Warum ist es so schwer, schlanker zu werden? Wie kommt es, dass wir immer wieder scheitern? Psychologen wissen: Die Seele isst mit - und sie hat oft großen Hunger. Wer seine Figur in den Griff bekommen will, muss herausfinden, was ihn schwach macht - und kann dann gezielt gegensteuern. Von Horst Güntheroth

Saskia Naumann, 27 Jahre, Moderatorin, 1,62 Meter, zurzeit 65 Kilo, will Ballast abwerfen - und kämpft deshalb gegen ihre Schoko-Lust. Die taucht etwa dann auf, wenn sie Lampenfieber hat© Edgar Rodtmann
Es passiert gleich nach dem Mittagessen, spätnachmittags am Schreibtisch oder auch abends vor dem Fernseher. Ungestüm überfällt Saskia Naumann das Verlangen, die 27-Jährige hat dann nur noch eines im Kopf: Schokolade. "Meist kaufe ich mir die Tafeln gar nicht selbst, um nicht so sehr in Versuchung zu geraten", sagt die Frankfurterin, "doch wenn es mich richtig packt, gibt es einfach kein Halten." Dann sucht sie bei ihrem Mitbewohner. Weil der seine Vorräte inzwischen versteckt, lugt Saskia Naumann selbst in die kleinsten Nischen der gemeinsamen Küche, pirscht sogar ins Zimmer des WG-Genossen. Oft wird sie tatsächlich fündig - wie neulich in der Dunstabzugshaube. Wenn nicht, flitzt sie zum nächsten Supermarkt.
"Schokolade ist mein Schicksal", sagt die junge Frau und zeigt auf ihre Hüften. 64 Kilo wiegt sie jetzt bei einer Größe von 1,62 Meter, das ist ihr deutlich zu viel. Die studierte Germanistin und Anglistin arbeitet als Moderatorin, steht bei Radioshows und anderen Events auf der Bühne. Sie will richtig Gas geben, um Karriere zu machen. "Wenn demnächst wieder Castings anstehen, muss ich schlanker sein, um meine Chancen zu verbessern", sagt sie. Und immerhin: Zwei Kilo ist sie in den vergangenen Wochen schon losgeworden. Sie isst jetzt überwiegend kalorienarm und gesund, treibt regelmäßig Sport im Fitnessstudio. "Doch leider sündige ich immer wieder", sagt sie. "Ich brauche den Schoko-Kick, um kreativ zu sein, gegen Lampenfieber und auch zur Entspannung und zum Trost, wenn mal etwas nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle." Die Folge: Es geht mit dem Abnehmen nur schleppend voran.
Warum nur lassen wir uns immer wieder verführen von Pralinen und Gummibärchen, von Pommes und Pizza - obwohl uns gar nicht der Magen knurrt? Weshalb scheitern so viele Diäten an Leckereien, die der Körper nicht braucht? Weil die Nahrungsaufnahme mehr ist als bloße Energiezufuhr: Die Seele isst mit - und hat oft großen Hunger.
"Das Schwachwerden während des Abnehmens hat vor allem mit unserem Gefühlsleben zu tun", sagt Christoph Klotter, Professor für Ernährungspsychologie an der Hochschule Fulda. "Meist wissen wir gar nichts davon, denn in der Regel spielt sich das Ganze im Unterbewusstsein ab." Doch nur wer die komplexen Zusammenhänge zwischen Psyche und Hüftpolstern entschlüsselt, hat eine Chance, seinen Appetit zu zügeln - und endlich erfolgreich abzuspecken.
Auch bei schlanken Menschen sind Essen und gute Gefühle eng gekoppelt. Fette Käsehappen, saftige Steaks oder sanft schmelzende Eiscreme setzen ein komplexes Geschehen in Gang: Zunächst leiten die taktilen Sinneszellen der Lippen und der Mundhöhle sowie zahlreiche Geschmacksknospen der Zunge ein Feuerwerk von Reizen zu unserem Zentralnervensystem. "Der Mund ist ein Lustzentrum", sagt Klotter. Es folgen ein wohliges Sättigungsgefühl sowie die Wirkung der Stoffe, die über Magen und Darm ins Blut treten. Fast immer wird dabei auf irgendeine Weise die Synthese des Glückshormons Serotonin verstärkt - besonders bei Süßem und Fettem.
Wie stark die Verbindung von Nahrungsaufnahme und Emotion ausgeprägt ist, hängt davon ab, was wir als Kinder gelernt haben. Schon an der Mutterbrust erlebt der Säugling, dass Milch und Geborgenheit zusammengehören. Später benutzen viele Eltern das Essen, um zu erziehen. "Wir werden mit Süßigkeiten belohnt und damit bestraft, dass sie ausbleiben. Bedürfnisse nach Zuwendung, Zärtlichkeit, Wärme, Aufmerksamkeit und der Wunsch nach Beschäftigung und sozialen Kontakten werden durch Brei und Leckerlis befriedigt. So lernen Kinder, sich mit Essen zu trösten, wenn etwas Unangenehmes ansteht", sagt Doris Wolf, Psychologin und Psychotherapeutin aus Mannheim. "Diese frühen Erfahrungen nimmt das Kind mit ins Erwachsenenalter. Versäumt es der Erwachsene, sie sich bewusst zu machen und sich geeignetere Strategien als Essen zuzulegen, wird er übergewichtig."
Manchem wird Futtern so zum Allround-Stimmungsaufheller. Andere greifen vor allem wegen bestimmter Problemlagen immer wieder zum Glückshappen. Weil sie sich langweilen oder weil sie viel Frust und Ärger haben. Weil Trauer, Angst oder Einsamkeit ihre Seele belasten. "Ich habe gegessen, um mich beim Lernen zu beruhigen", erzählt Svea Longen, 26, Studentin im Fach Informations- und Wissensmanagement in Darmstadt. "Beim Arbeiten am Schreibtisch habe ich öfter Pausen gebraucht, dann habe ich mitunter den Kühlschrank auf- und wieder zugemacht und mich dann gefragt: Mensch, was hast du denn gerade eigentlich gegessen?" Hinzu kam, dass die junge Frau sich kaum bewegte. "Ich saß an manchen Tagen 14 Stunden vorm Rechner, ich war träge." So kam's dicke - 20 Kilo hat die Darmstädterin über vier Jahre zugenommen.

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Die 37-jährige Denise Stahr aus Berlin gibt vor allem Stress die Schuld an ihren Rundungen. Als zahnärztliche Prophylaxe-Assistentin hatte sie ein hektisches Berufsleben, zu Hause wartete auf die Alleinerziehende ihr Sohn. Dann machte sie auch noch parallel eine Ausbildung zur Dentalhygienikerin. "Der Stress regierte mein Verhalten", berichtet sie. "Tagsüber habe ich oft vergessen, richtig zu essen, da gab's mal eine Pizza auf die Hand. Und natürlich Süßes oder Käse nebenbei, das war meine Nervennahrung. Abends habe ich mich dann für den anstrengenden Tag mit üppigen Portionen belohnt." Ergebnis: zehn zusätzliche Kilo innerhalb eines Jahres.
"Jeder Mensch hat seine eigene Strategie, mit unangenehmen Gefühlen umzugehen", sagt Doris Wolf, "einige Menschen benutzen Alkohol oder Tabletten, andere schlafen viel oder arbeiten exzessiv. Übergewichtige haben das Essen gewählt."
Dabei verhalten sich die Betroffenen höchst unterschiedlich. So haben einige permanent etwas zum Kauen in Reichweite, andere schaufeln sich "nur" übergroße Portionen bei den Mahlzeiten auf den Teller. Wiederum andere zügeln sich den ganzen Tag, hungern oder begnügen sich mit "Light"-Produkten, fallen dann aber abends oder gar mitten in der Nacht anfallartig über den Kühlschrank her. "Binge Eating" haben Experten dieses Symptom getauft, zu Deutsch: ein Fressgelage abhalten. Kurzfristig spendet das Verschlingen Trost, doch dann kommen meist Scham- und Schuldgefühle. Oft ein Grund für weiteres Psycho-Futtern. Ein Teufelskreis, Essen als Sucht.
Offenbar gibt es außer der Trostfunktion noch einen weiteren Grund dafür, dass mancher bei seelischen Problemen unvernünftig viel in sich hineinstopft. Seelische Dauerbelastung wie chronischer Stress, Frust, Depression oder psychische Traumatisierungen verändert den Hirnstoffwechsel: Das Zentralorgan verlangt dann eine höhere Energiezufuhr, ist aber nicht in der Lage, die Reserven des Körpers anzuzapfen. "Wenn es dem Gehirn nicht gelingt, ausreichend Nachschub für sich aus dem Körper anzufordern, kompensiert es die Unterversorgung dadurch, dass es die Nahrungsaufnahme steigert und den Energieüberschuss dem Körper überlässt", sagt Achim Peters, Internist und Leiter des Wissenschaftlerteams an der Uniklinik Lübeck, das diese Zusammenhänge erforscht hat.
Manchmal allerdings geht es gar nicht darum, die schlechten Gefühle und den Stress des Alltags zu dimmen - manchmal liegen die Essprobleme tiefer. Nicht jeder, der lauthals über seine Pfunde klagt und eine Diät nach der anderen versucht, will wirklich abnehmen. Denn im Verborgenen kann die Körperfülle durchaus Vorteile haben. Vielleicht ist sie Ausdruck der Verbundenheit mit anderen Dickleibigen, mit den Eltern etwa oder mit dem Partner. Der Abschied vom Fett wäre dann auch eine Abgrenzung von den Nächsten.
Übernommen aus ...
Ausgabe 05/2009