Wenn das ausklingende Jahrzehnt mit einem Stichwort charakterisiert werden müsste, dann wäre es wohl das: Vertrauensverlust. Doch eine Krise ist nicht nur bedrohlich. Sie birgt auch Chancen. Von Frank Ochmann

Das Ende der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008: Durch die Wirtschaftskrise hat das Vertrauen in Banken und Politiker gelitten© Louis Lanzano/AP
Am Ende nicht nur eines Jahres, sondern sogar eines Jahrzehnts wäre es doch schön, könnten wir eine halbwegs positive Bilanz ziehen. Wie vor zehn Jahren zum Beispiel.
Da war längst nicht alles rosig. Aber es überwog am Ende bei den meisten Menschen doch der Optimismus. Deutschland war wiedervereinigt, die Jahrzehnte währende militärische und ideologische Konfrontation zwischen Ost und West war Geschichte, die Welt schien, ein bisschen wenigstens, sicherer. Wirtschaftlich ging es weltweit einigermaßen bergauf, auch wenn viele Ungerechtigkeiten blieben und auf die Endlichkeit der Ressourcen selten genug Rücksicht genommen wurde.
In der Wissenschaft war das menschliche Erbgut so gut wie entschlüsselt und die noch kurz vor der Jahrtausendwende entdeckten Stammzellen ließen manchen schon von ewiger Jugend träumen und vom immer paraten Ersatzteil für jedes unserer Organe. Das Internet schob sich zumindest als Begriff auch in eher technikferne Köpfe. Mobiltelefone wurden handlicher und beinahe eine Selbstverständlichkeit.
Es waren alles in allem eher gute, hoffungsvolle Gefühle, die uns erfassten, als Sydney und dann Stunde um Stunde alle Weltstädte rund um den Globus mit gigantischem Feuerwerk das neue Jahr und Jahrtausend begrüßten.
Zehn Jahre danach gibt es - von der Wirtschaft bis zur Wissenschaft - kaum Träume von damals, die noch zerplatzen könnten. Die Visionen einer schöneren, besseren, vielleicht sogar saubereren Welt liegen zerschlagen um uns herum wie die Scherben eines Zerrspiegels, dem wir einmal nur zu gern geglaubt haben, was wir in ihm sahen.
Was damals wie wachsende internationale Sicherheit schien, ist nach den Anschlägen vom 11. September 2001 dem mal mehr, mal minder heftig geführten internationalen "Krieg gegen den Terror" gewichen. Der macht es inzwischen sogar möglich, einem aktiven Oberkommandierenden wie US-Präsident Barack Obama den Friedensnobelpreis zu verleihen, ohne dass das auf die meisten Beobachter gar zu komisch wirkt. In den Kampf um die regionale oder gar globale Macht greifen unberechenbare und gefährliche Mitspieler wie der Iran oder Pakistan ein, von denen keiner mit Sicherheit sagen kann, wo sie nächstes Jahr, geschweige in zehn Jahren stehen werden.
Enttäuschte Versprechen gab es auch in der Wissenschaft reichlich. Am Beginn der Dekade waren wir stolz, die Sprache gelernt zu haben, "in der Gott das Leben schrieb", wie der damalige Präsident Bill Clinton im Weißen Haus sagte, als die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts gefeiert wurde. Heute wissen wir, wie wenig wir tatsächlich davon verstehen, wie Leben entsteht, wie genau es sich entwickelt, verändert und schließlich vergeht. Und Stammzellen, die zur gleichen Zeit gefeierten medizinischen Hoffnungsträger und vermeintlichen Alleskönner, sind längst noch kein Rohstoff für eine blühende "regenerative Medizin".
Noch schlimmer sieht es in der Wirtschaft aus. Nach dem Platzen der Internetblase zu Beginn des Jahrzehnts steht sie heute weltweit am Rande des Zusammenbruchs, hängt am Tropf staatlicher Bürgschaften, und niemand kann mit Gewissheit sagen, wie und ob wir aus diesem vor allem aus Gier und Größenwahn geborenen finanziellen Schlamassel eines Tages mit halbwegs heiler Haut herauskommen werden. Aber sagen uns nicht Politiker und Banker, es ginge schon wieder ein bisschen bergauf? Sagen sie nicht, wir hätten das Gröbste hinter uns? Ja, das sagen sie. Und wer glaubt das noch?
"Das Vertrauen fehlt in der Breite - gegenüber Banken und Finanzdienstleistern, gegenüber Unternehmern und Managern, den Politikern und dem politischen System insgesamt, den klassischen Medien und sogar gegenüber der Art und Weise, wie die soziale Marktwirtschaft aktuell umgesetzt wird - dem zentralen Identitätsanker unseres Gesellschaftsmodells."
Das ist das zentrale Ergebnis einer Befragung, die kürzlich im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung durchgeführt wurde und ein Bild des offenbar rapide fortschreitenden Verfalls unserer Gesellschaft zeichnet. Wenn Vertrauen der Kitt ist, der unser Gemeinwesen zusammenhält, dann leben wir geistig bereits in Ruinen. Und es war nicht erst das Beben der jüngsten Banken- und Wirtschaftskrise, das den Einsturz herbeiführte. Der Glaube, die Mächtigen könnten die Probleme lösen, die sich in einer immer komplexeren Welt zeigten, erodierte bereits in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Viel langsamer zwar, aber doch unübersehbar. Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise war demnach nur noch so etwas wie der letzte Schubs über die Kante.
Dass die Jahrzehnte davor, die von 1960 bis 1980, aus heutiger Sicht sehr viel positiver bewertet werden, mag etwas mit der bekannten Verklärung der Vergangenheit zu tun haben. Die Beurteilung der Gegenwart jedenfalls ist eindeutig: Wenn drei Viertel das Vertrauen in Politik und Wirtschaft ohne Hoffnung auf auch nur absehbare Besserung verloren haben und 96 Prozent glauben, "dass die Menschen in Deutschland betrogen und fehlinformiert werden", dann kann das kaum noch zu negativ gedeutet werden.
Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geisteswissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.