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23. Januar 2003, 09:29 Uhr

Glückspillen

Eine Garantie zum Glücklichsein gibt es nicht. Doch der Mensch wäre kein Mensch, wenn er nicht gerne eine Garantie dafür hätte. Oder zumindest ein Rezept...

Eine Garantie zum Glücklichsein gibt es nicht. Doch der Mensch wäre kein Mensch, wenn er nicht gerne eine Garantie dafür hätte – oder zumindest ein Rezept. So betrachtet verwundert es nicht, dass Antidepressiva wie Prozac (Wirkstoff Fluoxetin, in Deutschland als Fluctin rezeptpflichtig erhältlich) als sogenannte „Glückspillen“ seit Jahren Konjunktur haben.

Wie stark das kollektive Verlangen nach Glück ist, lässt sich am immensen Erfolg des Antidepressivums Prozac ablesen. 1987 in den USA auf den Markt gekommen, wurde es aufgrund seiner geringen Nebenwirkungen als Wundermittel angepriesen. Seit der Einführung konsumierten es mehr als 20 Millionen Amerikaner, in der gesamten Welt sind es inzwischen etwa 40 Millionen Konsumenten. Mittlerweile in mehr als 100 Ländern verkauft: Prozac, ein Verkaufsschlager erster Güte.

Nicht jeder Konsument ist depressiv

Die Höhe der Zahlen kommt dadurch zustande, dass vorwiegend Allgemeinärzte schnell bei der Hand sind, Fluoxetin gegen Depression zu verschreiben, obwohl viele Patienten streng genommen gar nicht an einer echten Depression leiden. Gerade in den USA, wo das Mittel ohne Rezept erhältlich ist, schlucken viele Menschen Prozac, die sonst höchstwahrscheinlich nie ein Antidepressivum einnehmen würden. Schlecht drauf? Kein Problem: mal eben ein Prozac eingeworfen und schon ist man wieder guter Dinge. In der always-smile-I´m-doing-fine-Gesellschaft USA ist schlechte Laune offenbar nicht gesellschaftsfähig.

Diese Leichtfertigkeit wurde nicht zuletzt vom Hersteller El Lilly durch aggressives Marketing und intensive Werbung gezielt angeheizt. Immer wieder wurden die geringen Nebenwirkungen des Mittels betont, die zum Zeitpunkt der Einführung 1987 ein Novum in der Entwicklung der Antidepressiva darstellten. Grund genug für viele, bedenkenlos zur vermeintlichen „Glückspille“ zu greifen, um weiterhin gut durchs Leben zu kommen und gesellschaftlich zu funktionieren.

Stichwort Unauffälligkeit

Gesellschaftlich zu funktionieren ist das Stichwort: Während die Hippies in den sechziger und siebziger Jahren Drogen wie Haschisch und LSD nutzten, um ihr Bewusstsein zu erweitern und anders zu sein, steht heute vielmehr der Erfolg im Berufsleben im Vordergrund. Ziel ist es, gesellschaftlich perfekt zu funktionieren. Schlechte Laune und depressive Verstimmungen sind Gift für den Motor der perfekt geölten Leistungsgesellschaft.

Was “Otto Normalbürger“ mit Fluoxetin einnimmt ist harte Chemie. Fluoxetin bewirkt ein künstliches Hochgefühl, indem es gezielt in den Serotonin-Haushalt des Gehirns eingreift. Serotonin ist ein Botenstoff zwischen den Verbindungen (Synapsen) der Nervenzellen unseres Gehirns. Ihm kommen vielfältige Rollen zu, unter anderem hat es starken Einfluss auf unsere Stimmung. Landläufig wird es demnach als „Glückshormon“ bezeichnet. Bei Depression und Angstzuständen fanden Forscher unter anderem zu geringe Pegel an Serotonin im Gehirn. Gängige Antidepressiva entfalten ihre Wirkung durch eine künstliche Erhöhung des Serotonin-Pegels. Sie verzögern die Wiederaufnahme des Serotonins, nachdem es durch die Nervenzellen ausgeschüttet wurde. So kann es länger in den Verbindungsspalten zwischen den Synapsen verbleiben. Sind auch die Nebenwirkungen bei Fluoxetin im Vergleich zu anderen Antidepressiva geringer, ist jedoch eine Langzeiteinnahme nicht unbedenklich, denn auch hier besteht die Gefahr einer Abhängigkeit.

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