Unter Druck stürzt das Denken in den Keller

27. Dezember 2006, 11:00 Uhr

Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther erklärt, warum unser Hirn unter Stress oft unvernünftige Entscheidungen fällt und welche Strategien vor Aussetzern schützen können.

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"Entspannungstechniken dürfen nicht zum Selbstzweck werden"©

Herr Hüther, was geht in unserem Gehirn vor, wenn wir unter großen Druck geraten?

Eines ist klar: Wir finden keine sehr klugen Lösungen. Wenn zu viel auf uns hereinprasselt, schaltet das Gehirn zurück, wir erleiden einen Rückfall in alte Bewältigungsstrategien.

Was heißt das?

Am besten stellt man sich die Vorgänge im Kopf wie einen Fahrstuhl vor: Ganz oben, im Obergeschoss, finden wir die umsichtigsten Lösungen. Im Keller die einfachsten. Im Obergeschoss denken wir vorausschauend, lösen Aufgaben kreativ. Denn dann nutzen wir den präfrontalen Cortex, zuständig für Handlungsplanung und Folgenabschätzung. Aber unter Druck versagt er kläglich.

Wieso? Die Nervennetze in unserem Frontalhirn sind großartig, aber sie sind sehr filigran. Bei Stress macht sich im präfrontalen Cortex eine Erregung breit. Und die führt dazu, dass die Verschaltungen dort nicht mehr funktionieren. Zurück zum Fahrstuhl: Bei steigendem Druck stürzen wir Stockwerk für Stockwerk ab. Statt neue Ideen zu entwickeln, greifen wir zu gewohnten Handlungen - weil die sich in der Vergangenheit bewährt haben. Und wenn das nicht mehr funktioniert, geht es noch tiefer: zu den Kindheitsmustern. Was passiert dann mit uns? Dann kommt es zu einem Verhalten, das wir an uns selbst nicht wirklich schätzen, wie Türen knallen oder auf den Tisch hauen. Das hilft zwar nicht wirklich weiter, aber es sind alte Muster. Ihre Verschaltungen sind im Gehirn gut gebahnt. Unter Druck laufen sie wie von allein ab.

Und wenn der Druck noch weiter wächst?

Dann geht es unter Umständen ganz in den Keller: Bei immensem Stress springen die archaischen Notfallprogramme an. Die haben wir übrigens mit allen Säugetieren gemeinsam: Das sind erstens Angriff, zweitens Flucht und drittens Erstarrung.

Das klingt recht bedrohlich. Wie können wir dem entgehen?

Das Cleverste wäre, vorausschauend zu denken. Ein Problem achtsam anschauen, warten und überlegen. Dinge nicht so lange vor uns herschieben, bis wir nur noch in Panik reagieren können. So können wir unser Gehirn besser nutzen.

Aber dafür haben wir nicht immer Zeit. Was dann?

Dann wäre es gut, wenn man Techniken zur Verfügung hat, sich selbst wieder zu einer inneren Ruhe zu bringen, damit man wieder nachdenken kann.

Was kann das sein?

Alle möglichen Entspannungstechniken: Yoga, Meditation, Joggen. Aber auch Rituale, Cocooning oder der Rückzug auf innere Bilder. Rituale beruhigen das Hirn, denn sie schaffen Verlässlichkeit und Ordnung. Belastung heißt ja immer, dass wir es mit einer zu großen Komplexität zu tun haben. Die müssen wir reduzieren. Aber Vorsicht: Die Entspannungstechniken dürfen nicht zum Selbstzweck werden. Selbst Dinge wie Joggen oder Rosenkranzbeten können zur Abhängigkeit führen. Die Erleichterung, die dieses Tun schafft, wird in unserem Gehirn gebahnt und gefestigt. Aber das Problem ist immer noch da. Also nicht vergessen: Alles, was das Problem nicht löst, ist nur Ersatz.

Was kann uns denn dann helfen, möglichst im Obergeschoss zu bleiben, kreativ zu denken?

Das sind vor allem drei Dinge: erstens das Vertrauen in eigenes Wissen, vorhandene Fähigkeiten und Fertigkeiten, zweitens das Vertrauen, dass es jemanden gibt, mit dem man Dinge gemeinsam lösen kann. Auf Englisch nennt man das "social support". Und drittens das Vertrauen, dass man gehalten ist in der Welt. Das braucht man, wenn man allein nicht weiterkommt und auch die anderen einem nicht helfen können. Die Christen werden jetzt sagen: Endlich hat er "Glauben" gesagt. Und die Yogis: Es geht eben nicht ohne Spiritualität. Aber ich nenne es bewusst Vertrauen. Vertrauen, dass es wieder gut wird und dass die Dinge Sinn ergeben. Diese Ressource ist unendlich stark. Leider haben wir in unserer Gesellschaft am meisten daran gesägt.

Was ist, wenn eine dieser Ressourcen fehlt?

Man kann sie sich wie drei Beine vorstellen, die einen Schemel stabil machen: Wer nur Vertrauen in sich selbst hat, sitzt trotzdem nicht gut. Nur Menschen, die alle drei Ressourcen gut entwickelt haben, sind richtig stark. Und haben auch die größten Chancen, ihr Gehirn und ihr kreatives Denkvermögen gut zu nutzen.

Übernommen aus ... GesundLeben Ausgabe 6/2006

Gerald Hüther ist Professor an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen

Interview: Andrea Walter
 
 
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