Das Jahrzehnt des verspielten Vertrauens

29. Dezember 2009, 16:54 Uhr

Wenn das ausklingende Jahrzehnt mit einem Stichwort charakterisiert werden müsste, dann wäre es wohl das: Vertrauensverlust. Doch eine Krise ist nicht nur bedrohlich. Sie birgt auch Chancen. Von Frank Ochmann

Kopfwelten, Jahrzehnt, Krise

Das Ende der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008: Durch die Wirtschaftskrise hat das Vertrauen in Banken und Politiker gelitten©

Am Ende nicht nur eines Jahres, sondern sogar eines Jahrzehnts wäre es doch schön, könnten wir eine halbwegs positive Bilanz ziehen. Wie vor zehn Jahren zum Beispiel.

Da war längst nicht alles rosig. Aber es überwog am Ende bei den meisten Menschen doch der Optimismus. Deutschland war wiedervereinigt, die Jahrzehnte währende militärische und ideologische Konfrontation zwischen Ost und West war Geschichte, die Welt schien, ein bisschen wenigstens, sicherer. Wirtschaftlich ging es weltweit einigermaßen bergauf, auch wenn viele Ungerechtigkeiten blieben und auf die Endlichkeit der Ressourcen selten genug Rücksicht genommen wurde.

In der Wissenschaft war das menschliche Erbgut so gut wie entschlüsselt und die noch kurz vor der Jahrtausendwende entdeckten Stammzellen ließen manchen schon von ewiger Jugend träumen und vom immer paraten Ersatzteil für jedes unserer Organe. Das Internet schob sich zumindest als Begriff auch in eher technikferne Köpfe. Mobiltelefone wurden handlicher und beinahe eine Selbstverständlichkeit.

Es waren alles in allem eher gute, hoffungsvolle Gefühle, die uns erfassten, als Sydney und dann Stunde um Stunde alle Weltstädte rund um den Globus mit gigantischem Feuerwerk das neue Jahr und Jahrtausend begrüßten.

Alle Träume zerplatzt

Zehn Jahre danach gibt es - von der Wirtschaft bis zur Wissenschaft - kaum Träume von damals, die noch zerplatzen könnten. Die Visionen einer schöneren, besseren, vielleicht sogar saubereren Welt liegen zerschlagen um uns herum wie die Scherben eines Zerrspiegels, dem wir einmal nur zu gern geglaubt haben, was wir in ihm sahen.

Was damals wie wachsende internationale Sicherheit schien, ist nach den Anschlägen vom 11. September 2001 dem mal mehr, mal minder heftig geführten internationalen "Krieg gegen den Terror" gewichen. Der macht es inzwischen sogar möglich, einem aktiven Oberkommandierenden wie US-Präsident Barack Obama den Friedensnobelpreis zu verleihen, ohne dass das auf die meisten Beobachter gar zu komisch wirkt. In den Kampf um die regionale oder gar globale Macht greifen unberechenbare und gefährliche Mitspieler wie der Iran oder Pakistan ein, von denen keiner mit Sicherheit sagen kann, wo sie nächstes Jahr, geschweige in zehn Jahren stehen werden.

Enttäuschte Versprechen gab es auch in der Wissenschaft reichlich. Am Beginn der Dekade waren wir stolz, die Sprache gelernt zu haben, "in der Gott das Leben schrieb", wie der damalige Präsident Bill Clinton im Weißen Haus sagte, als die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts gefeiert wurde. Heute wissen wir, wie wenig wir tatsächlich davon verstehen, wie Leben entsteht, wie genau es sich entwickelt, verändert und schließlich vergeht. Und Stammzellen, die zur gleichen Zeit gefeierten medizinischen Hoffnungsträger und vermeintlichen Alleskönner, sind längst noch kein Rohstoff für eine blühende "regenerative Medizin".

Das Vertrauen fehlt in der Breite

Noch schlimmer sieht es in der Wirtschaft aus. Nach dem Platzen der Internetblase zu Beginn des Jahrzehnts steht sie heute weltweit am Rande des Zusammenbruchs, hängt am Tropf staatlicher Bürgschaften, und niemand kann mit Gewissheit sagen, wie und ob wir aus diesem vor allem aus Gier und Größenwahn geborenen finanziellen Schlamassel eines Tages mit halbwegs heiler Haut herauskommen werden. Aber sagen uns nicht Politiker und Banker, es ginge schon wieder ein bisschen bergauf? Sagen sie nicht, wir hätten das Gröbste hinter uns? Ja, das sagen sie. Und wer glaubt das noch?

"Das Vertrauen fehlt in der Breite - gegenüber Banken und Finanzdienstleistern, gegenüber Unternehmern und Managern, den Politikern und dem politischen System insgesamt, den klassischen Medien und sogar gegenüber der Art und Weise, wie die soziale Marktwirtschaft aktuell umgesetzt wird - dem zentralen Identitätsanker unseres Gesellschaftsmodells."

Das ist das zentrale Ergebnis einer Befragung, die kürzlich im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung durchgeführt wurde und ein Bild des offenbar rapide fortschreitenden Verfalls unserer Gesellschaft zeichnet. Wenn Vertrauen der Kitt ist, der unser Gemeinwesen zusammenhält, dann leben wir geistig bereits in Ruinen. Und es war nicht erst das Beben der jüngsten Banken- und Wirtschaftskrise, das den Einsturz herbeiführte. Der Glaube, die Mächtigen könnten die Probleme lösen, die sich in einer immer komplexeren Welt zeigten, erodierte bereits in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Viel langsamer zwar, aber doch unübersehbar. Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise war demnach nur noch so etwas wie der letzte Schubs über die Kante.

Dass die Jahrzehnte davor, die von 1960 bis 1980, aus heutiger Sicht sehr viel positiver bewertet werden, mag etwas mit der bekannten Verklärung der Vergangenheit zu tun haben. Die Beurteilung der Gegenwart jedenfalls ist eindeutig: Wenn drei Viertel das Vertrauen in Politik und Wirtschaft ohne Hoffnung auf auch nur absehbare Besserung verloren haben und 96 Prozent glauben, "dass die Menschen in Deutschland betrogen und fehlinformiert werden", dann kann das kaum noch zu negativ gedeutet werden.

Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geistes­wissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.

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KOMMENTARE (10 von 13)
 
Skillet4 (30.12.2009, 16:50 Uhr)
Ja, Reinhelt (12:53)
Und es kommt alles noch schlimmer. Und das scheint nonnöten, um einen Erneuerungsprozess in Gang zu setzen.
Heile Welt ist nicht mehr. Das kauft Ihnen keiner mehr ab.
Da nützen auch die plattesten Argumente nicht (höheres Alter, weniger Hunger, weniger Kriege). Welches Meßkriterium verwenden Sie? Die rosarote Brille vielleicht, oder das berühmte Glas Wasser, das bekanntlich immer nur halb voll, aber niemals halb leer ist?
D a s ist es, was man nicht mehr hören mag.
Diese Form von intellektueller Verallgemeinerung, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen, mit Bildzeitung, Prekariatsfernsehen und Sport (passiv) bis zum Abwinken die Hirnwindungen verkleistern.
Kritische Information haben wir zu wenig.
Von dem anderen MÜLL hingegen zu viel.
Auch das wird sich noch ändern.
Da bin ich auch ganz optimistisch.
Sanjoaquin (30.12.2009, 15:27 Uhr)
Herr Ochmann, unser Klischeegenerator
Wunderbar, wie der Herr Ochmann alle gängigen Klischees schön brav abarbeitet und somit dem Prototyp des jammernden und schwarzsehenden Homo Germanicus voll und ganz entspricht. Dazu passt dann ganz ausgezeichnet, dass er die Klimahysteriker als Elite bezeichnet. Kopenhagen ist kein negatives Zeichen sondern ganz im Gegenteil, die Menschen lassen sich nicht mehr länger von den Hysterikern für dumm verkaufen. Die Welt hat sich nicht gross verändert - und wenn eher zum Positiven, wie Rainhelt das schon gesagt hat -, bloss die Hysteriker sind viel mehr geworden und daran haben die Medien die grösste Schuld: "Only bad news are good news". Solange wir uns Schreiber leisten können, deren oberste Berufung darin besteht den Menschen mitzuteilen, dass alles immer schlechter wird, können wir gar keine Krise haben.
Holzkop (30.12.2009, 15:19 Uhr)
Soziale Ökologie ernster nehmen
Der eklatante Vertrauensverlust in der Gesellschaft wird hoffentlich noch zu Reden geben. Könnte es sein, dass wir gerade dabei sind, zu entdecken, dass es ? neben der Umwelt-Ökologie ? auch eine soziale Ökologie gibt? Nicht nur Luft, Wasser und Erde sind gesellschaftliche Ressourcen. Auch die Qualität des sozialen Klimas ist für das Funktionieren der vernetzten Gesellschaft wichtig. Nur wird das bislang überhaupt nicht beachtet. Und das ist dringend zu ändern. Wenn beispielsweise das Vertrauen "kontaminiert" ist, funktioniert die Gesellschaft nachweislich schlechter und wird in ihrem Gedeihen messbar gebremst oder gar blockiert. Warum sollten wir also nur jene bestrafen, welche unsere klassischen Umwelt-Ressourcen verpesten? Eine wirklich intelligente Gesellschaft wird in hoffentlich nicht zu ferner Zukunft auch die "Verschmutzer" ihres sozialen Klimas bestrafen. Damit könnte im übrigen auch eine Grundlage geschaffen werden, die exorbitanten Profit-Vorstellungen der Finanzindustrie mit einer angemesseneren sozialen Steuerabgabe zu belegen ? mindestens solange diese Profit-Ziele weiterhin kurzfristig zB auf der Basis von Wetten realisiert werden. Die soziale "Kontaminierung" unseres Gemeinwesens, die dadurch entsteht und die von den Akteuren bislang ohne jede Skrupel achselzuckend zur Kenntnis genommen wird, ist jedenfalls enorm und wird uns noch viele Jahre die Freude am Miteinander versauern.
Skillet4 (30.12.2009, 15:07 Uhr)
Wie soll so ein Vertrauensverhältnis zu politischen Entscheidungsträgern entstehen?
?Eine besondere Form des Lobbyismus ?im Dunstkreis der Korruption? (Hans Herbert von Arnim) wurde einer breiten Öffentlichkeit und vielen Parlamentariern erstmals im Jahr 2006 bekannt: Personen aus der Privatwirtschaft, aus Verbänden und Interessengruppen, die weiterhin Angestellte ihres eigentlichen Arbeitgebers bleiben und von diesem bezahlt werden, arbeiten zeitweilig als externe Mitarbeiter in deutschen Bundesministerien.Nach Darstellung der Bundesregierung sei eine politische Einflussnahme auf Entscheidungen der Ministerien jedoch ausgeschlossen.?
http://de.wikipedia.org/wiki/Externe_Mitarbeiter_in_deutschen_Bundesministerien
Erstmal den Dreck vor der eigenen Tür kehren.
Dann sieht man schon mal weiter.
knilch_59 (30.12.2009, 14:06 Uhr)
Das Jahrzehnt des information overload
Der endgültigen, absoluten Informations- und Reizüberflutung. Unterhalb einer Krise löst sich kein Handlungsdrang mehr aus, also muss alles zur Krise hochstilisiert werden.
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Wir werden es lernen müssen mit dieser schrillen Welt zurecht zu kommen, indem wir selbst bewerten, ob das, was angesagt ist, auch wichtig ist. Wenn es einer Krise der Eliten gleichkommt, dass wir zur Selbstbestimmung zurückfinden, ist das positiv. Wir müssen den konstruktiven Ungehorsam lernen: auf die Eliten hören, ohne ihnen blind zu gehorchen. Durch die elektronische Revolution bekommen autonome Denker ganz neue Möglichkeiten.
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Falls es gelingt, der uns damit wieder zugefallenen Verantwortung auch noch nachzukommen, wird das nächste Jahrzehnt prima. Vielleicht mit weniger materieller Absicherung. Aber mit mehr Spaß!
Malt (30.12.2009, 13:39 Uhr)
Ach ja...
...und wenn IRGENDWER oder IRGENDWAS bei mir im letzten Jahrzehnt an Vertrauen verloren hat, dann die deutsche Presse! Inklusive dem STERN. Ein rückratloseres Abtippen von durch die DPA und Reuthers veröffentlichten Artikeln hat die Welt seit der Gleichschaltung nicht mehr erlebt. Nur mal so am Rande!
Sternchen2020 (30.12.2009, 12:56 Uhr)
das letzte Jahrzehnt
war die Zeit, in der alles, aber auch restlos alles, was wir uns in Jahrzehnten mühsam aufgebaut haben, komplett zerstört wurde. Im Grunde ist man sprachlos.

Im nächsten Jahrzehnt müssen wir zusehen, dass wir das wieder einigermaßen hinbiegen. Doch zuvor ist die wichtigste Aufgabe, dass jene Leute, die maßgeblich für dieses Schreckensjahrzehnt Verantwortung tragen, auch tatsächlich zur Rechenschaft gezogen werden. Und wir müssen sicherstellen, dass solche Leute keine Macht mehr erhalten.

Menschlichkeit, Miteinander und eine tatsächliche Soziale Marktwirtschaft müssen ins Zentrum allen Geschehens rücken. Es wird lange dauern, um diese extrem Schäden, die dem Land zugefügt wurden, halbwegs zu reparieren

Rainhelt (30.12.2009, 12:53 Uhr)
@Malt
Volle Zustimmung. Und auch dieser Artikel versucht kramfhaft yu unterstellen: Alles ist schlecht und wie es ist kann es nicht weiter gehen.

Nur entspricht dies ueberhaupt nicht der Lage. Die Menschen werden so alt wie nie. Es gibt so wenig Krieg wie nie. Der Anteil der Hungernden ist so gering wie nie.

Aber alles ist so schlimm wie nie?

Und das ist dann die geniale Argumentation fuer den Szstemwechsel?
Kottenheinz (30.12.2009, 12:31 Uhr)
Lobbyparteien
Richtig, die Regierungsparteien sind reine Lobbyparteien. Selbst die FDP sagt, wir müssen zuerst die bedienen, die uns gewählt haben, Aber es gibt eine neue Partei, die wieder Zuversicht für die Zukunft verspricht. Die Soziale Mitte! Kommt und macht mit. Mehr Infos unter: www.soziale-mitte.com.
Josh67 (30.12.2009, 11:48 Uhr)
Chance
vertan.
Es hat sich doch nix geändert, solange unsere Politiker so fest mit der Wirtschaft verwoben sind, bleibts dabei.
Es wird noch schlimmer kommen, wir kennen das aus der Feudalzeit und der Industrialisierung.
Eine kleine Elite wird fast alles besitzen, den kümmerlichen Rest kann sich die Masse teilen.
 
Kopfwelten

stern-Redakteur Frank Ochmann berichtet über Aktuelles aus Hirnforschung und Psychologie und kommentiert Denk- oder auch Fragwürdiges.

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