21. Mai 2012, 18:18 Uhr

Sarrazins Buch ist Zeitverschwendung

Thilo Sarrazin hat Recht und liegt doch völlig falsch. Denn wie viele Euro-Gegner macht er einen entscheidenden Fehler: Er glaubt an eine Alternative. Doch die gibt es nicht. Von Thomas Straubhaar

 
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Der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin bringt am Dienstag sein zweites Buch auf den Markt, es heißt "Europa braucht den Euro nicht".©

Europa braucht den Euro nicht!" Der Titel des am Dienstag erscheinenden Buchs von Thilo Sarrazin ist hundertprozentig richtig, aber auch hundertprozentig nutzlos. Er ist zweifelsfrei rundum zutreffend, weil völlig unstrittig ist, dass Europa den Euro nicht braucht. Europa als geographische Einheit hat es immer schon gegeben und wird es immer geben. Und auch die Europäische Union (EU) ist in den 1950er Jahren entstanden, der Euro erst in den 1990er Jahren. Kein vernünftiger Mensch könnte jemals behaupten, Europa ohne Euro würde von der Weltkarte verschwinden, oder die EU ohne gemeinsame Währung wäre nicht überlebensfähig. Natürlich löst sich Europa auch ohne Euro nicht in Luft auf. Und selbst die Europäische Union würde ohne Euro, in welcher Form und Weise auch immer, weiterexistieren.

Mehr noch: Der promovierte Volkswirt Thilo Sarrazin weiß sich mit der Ökonomenzunft in Einklang. Der Euro-Raum ist kein sogenannter "optimaler Währungsraum". Das bedeutet, dass es in der Tat gute Gründe für die Annahme gibt, dass ein Europa - in dem jedes Land seine eigene Währung hat - wirtschaftlich vergleichsweise besser dastehen würde, als in einer Situation, in der 17 relativ unterschiedliche Länder eine einzige gemeinsame Währung haben. Die Einheitsgröße passt eben beiden nicht. Für die Kleinen ist sie zu groß, für die Großen zu klein. Deshalb ist ein maßgeschneiderter Anzug die bessere Kleidung. Das ist bei der Währung nicht anders.

Ob wir den Euro brauchen, ist nicht (mehr) wichtig

Thilo Sarrazin hat Recht: Aus ökonomischen Gründen hätte es den Euro in der Tat nicht gebraucht. Aber darum geht es nicht (mehr)! Fakt ist, dass Europa den Euro seit 1999 als Gemeinschaftswährung hat, seit 2002 für jeden Bürger auch sichtbar als Euro-Münzen und Euro-Scheine. Deshalb stellt sich die Frage nicht mehr, ob Europa den Euro braucht. Hier machen Thilo Sarrazin und mit ihm viele Euro-Gegner den entscheidenden Fehler. Sie denken in Alternativen, die nicht mehr möglich sind.

Es macht eben einen riesigen Unterschied, ob man im fliegenden Flugzeug sitzt und aussteigen will, oder man gar nicht erst einsteigt. In beiden Fällen will man draußen sein, aber faktisch hat nur wer draußen geblieben ist, eine Wahlfreiheit. Wer mitfliegt, ist mitgegangen und damit mitgefangen.

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Thomas Straubhaar ...

… ist Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Professor der Universität Hamburg. Der gebürtige Schweizer, Jahrgang 1957, gehört zu den profiliertesten Volkswirten in Deutschland

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