für die ganze Geschichte ausgegeben. Das Ergebnis ist ein Indienbild, bei dem über die weniger attraktive Wirklichkeit wie chronische Armut, hohe Aids-Rate, katastrophale Umweltbedingungen und zusammenbrechende städtische Infrastruktur gern hinweggegangen wird." Indien, glaubt der Ökonom Jagdish Bhagwati, werde im Wettlauf um den Status einer Weltmacht "etwas langsamer vorankommen" als China. Doch der gebürtige Inder, Politikprofessor an der Columbia University, sieht auch einen großen Vorteil gegenüber der chinesischen Konkurrenz: "Indien hat die Demokratie", daher werde die Entwicklung dort nachhaltiger sein.
Die Menschen jedenfalls sind begeistert vom indischen Wunder. Selbst in den Slums, wo der stinkende Abwassergraben hinter der Hütte das Klo ersetzt und Elektrizität bestenfalls schwarz von den Strommasten abgezapft wird, ist Euphorie zu spüren. Ob sie mit Büffelkarren unterwegs sind oder Brennholzbündel schleppen - zeigt nicht das Mobiltelefon, das viele am Ohr haben, dass es auch für die Armen aufwärtsgeht? Nach Jahrzehnten der Bescheidenheit, die der Nationalheld Mahatma Gandhi predigte und vorlebte, hat Indiens boomende Wirtschaft in den 16 Jahren seit der Liberalisierung der Märkte viel bewegt. Über eine Million hoch qualifizierte und im Weltvergleich billige Experten arbeiten inzwischen in der IT-Industrie. In der Biotechnik, vor allem bei der Produktion neuer, preiswerter Arzneimittel, sind es zwei Millionen. Durch den Aufschwung ist die Zahl der Menschen, die sich nie satt essen können, auf etwa 150 Millionen gesunken. Gleichzeitig wuchs die Mittelklasse auf geschätzte 200 Millionen. Wirtschaftsinstitute prophezeien eine Zunahme des privaten Konsums in den nächsten zwei Jahrzehnten um mehr als 300 Prozent.
Doch die Widersprüche bleiben. Mit dem Eisenbahnminister berauscht sich das Volk an Plänen für ein Netz von Hochgeschwindigkeitszügen, das ganz Indien umspannen soll. Und presst sich dann jeden Tag in Vorortzüge, die über Uraltgleise rumpeln und so überfüllt sind, dass die Menschen in Trauben aus den offenen Türen hängen. In Mumbai etwa sterben jedes Jahr knapp 4000 dieser Passagiere, weil sie abstürzen, mit den elektrischen Oberleitungen in Berührung kommen oder gegen Masten knallen. Auf den Vorstadtbahnhöfen von Mumbai herrscht Selbstjustiz. In der Station Santa Cruz wird ein junger Mann auf dem Bahnsteig von einem Fahrgast brutal niedergeschlagen. Mit einer klaffenden Kopfwunde bleibt er ergeben in einer Blutlache auf dem Boden sitzen. Hunderte Menschen schauen ungerührt zu. Ein Polizist drängt sich durch die Menge. Kurzer Blick auf den blutenden Jungen, dann geht er weiter. "Ein Taschendieb", klärt ein Zuschauer auf, "dem gehört es nicht anders. Was glauben Sie, was los wäre, wenn so was einreißen würde bei diesen vollen Zügen!" Vor kurzem beherbergte Mumbai die erste Bootsausstellung des Landes. Als wäre ein Motorboot jetzt ein Spielzeug für jedermann, erschien die "Hindustan Times" mit der Schlagzeile: "Warum alle eine gute Yacht lieben". Um dann kleinlaut einzuräumen: "In ganz Indien gibt es keinen Yachthafen."
Das Land orientiert sich unbeirrbar nach oben. Zurück schaut es ungern. Ganz oben stehen Indiens moderne Götter. Stahlmagnaten wie Ratan Tata und Lakshmi Mittal oder der Petrochemie-Milliardär Mukesh Ambani. Männer, die Stahlwerke und Textilfabriken im Westen aufkaufen oder Autos zu Niedrigpreisen für den Weltmarkt produzieren und so Indien in die "globale Umlaufbahn" ("Times of India") befördern. Sie sind der Beweis dafür, dass Indien es schaffen kann. Ganz oben stehen auch die Helden aus Bollywood. Shah Rukh Khan und Amitabh Bachchan, die zwei größten ihrer Gattung - vom Publikum nur "King Khan" und "Big B" genannt -, sind auf Werbeflächen und in TV-Spots allgegenwärtig. Von Quizmaster King Khan, dem indischen Günther Jauch, ist der Satz überliefert: "Ich würde auch Spots für Kondome machen, wenn das für mich mehr Geld bedeutete." In den Soap-Operas und den Werbespots des Fernsehens ist der S-Klasse- Mercedes längst alltäglich, genauso wie Espressomaschinen, Schnellaufzüge und, als letzter Schrei, das Universal-Elektronik-Spielzeug "Blackberry". All das zusammen gilt als "Lebensstil der Jungen und Erfolgreichen", den auch eine Immobilienfirma im Slogan für ihre Apartments beschwört.
Das ist die Welt, von der die wachsende Mittelschicht träumt, auch wenn sie real noch weit davon entfernt ist. Immerhin rund 200.000 Haushalte - 0,02 Prozent des Milliardenvolks - hatten 2005 ein Jahreseinkommen von umgerechnet 100.000 Euro oder mehr. Versteckt hinter hohen Mauern liegt "Palm Meadows", Bangalores edelste Siedlung. Palmen und satte Wiesen, wie schon der Name sagt. Und etwas, was in Indiens Städten der größte Luxus ist: viel Platz. Hier gibt es fast leere Straßen, auf denen ohne jedes Gehupe funkelnde SUVs zirkulieren, Tennisplätze mit Balljungen und sogar markierte Fahrradwege sowie ein Geschäft für garantiert ökologische Lebensmittel. "Bangalore California" heiße diese Enklave der Ersten Welt, sagt der Verwalter des Komplexes ohne jede Ironie.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 38/2007