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28. September 2009, 11:49 Uhr

Forschung zwischen Leben und Tod

Sie sehen das Licht am Ende des Tunnels - oder wie sie wiederbelebt werden: Immer wieder berichten Menschen, die beinahe gestorben wären, von Nahtoderfahrungen. Der Arzt Pim van Lommel erforscht das Phänomen.

Zur Person Pim van Lommel, 66, ist Kardiologe und Nahtodforscher. Vor kurzem ist sein Buch "Endloses Bewusstsein" (Patmos-Verlag) erschienen

Herr van Lommel, Sie sind vielen Menschen begegnet, die auf der Intensivstation dem Tod knapp entronnen sind und völlig verändert zurück kehrten. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung?

Wie könnte ich das vergessen! Ich arbeitete damals als junger Assistenzarzt auf der Intensivstation. Ein 55 Jahre alter Patient erlitt drei Tage nach seinem Herzinfarkt plötzlich einen Herzstillstand. Damals, Ende der 60er Jahre, war es erstmals möglich, Menschen mit Hilfe von Defibrillatoren wiederzubeleben. Bei meinem Patienten war es nicht einfach: sein Herz begann erst nach dem zweiten Versuch wieder zu schlagen. Wir waren sehr erleichtert - er selbst dagegen war sehr enttäuscht.

Er freute sich nicht, noch am Leben zu sein?

Er war sogar sehr unglücklich darüber. Der Mann war vier Minuten bewusstlos gewesen und erzählte mir nach seinem Aufwachen begeistert von Lichtern, von Musik, von wunderschönen Landschaften, die er gesehen, von tiefem Frieden, den er erlebt hatte. Das kam für mich sehr unerwartet.

Warum?

Ich wusste, dass sein Gehirn während des Herzstillstands keinen Sauerstoff erhalten hatte. Es konnte also nicht aktiv gewesen sein. Dass der Patient dennoch etwas erlebt hatte, passte nicht in die herkömmlichen Theorien der Wissenschaft. Hatte ich als Mediziner doch gelernt, dass es unmöglich ist, bei Bewusstlosigkeit etwas wahrzunehmen!

Dachten Sie, der arme Mann hat den Verstand verloren?

Dachten Sie, der arme Mann hat den Verstand verloren? Im Gegenteil, ich spürte, dass er sehr aufgewühlt war, dass es ihm schwer fiel, seine Erlebnisse zu akzeptieren. Mir wurde klar: Hier geht es um eine Wirklichkeit, die größer ist als das normale Leben. Um ein Bewusstsein, das jenseits unseres Körpers, unabhängig von unserem Gehirn existiert. Eben jenes Bewusstsein, das ich nun in meinem Buch "Endloses Bewusstsein" beschrieben habe.

Zunächst aber sahen Sie sich das Phänomen der Nahtoderfahrung genauer an.

Damals wusste man nur sehr wenig über dieses Phänomen, und alle Erklärungen - die Nahtoderfahrung als Folge von einem Sauerstoffmangel im Gehirn, Medikamentennebenwirkungen oder extremer Todesangst - überzeugten mich nicht. Gemeinsam mit meinen Kollegen beschloss ich, diese Erlebnisse von Grund auf zu erforschen: Wir wollten herausfinden, wie viele Menschen so eine Erfahrung machen, was sie erleben und warum. Darum begannen wir 1988 Patienten, die einen Herzstillstand überlebt hatten, möglichst bald nach der Wiederbelebung nach ihren Eindrücken zu befragen.

Wie viele von ihnen erlebten eine Nahtoderfahrung?

Innerhalb von vier Jahren haben wir in zehn Kliniken insgesamt 344 Patienten nach einem Herzstillstand befragt. 62 von ihnen hatten eine Nahtoderfahrung durchlebt. Das bedeutet, dass etwa 18 Prozent aller Patienten mit einem Herzstillstand davon berichten. Doch tritt das Phänomen auch bei anderen lebensbedrohlichen Erkrankungen auf. Wie oft, weiß bislang niemand. Interessant ist allerdings, dass eine Nahtoderfahrung umso wahrscheinlicher ist, desto jünger der Patient ist. Studien ergaben, dass 70 Prozent der Kinder, die dem Tod knapp entrinnen, eine solche erleben.

Was berichten die Patienten?

Die Erlebnisse sind sehr unterschiedlich: Manche sehen ein helles Licht am Ende eines Tunnels, manche hören Musik, andere berichten von schönen Landschaften oder erleben einen tiefen inneren Frieden. Ab und zu berichten die Patienten von einer außerkörperlichen Erfahrung. Sie betrachten sich selbst von oben und beobachten zum Beispiel die Notoperation, die ihnen das Leben rettet. Besonders beeindruckend war für mich der Bericht über einen Patienten mit einer Zahnprothese.

Endloses Bewusstsein

Endloses Bewusstsein Endloses Bewusstsein

Seite 1: Forschung zwischen Leben und Tod
Seite 2: Was war an ihm so Besonderes?
Seite 3: Vielleicht verstehen wir unser Gehirn noch nicht gut genug.
 
 
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