4. März 2008, 15:25 Uhr

Wenn Schulden krank machen

Geld macht nicht glücklich, heißt es. Doch Schulden bereiten vielen Leuten schlaflose Nächte und stressige Tage. Sie machen sogar krank: seelisch und körperlich. Sozialmediziner fordern daher gezielte Prävention und kostenlose Arztbehandlungen und Medikamente für Betroffene. Von Martina Janning

Schulden können krank machen: Depression ist eine häufige Folge©

Ein neues Auto gekauft, für den Urlaub einen Kredit aufgenommen, dann die Scheidung: So geraten viele Menschen in die Schuldenfalle - und in eine Krankheit dazu. Das zeigt eine aktuelle Studie der Universität Mainz, der zufolge acht von zehn überschuldeten Personen krank sind. Im Schnitt nannten die rund 660 befragten Besucher von rheinland-pfälzischen Schuldnerberatungen sogar zwei Erkrankungen.

Angstzustände, Depressionen und Psychosen

Studienleiter Professor Stephan Letzel betont: "Der Gesundheitszustand dieser Personengruppe ist absolut mangelhaft." Mehr als 40 Prozent klagten über Angstzustände, Depressionen oder Psychosen, rund 39 Prozent über Erkrankungen der Gelenke und der Wirbelsäule. Den befragten Frauen machten solche Leiden deutlich häufiger zu schaffen als Männern. Gleiches gilt für Störungen der Schilddrüse, die sich in Nervosität, zu hohem Blutdruck und Schwitzen äußern können, aber auch in Müdigkeit und vermindertem Antrieb. Überschuldete Männer hingegen liegen bei Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen vorn: Jeder fünfte Befragte fühlte sich davon betroffen.

Im Vergleich zu Menschen gleichen Alters und gleicher sozialer Stellung ohne Schuldenprobleme "stellen wir bei Überschuldung ein zwei- bis dreifach größeres Risiko fest, an bestimmten Krankheiten erkrankt zu sein", sagt Professor Eva Münster vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Mainz, das die Untersuchung gemacht hat. Ein Befund mit Belang. Denn im Jahr 2007 stieg die Zahl der überschuldeten Deutschen um 150.000 auf 7,3 Millionen, berichtet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Die Finanzkrise auf dem Immobilienmarkt sowie rasant kletternde Kosten für Energie und Lebensmittel könnten weitere Menschen in die Überschuldung treiben.

Am Anfang stand die Krankheit, am Ende der Schuldenberg

Auslöser für das Anhäufen eines Schuldenbergs sind vor allem Schicksalsschläge wie Arbeitslosigkeit und Scheidung. Immer öfter werden auch Konsumgelüste zum Verhängnis. Rund eine Million Betroffene sei durch übertriebene Kauflust in die Schuldenfalle geraten, berichtet Creditreform-Vorstand Helmut Rödl. Krankheiten spielen ebenfalls eine große Rolle. Sie sind nicht bloß Folge, sondern in manchen Fällen auch ein Faktor, der zu einem wachsenden Schuldenberg beiträgt. Der Mainzer Studie zufolge geriet ein Fünftel der Befragten durch eine Erkrankung in Zahlungsnot. Ein typischer Verlauf: Jemand hat einen Bandscheibenvorfall, muss seinen Job aufgeben und kann seine Rechnungen nicht mehr zahlen.

Und plötzlich sind die Freunde weg

Überschuldete seien eine besondere Risikogruppe innerhalb der Armen, betont Münster. "Die Verschuldung bedroht den Arbeitsplatz." Durch die Kontosperrung kann der Arbeitgeber das Gehalt nicht mehr überweisen, bei einer Lohnpfändung muss er sogar mitmachen. In Firmen gelten verschuldete Mitarbeiter daher schnell als Last und leistungsschwach. Überdies fallen Überschuldete tief - ohne, dass ein soziales Netz sie auffängt. "Eine zusätzliche Belastung ist, dass sich bei etwa der Hälfte der Überschuldeten Freunde oder Familie aufgrund der finanziellen Notlage zurückziehen", sagt die Juniorprofessorin. Gleichzeitig kapseln sich viele Betroffene ab. Sie gehe nicht mehr vor die Tür, schreibt eine überschuldete Frau in einem Internetforum: "Ich traue mich nicht mehr zu Freunden und habe immer ein schlechtes Gewissen meiner Schwester gegenüber, bei der ich auch Schulden habe." Ebenfalls mangels Geld igeln Überschuldete sich ein; die Hälfte tritt zum Beispiel aus Vereinen aus, stellten die Mainzer Wissenschaftler fest. Aus vielen Studien ist bekannt, dass der Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben die Gesundheit beeinträchtigt.

Aus Geldnot nicht zum Arzt

Zugleich lassen Überschuldete sich seltener behandeln als andere Menschen. In der Mainzer Untersuchung gaben 65 Prozent an, sie hätten während des vergangenen Jahres aus Geldmangel ärztlich verschriebene Medikamente nicht gekauft. 60 Prozent erklärten, dass sie wegen der Praxisgebühr auf Arztbesuche verzichteten. Jeder Zweite gab zudem an, sich wenig gesund zu ernähren und kaum Sport zu treiben. Die Sozialmediziner fordern daher ein spezielles Präventionsprogramm für überschuldete Personen und arbeiten bereits an einem wissenschaftlichen Projekt dazu, mitfinanziert von den rheinland-pfälzischen und saarländischen Betriebskrankenkassen.

Eine weitere Konsequenz aus der Studie: Überschuldete sollten unbürokratisch von Zuzahlungen zu Arztbesuchen und Arzneimitteln befreit werden, sagen die Wissenschaftler. Münster regte an, Personen, die sich durch eine private Insolvenz entschulden, eine Bescheinigung für ihre Krankenkasse auszustellen, damit diese sie von der Selbstbeteilung an medizinischen Leistungen entbindet. Derzeit ist dies für das Gros der Überschuldeten nicht möglich, weil ihr Einkommen zu hoch ist und es nicht zählt, was ihnen wirklich zum Leben bleibt. Außerdem seien viele überschuldete Menschen wegen ihrer angespannten Lage schlicht überfordert, einen Antrag auf Befreiung bei ihrer Krankenkasse zu stellen, sagt Münster.

Von Martina Janning
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
bernie-abg (05.03.2008, 12:29 Uhr)
@Buureremmel...
...lesen Sie den Artikel noch mal gründlich.
7,3 Mio. sind überschuldet, davon 1 Mio. durch übertriebene Kauflust.
Also nichts von " Im weitaus größten Teil der Fälle konstatieren die Insolvenzgerichte" unangepasstes Konsumverhalten" als Ursache. ".
TomHopeman (04.03.2008, 20:53 Uhr)
Endlich denk mal jemand nach...
mag sein, dass meine beiden Vorredner recht haben und ich würde mich freuen, wenn sie nicht ausversehen mal unter die Räder kommen, denn das geht schneller als sie denken. Die Problematik die hier erkannt und besprochen urde soll wohl eher die Leute berücksichtigen, die durchaus in der Lage wären und den Willen hätten, wenn es Ihnen gesundheitlich besser ginge. So ein Allgemeines über einen Kamm scheren ist wohl nur aus einem arroganten Blickwinkel möglich. Jedem Anderen sollte klar sein, dass man sich in so eine "Situation" recht leicht manövriert. Hilfe zur Selbsthilfe wäre der beste Ansatz und nicht ausgrenzen und von weitem urteilen.
Buureremmel darf also gern mal überdenken, was er braucht, wenn ihm seine Häuser, das Bankkonto und die Firma zusammenbrechen, weil er vorübergehend nicht ganz bei der Sache war, oder zu sehr mit der abwertenden Meinung an seine Nachbarn gedacht hat, statt an sich selbst. Mich würde mal interessieren, wer oder was mehr Schaden verursacht: Steuerbetrug, wie man es dem "Känguru" vormacht, oder die, die behandelt werden sollten, damit sie wieder auf die Beine kommen.
Der-nette-Nachbar (04.03.2008, 16:48 Uhr)
Überfällig
Schön, dass jemand diese Problematik mal erkannt hat. Da die Lösungen auch schon in der Schublade parat liegen, steht einer schnellen Umsetzung ja wohl nichts mehr im Wege, oder?
Buureremmel (04.03.2008, 16:17 Uhr)
Es trifft überwiegend nicht zu,
dass "Schicksalsschläge wie Arbeitslosigkeit und Scheidung" der Hauptgrund für die Überschuldung sind. Im weitaus größten Teil der Fälle konstatieren die Insolvenzgerichte" unangepasstes Konsumverhalten" als Ursache. Die Krankheit ist als "Känguru-Krankheit" zu diagnostizieren (Mit leerem Beutel große Sprünge machen.)
Ich will die Belastungen dieser Leute nicht abtun, man muss aber auch bedenken, dass diese sich oft immense Vermögensvorteile zu Lasten anderer verschafft haben, indem sie geliehenes Geld nicht zurück zahlen, gelieferte Ware nicht bezahlen, Miete nicht bezahlen etc.
Die solcherart Geschädigten erhalten übrigens keine aus Steuergeldern finanzierte Zuwendung aus der Ecke des gewerblichen Gutmenschentums, auch werden ihre psych. Belastungen selten öffentlich gewürdigt und bedauert.
olli68 (04.03.2008, 16:12 Uhr)
Mündiger Verbraucher?!
Es ist der Witz schlechthin, dass am Ende dieses durchaus interessanten Berichtes der "Fortis Auto-Mobil-Kredit" und die "American Express Gold" zu finden sind! Auch wenn ich eigentlich an den mündigen Verbraucher glaube, so wird es speziell wenig solventen Kunden im unteren Einkommensbereich viel zu leicht gemacht, Kredite (zu extrem ungünstigen Konditionen) abzuschließen. Das ist bei vielen der Anfang vom finanzielklen Ende - und damit trifft die Kreditunternehmen eine massive Mitschuld am Elend vieler.
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