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Aktion "Lernlust statt Schulfrust": Schule kann und muss besser werden

Hurra, Hurra, die Schule rennt: Ein Experiment wagen jetzt Berliner Schüler. Sie fahren in einem Bus durch Deutschland, um zu erklären, wie Bildung besser gelingen kann. Die Unterstützung ist groß.

Von Ulrich Hauser

Die Roadshow der Schüler, die sie vom 19. bis zum 28. Januar durch zehn deutsche Städte führt, heißt "Lernlust statt Schulfrust" und ist eine Idee der im vergangenen Jahr neu gegründeten Initiativen "Bildungsstifter" und "Schule im Aufbruch". Über 250 Persönlichkeiten aus Kultur und Wirtschaft unterstützen die Aktion, die unter anderen vom Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther und Margret Rasfeld, Leiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, gegründet wurde.

Gerald Hüther gilt als einer der profiliertesten Kritiker des jetzigen Schulsystems. Und Margret Rasfeld ist gefragte Expertin für praxisorientierte Bildung. Sie organisiert seit Jahren gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern neue Formen des Unterrichts. Ihre Schülerinnen und Schüler referieren mittlerweile auf Bildungskongressen und geben Seminare für Lehrerinnen und Lehrer.

Auf der Roadshow wollen die jungen Bildungsexperten mit Gerald Hüther und Magret Rasfeld dafür werben, Talente und Eigeninitiative früh zu fördern. Und davon berichten, dass Schule Spaß machen kann. In München wird auch Peter Maffay dabei sein.

Im stern.de-Gespräch erklären Gerald Hüther und Margret Rasfeld, was sie sich unter einer "neuen Lernkultur" vorstellen. Klicken Sie einfach auf die nächste Seite!

Frau Rasfeld, Herr Hüther: Sie werden sich bald in einen Schulbus setzen und mit Schülerinnen und Schülern durch Deutschland touren. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Hüther

: Ich kenne die Schülerinnen und Schüler schon ein bisschen länger, weil mich die Arbeit von Margret Rasfeld beeindruckt. Sie hat es als Schulleiterin mit ihrem Team geschafft, dass die Kinder lächelnd in die Schule gehen, und eher traurig sind, wenn Unterricht ausfällt. Das sind sehr kompetente und beeindruckende Mädchen und Jungen, und ich denke, deren Elan sollten auch andere kennenlernen.

Rasfeld

: Naja, und so kamen wir auf die Idee mit dieser Roadshow. Einmal durch Deutschland zu fahren und den Leuten zu erzählen, wie Unterricht heute auch aussehen kann. Wie Lehrer und Schüler sich gemeinsam anstrengen, damit sie miteinander lernen. Und eine wirklich gute Zeit haben, weil sie nicht das Gefühl haben, gegeneinander zu arbeiten.

Hüther

: Auf meinen Vorträgen mache ich ja deutlich, was im Gehirn passiert, wenn sich Menschen begeistern. Und sich für eine Sache einsetzen, die sie wirklich interessiert. Wenn sie nicht einfach nacherzählen, was andere sagen. Oder stur auswendig lernen, was andere ihnen vorgeben. Wir Menschen entwickeln uns weiter, wenn wir Erfahrungen sammeln. Und wir wachsen an Aufgaben, wenn wir gezwungen sind, aus uns heraus nach Lösungen zu suchen. Nicht Vorgefertigtes konsumieren, sondern die Dinge selbst in die Hand nehmen. Und das machen die Schülerinnen und Schüler an Margret Rasfelds Schule. Da gibt es zum Beispiel Fächer wie "Verantwortung" oder "Herausforderung".

Rasfeld

: Jetzt wollen wir aber auf der Roadshow nicht darüber reden, wie unsere Schule organisiert ist. Sondern Eltern, Lehrer und Schüler ermutigen, gemeinsam nach neuen Wegen zu suchen. Deswegen haben wir im vergangenen Sommer mit über 250 Unterstützern aus der Wirtschaft und der Kultur gemeinsam unsere Initiative "Schule im Aufbruch" gegründet.

Was bedeutet "Schule im Aufbruch"?

Hüther

: Das ist erst einmal ein Forum für alle, die etwas ändern wollen. Die nicht mehr warten möchten, bis wieder eine Bildungsreform die nächste ablöst. Die genervt sind davon, was in vielen Schulen passiert. Dass Lernen eher mit Langeweile als mit Begeisterung verbunden wird. Wir möchten jeden, der sich heute andere Schulen wünscht, einladen, sich auf den Weg zu machen. Es geht darum, sich mit anderen zu verbinden und lokale Bündnisse zwischen Lehrern, Eltern, Schülern und Schulleitungen aufzubauen. Es ist ja nicht so, dass die Schulen heute keine Spielräume haben. Die kann man aber nur nutzen, wenn man sich einig ist.

Rasfeld

: Ich erlebe an unserer Schule ja, wie gut das funktionieren kann. Unsere Schülerinnen und Schüler können das Abitur machen wie an anderen Schulen auch. Aber sie haben eben früh die Möglichkeit, außerhalb der Schule, aber innerhalb des Unterrichts Erfahrungen zu sammeln. Wir wollen Mut machen, Herausforderungen anzunehmen. Wir möchten dazu ermuntern, Fehler zu machen, um aus ihnen zu lernen. Keine Angst zu haben, seine Fähigkeiten zu kennen, sich und seine Gefühle gut einschätzen zu können. Leben bedeutet Lernen...

Hüther

: ...und eben nicht, nur nach Noten zu schielen und zu hoffen, dass man einigermaßen durchkommt. Das Leben braucht starke Persönlichkeiten. Nicht gehorsame Pflichterfüller.

Sie werden auch von der Initiative "bildungsstifter" unterstützt. Was sind "Bildungsstifter"?

Rasfeld

: Wir möchten so vielen Menschen wie möglich Gelegenheit geben, sich zu engagieren. Die "Bildungsstifter" sind engagierte Bürgerinnen und Bürger, die nicht mehr zur Schule gehen, aber ein großes Interesse daran haben, dass so ein breiter Aufbruch in Gang kommt. Ab dem 19. Januar wird bildungsstifter.de jedem die Möglichkeit bieten, sich in der Bildungslandschaft Deutschlands umzusehen und zu engagieren. Wir erleben doch täglich, wie komplex und kompliziert unsere Welt ist. Aber unsere Schulen bereiten die jungen Leute nicht auf die Herausforderungen der Zukunft vor. Darauf, Probleme kreativ und phantasievoll zu betrachten. Mit Schwierigkeiten selbstbewusst umzugehen. Von Universitäten und Unternehmen werden junge Menschen gesucht, die eigenverantwortlich arbeiten können und möchten. Sie suchen Menschen mit sozialer Kompetenz. Menschen, die gelernt haben, aufeinander Rücksicht zu nehmen, umsichtig und teamfähig zu sein. Das kann man lernen. In der Schule.

Hüther

: "bildungsstifter" hält Angebote bereit, um Schulen bei der Bewältigung ganz spezifischer Probleme oder bei der Lösung von Herausforderungen zur Seite zu stehen und zwar mit Hilfe von Programmen, die in Deutschland etabliert sind und die sich bewährt haben.

Was bedeutet dies konkret?

Hüther

: Wir sind zum Beispiel erfolgreich mit unserer Idee, sogenannte "Sprachbotschafter" auszubilden. Das sind in der Regel ältere Schülerinnen und Schüler, die Jüngeren in Deutsch oder Mathe helfen oder auch sonst beim Lernen unterstützen. Vor allem Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache kennen. Da machen wir wunderbare Erfahrungen, da gibt es berührende Erlebnisse. Jeder profitiert vom anderen: die Älteren lernen, wie es ist, etwas zu lehren. Und die Jüngeren entdecken, wie viel Spaß es plötzlich machen kann, diese schwere Sprache zu verstehen. Außerdem lernen Schüler untereinander mehr. Schulen hätten über "bildungsstifter" gute Möglichkeiten zur Unterstützung dieser Programme.

Rasfeld

: Wir wollen es schaffen, mehr und mehr Menschen dafür zu begeistern, sich in diesem Sinn zu engagieren. Es gibt schon gute Initiativen, gute Schulen, und viele hochengagierte Menschen, die etwas besser machen wollen. Wir wollen sie bestärken mit unserer eindeutigen Botschaft, dass alle Kinder die Chance haben sollten, sich für die Gesellschaft zu engagieren, ihre Leidenschaften zu entwickeln und alle ihre wunderbaren Potenziale zu entfalten. Potenziale, die oft nicht in Leistungstests abprüfbar sind.

Glauben Sie nicht, dass Sie sich da zu viel vorgenommen haben? Eine neue Bildungspolitik wollten schon viele…

Rasfeld

: ...das stimmt. Aber immer sind es irgendwelche Verantwortlichen aus Schulverwaltung und Kultusbürokratie, die darüber bestimmen, was wann in welcher Reihenfolge gelernt wird. Wenn wir nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen: Warum tun wir dies nicht gemeinsam, Lehrer wie Schüler? Es ist doch absurd: Wenn Kinder sechs Jahre alt sind, wollen sie nichts sehnlicher, als in die Schule zu gehen. Weil sie bis dahin mit dem Lernen nur gute Erfahrungen gemacht haben. Aus eigenem Antrieb ist es ihnen gelungen, ohne Anstrengung zu lernen, die Welt zu erkunden und aufrecht zu stehen. Alles war aufregend und neu, sie wollten so viel wie möglich selbst machen.

Hüther

: Und dann kommen sie in die Schule und sollen nach Plan lernen, was sich andere für sie ausgedacht haben. Dort erfährt das Kind, was es sich wann in welcher Geschwindigkeit gefälligst zu merken hat. Wie beleidigend für einen so kleinen Bildungsexperten, der bis dahin doch sehr gut selbst herausgefunden hatte, wie man lernt.

Sie bezeichnen Schülerinnen und Schüler als "Bildungsexperten". Glauben Sie das wirklich?

Rasfeld

: Natürlich. Jeder Mensch ist doch Experte für sein eigenes Leben. Und eben auch fürs Lernen. Es geht aber darum, ihm Möglichkeiten zu eröffnen und Erfahrungen zu bieten, die ihm helfen, die Freude am Lernen zu steigern, nicht abzutöten. Jeder von uns weiß genau, wann er was in welchem Zustand gut lernt. Es geht uns auch darum, Schülern eine Stimme zu geben. Und das ist nicht nur deshalb wichtig, weil Kinder auch emotional berühren können, sondern weil es ihr gutes Recht ist. Es gibt die Kinderrechtskonvention, es gibt die Agenda 21, überall wird von Beteiligung geredet. Aber was heißt denn das eigentlich? Kinder haben noch ganz andere Kräfte. Kinder sind noch nicht so verbogen wie Erwachsene, sie können noch vieles, was Erwachsene längst verloren haben. Und sie sprechen Weisheiten aus und scheuen sich nicht vor der Wahrheit.

Das klingt nach einer großen Aufgabe. Was wären nächste konkrete Schritte, die man sich vorstellen könnte, um das Schulsystem zu erneuern?

Hüther

: Lernen läuft über Beziehung. Also müssen wir uns die Frage stellen, wie wir Schule organisieren. Haben wir eher Beziehungsverhinderungsanstalten, in der Lehrer alle 45 Minuten in eine andere Gruppe laufen müssen und bis zu 200 Schüler am Tag unterrichten? Oder wollen wir überlegen, wie wir bessere Strukturen schaffen können, damit bessere und mehr Beziehungen möglich sind?

Rasfeld

: Alle bisherigen Bildungsreformen versuchen im Moment lediglich, was wir immer schon machen, noch besser zu machen, ohne die Frage zu stellen: Machen wir vielleicht etwas grundsätzlich falsch, wenn immer mehr Schüler auf der Strecke bleiben und gelangweilt sind, von diesem Lernen auf Biegen und Brechen? Wir sollten besser auf unser inneres Wissen hören. Wir wissen alle ganz genau, dass viel schief läuft. Und wenn man dieses ernst zu nehmen beginnt, dann wissen wir auch, dass wir Schulen zu Orten der Menschlichkeit machen müssen und nicht zu Orten von fachwissenschaftlicher Bewertung und Abfrage. Das, glaube ich, ist die große Frage: Wie lassen sich Schulen in Orte verwandeln, wo Kinder im Geist von Menschlichkeit, von Teilen, Beziehungen, Wertschätzungen aufwachsen dürfen? Nur ein Mensch, der das erlebt hat, kann das später im Leben auch weitergeben. Durch PISA und andere Fachleistungs-Vergleichs-Studien ist die Gefährdung groß, dass Fach-Leistungs-Wissen sehr viel wichtiger genommen wird, als das Wissen, was uns Menschen miteinander verbindet.

Hüther

: Die Roadshow ist der Versuch, eine Bewegung in Gang zu setzen, die von den Menschen getragen wird, die vor Ort sind. Alle bisherigen Versuche, Schule zu verändern oder zu reformieren, sind Anordnungen von oben gewesen, die in den Schulen ausgeführt werden sollten. Wir möchten Veränderung "von unten". Wir versuchen den Besuchern, den Teilnehmern, den Gästen unserer Roadshow Mut zu machen, sie einzuladen und sie zu inspirieren, sich für ihre Schule einzusetzen. Es geht uns weniger um den Unterricht und um das, was in dieser Schule an Wissen vermittelt wird; es geht um eine neue Beziehungskultur. Wir wissen alle, dass hier im Augenblick große Defizite herrschen und das Schulen überhaupt nicht das zu leisten imstande sind, was sie leisten könnten, dass sogar die Lehrer krank werden, weil es nicht gelingt, eine günstigere Beziehungskultur in Schulen zu schaffen. Es geht also darum, an der jeweiligen Schule vor Ort ein festes Bündnis aufzubauen zwischen Schulleitung, Eltern, Lehrern und natürlich den eigentlich wichtigsten Personen in der Schule, den Schülern. Dafür wollen wir mit dieser Roadshow Mut machen.

Was kann jeder Einzelne tun?

Hüther

: Niemand ist allein. Jeder kennt ja noch fünf, zehn, 20 andere Menschen, die mit Schule zu tun haben, als Vater oder Mutter, Oma oder Opa. Sie könnten gemeinsam überlegen, wie man aus einer eher drögen Lehranstalt eine lebendige Lern-Werkstatt macht, in der das Leben tobt, jeder dem anderen von seinen neuen Entdeckungen erzählt. Schule ist neben Familie die prägendste Erfahrung für alle Heranwachsenden. Und dadurch, dass Schule bewertet, Zertifikate vergibt, selektiert und Lebenswege vorgibt, hat sie einen mächtigen, und leider oft negativen Einfluss auf die Entwicklung des Selbstbewussteins und die Motivation vieler Schülerinnen und Schüler. Dass dabei auch die messbaren Lernerfolge nur höchst unbefriedigend sind, wundert nicht.

Rasfeld

: Wer etwas verändern will, braucht Mut. Und die Gewissheit, dass andere ähnlich denken, indem sie sagen: Nun werden wir mündig. Wir wollen gemeinsam für etwas anderes stehen. Aber wie kann das andere aussehen? Die Roadshow, Schule im Aufbruch und bildungsstifter zeigen Beispiele. Wir leben doch alle in Traditionen, haben alle die alte Schule erlebt und durchlaufen sie auch heute noch. Also organisieren wir Gemeinschaften und zeigen, was sich bisher nur wenige Menschen vorstellen können. Wir zeigen uns gegenseitig, wie Schule ganz anders sein kann. Und meine Schüler und ich können von unseren guten Erfahrungen berichten. Davon, wie viel Freude wir haben.

Hüther

: Viele Lehrer wären froh, wenn Eltern da sind, die sie unterstützen. Und Schüler müssten spüren, dass all diejenigen, die in der Schule unterwegs sind, ihr Bestes geben, damit jeder Schüler seine jeweiligen besonderen Talente und Begabungen auch wirklich entfalten kann. Wir müssen doch im 21. Jahrhundert in der Lage sein, eine Situation in einer jeden Schule herzustellen, in der kein Kind die Erfahrung machen muss, dass es auf seine Leidenschaftlichkeit und Begeisterungsfähigkeit nicht ankommt. Schulen müssen zu Orten werden, an die sich jeder gern erinnert, und nicht mit Schrecken zurückdenkt und froh ist, wenn er seine Schulzeit endlich überstanden hat.

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