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Begabung richtig fördern: So entdecken Sie die Talente Ihres Kindes

Schlagzeug-Gigant oder Mathe-As? Computer-Experte oder Jongleur? Oder doch was mit Pinsel und Farben? Kinder sind ein Füllhorn an Begabung und Fantasie. Aber wie entdeckt man ihre versteckten Talente?

Von Ingo Scheel

Je mehr unterschiedliche Dinge Kinder ausprobieren können, desto größer ist die Chance, dass sie ihre Talente entdecken

Je mehr unterschiedliche Dinge Kinder ausprobieren können, desto größer ist die Chance, dass sie ihre Talente entdecken

Also, diese Beinarbeit. Ein Traum. Und wie sie den Ball am Fuß führt, schnaufend atmet und schließlich, nachdem ich getunnelt wurde, den Ball im Türrahmen, ich meine, im Tor versenkt, danach ein gepresstes "Gutes Ding" hervorstößt - unnachahmlich. Tor des Jahres. Mindestens. Was für ein Naturtalent. Meine Tochter ist viereinhalb Jahre alt, ihr Lieblingsspieler ist zwar Mario Grütze, aber sie trägt ihr HSV-Trikot voller Grandeur und drängt auf ihren ersten Stadionbesuch im Frühjahr. Die Sache scheint klar: Anni wird Fußballprofi. Heute jedenfalls.

An einem anderen Tag schlägt sie mit ihrem Besteck derart timing-sicher den Beat zu "Easy Money" von Johnny Marr und erkennt schon an den ersten Takten die neue Single von The Go!Team - vielleicht doch keine Karriere im Fußball, sondern irgendwas mit Musik? Beatles, Kraftwerk und Pippi Langstrumpf in einem. Das nächste große Ding. Wobei - wenn ich mir die Bilder so anschaue, die sie malt: Wie Miró und Meese, Keith Haring und Hergé an einem guten Tag. Also doch kein Fussi oder Musikbiz, sondern Popart, Vernissagen und Canapés mit Daniel Richter. Oder doch irgendwas mit Film? Also, ihre Rollenspiele, ich kann Ihnen sagen.

Anregung muss her

Das Problem kennen die meisten Eltern: Unsere Kinder stecken voller Begabungen und Fähigkeiten, voller Talente, Ideen und Fantasie. Wie aber kommen diese besonderen Kompetenzen ans Licht? Als Eltern neigt man dazu, siehe oben, das Portfolio der Junioren von der eigenen Warte aus zu sehen. Und natürlich ist es cool, wenn der Nachwuchs Andreas Dorau besser findet als Zuckowski, Orange lieber mag als Rosa und Fußball cooler findet als Ballett. Aber was, wenn irgendwo dazwischen noch ein ganz anderes Talent, eine ganz andere außergewöhnliche Begabung steckt? Was, wenn in der Tochter ein Zahlengenie, ein kommender Bill Gates oder eine Koryphäe für "Rocket Science" schlummert? Und wie entdecke ich das, wenn ich selbst doch schon daran scheitere, von einem Texthonorar die Umsatzsteuer wieder herauszurechnen?

Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie, hat zusammen mit stern-Autor Uli Hauser ein ganzes Buch darüber geschrieben. "Jedes Kind ist hoch begabt" ist der pragmatische Titel. Hüther sieht den Apparat Schule eher als "Erbsensortieranlage" denn als Bildungsanstalt. Sein Credo: Das Schulsystem war ok im letzten Jahrhundert, aber die Welt hat sich weiter gedreht. Die Schule dürfe längst nicht mehr ein System sein, sondern sollte stattdessen freiheitlich vorbereiten und anregen. Leidenschaft und Eigenverantwortung, die Welt gemeinsam zu gestalten - das sollte eine Schule bestenfalls katalysieren.

Wechseln Sie den Betrachtungswinkel

Unabhängig von der Schule sind es, kaum verwunderlich, die Eltern, die für ihren Nachwuchs als eine Art Talentscout fungieren müssen. Der wichtigste Faktor dabei: Zeit. Zeit haben. Zeit lassen. Und: machen lassen. Dabei nützt der Blick nach innen: Welche Talente hat es in der Familiengeschichte gegeben? Werden die noch gelebt oder haben wir sie aus den Augen verloren? Natürlich entdecken Kinder logischerweise jene Aktivitäten und Neigungen zuerst, die in ihrer Nähe liegen. Wie man von jenem Weg bewusst abkommt? Konträr denken. Und das gilt zuerst einmal für die Eltern, die sich von Routinen, von ihren Hobbys, ihren Interessensgebieten ein Stück lösen müssen, bzw. den Kindern einen Weg in unbekannteres Terrain ebnen müssen.

Persönliche Erfahrungen verstellen oft die Sicht, Hoffnungen können die Einschätzung vernebeln. Da werden mäßige Leistungen in den Himmel gelobt, nur weil man es als Elternteil vielleicht gerne hätte, dass das Kind in die eigenen Fußspuren stapft oder, schlimmer noch, den eigenen Misserfolg geradebiegt. Kein wirklich wünschenswerter Weg. Freiheit und Entwicklungsmöglichkeit buchstabiert sich sicher anders. Was also tun, wenn man Rat braucht? Die Autoren Thomas von Kraft und Dr. Edwin Semke haben diesem Problem ein ganzes Buch gewidmet.

Alles ausprobieren

"Talente entdecken und fördern" heißt es und umfasst zehn Bereiche, etwa: soziale Kompetenz, Leistungsmotivation, räumliches Denken, sprachliche Fähigkeiten, sportliche Fähigkeiten, Musikalität, Kreativität. Wichtig dabei ist, Überforderung ebenso wie Unterforderung zu vermeiden. Wie sagt es Dr. Gerald Hüther: "Pflanzen wachsen nicht schneller, wenn man an ihnen zieht."

Als Faustregel gilt: Bis zum 8. Lebensjahr sollte das Kind in möglichst viele Bereiche reinschnuppern dürfen. Dabei ist früher Zwang das wohl ungeeignetste Mittel. Vielmehr sollte nicht der geregelte Apparat einer Mannschaft, eines leistungsorientierten Vereins das Umfeld sein, sondern ein freiheitlicher Ansatz des Ausprobierens und, ja, auch des möglicherweise schnellen Verwerfens. Nach der alten Devise: Viel gegen die Wand schmeißen und dann mal schauen, was kleben bleibt. Singen oder Tanzen? Beides? Computer oder Reiten? Handball oder Einradfahren, Herbarien anlegen oder Sterne beobachten. Trial. And: Error! Nichts anderes geht.

Mit meiner Tochter war ich jetzt gerade in der Schwimmhalle. Also, ihr Armzug, ihre Beinarbeit. Der Albatross ist nichts dagegen. Olympisches Gold, ick hör dir trapsen. Oder vielleicht doch Ärztin. Botanikerin? Journalistin? Es ist ja noch Zeit. Geben wir sie unseren Kindern.

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