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Lebensmittelskandale: Schöne heile Welt war gestern!

Pferdefleisch, Schimmelpilz, falsche Bio-Eier - ein Skandal folgt dem nächsten. Der stern wollte wissen, was schief läuft. Das Kernproblem: zu wenig Kontrolleure, die das Falsche kontrollieren.

Von Christiane Lutz

Mal sehen, wie sie jetzt reagieren: "Achtung! Kontrolle!" Am Schlachttisch des Mecklenburger Fischereibetriebs Kliefoth stutzen die Totschläger, Bauchaufschlitzer und Entschupper. Kurz gehen ihre Messer hoch, schnell dreht sich die Chefin um. "Ach, Sie sind's nur!" Agnes Kliefoth (Name geändert) rollt erleichtert mit den Augen – der Kunde hat sich einen Scherz erlaubt. "Lebensmittelkontrolle – die Typen hätten mir gerade noch gefehlt." Sind die denn so schlimm, die Kontrolleure? "Im Grunde nicht", sagt Agnes Kliefoth, "die nehmen ein paar Proben vom Räucherfisch, schauen in die Ecken, ob da Dreck liegt, wollen das Kühlhaus sehen und dann die Temperaturlisten. Lästig sind sie."

So und ähnlich reagierten viele Betriebe und Fachleute, als der stern sie vergangene Woche besuchte und nach der Arbeit der Lebensmittelkontrolleure fragte. Ein Skandal löst den nächsten ab, Pferdefleisch, Bio-Eier, die gar keine sind und Aflatoxin im Futtermais. Auch morgen wird es etwas Neues geben, dessen sind sich alle sicher. Den staatlichen Kontrolleuren gehe es bei ihrer Arbeit "wie den Doping-Medizinern bei der Tour de France – sie laufen dem jeweils jüngsten Skandal hinterher", sagt Bärbel Höhn, ehemalige Umweltministerin von Nordrhein-Westfalen.

Kontrolleure suchen keine Betrüger

Der stern war im ganzen Land unterwegs und hat die Orte besucht, an denen Lebensmittel kontrolliert werden: auf dem Schlachthof, auf dem Bauernhof, an der Theke in der Metzgerei. Dort wurde klar: Es gibt zwar jede Menge Regeln, wie Qualität und Hygiene geprüft werden sollen, allerdings weiß niemand, wie man systematische Betrüger stoppen könnte. Die Schimmelpilze im Futtermais wurden beispielsweise erst durch die Milchkontrollen in der Molkerei aufgedeckt. Das Pferdefleisch fanden die Briten, die Eier waren einem Oldenburger Zivilrichter aufgefallen, der Schweine-Döner dem Fernsehsender RTL. Warum aber fallen unserer Lebensmittelüberwachung so wenige Betrügereien auf? Weil sie nicht nach Betrügern sucht. Sie achtet auf Sauberkeit.

Rund 2400 Lebensmittelkontrolleure arbeiten in Deutschland. Sie haben sogar einen eigenen Bundesverband. Sie sind, das kann man ganz schlicht sagen, in toto überfordert. 1600 Kontrolleure mehr – das fordert der Verband. Doch ob die etwas nützen und ob sie Täuscher, Trickser und Betrüger finden würden, ist zweifelhaft. Der Fehler liegt eher im System.

Analyse statt Prüflisten

Bewaffnet mit Listen und Stift machen die meisten Kontrolleure in Betrieben ihren Rundgang, prüfen Fliesen und die Kühlkette und sind dann wieder weg. "Was sollen die denn in der Viertelstunde entdecken, die sie bei mir sind? Am Ende ist es so: Was ich sage, müssen die glauben. Bis zum Beweis des Gegenteils", sagt einer der Metzger, mit denen der stern gesprochen hat.

Hygiene schützt selten vor Betrug, vor falschem Futter, Gifteintrag und Etikettenschwindel. Was wirklich fehle, sagt ein Kontrollbeamter, seien Analyse-Experten, die den Markt vorbeugend auf "Skandalträchtigkeit" scannen. Die Fragen nachgingen wie: Wo liegen die größten ökonomischen Anreize für Betrug? Wo ist Betrug besonders schwer zu entdecken? Wo sind auffällige Preisdifferenzen? Wie verändern sich Warenströme? Wie lassen sich dazu Frühwarnsysteme entwickeln? Gegen die grenzüberschreitende Kriminalität von Lebensmittelpanschern reichten die föderalen Überwachungsstrukturen nämlich längst nicht mehr aus.

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