Alltagsgeschichte
Den ältesten erhaltenen Bleistift verlor vor 400 Jahren ein deutscher Zimmermann

Sieht aus wie ein Sandwich, schreibt aber noch heute: Der älteste erhaltene Bleistift der Welt
Sieht aus wie ein Sandwich, schreibt aber noch heute: der älteste erhaltene Bleistift der Welt
© Faber-Castell Archiv

Debattieren Sie mit!

  • Mit stern-Account aktiv an allen Debatten teilnehmen und kommentieren.
Jetzt registrieren
Der Bleistift ist eine relativ junge Erfindung. Und das älteste Exemplar, das wir heute kennen, stammt aus Süddeutschland: Ein Handwerker ließ es dort beim Hausbau fallen.

Er besteht aus Lindenholz und Graphit und wurde einst in einem schwäbischen Dachgebälk entdeckt: Der älteste erhaltene Bleistift der Welt kommt aus Deutschland. Und er dürfte trotz eines Alters von knapp 400 Jahren für die meisten von uns sofort als solcher erkennbar sein – auch, wenn er sich in zwei Aspekten noch von heutigen Modellen unterscheidet.

Die frühesten Bleistifte wurden vor allem von Handwerkern benutzt und sind deshalb auch als „Zimmermannsbleistifte“ bekannt. Mit ihnen markierten die Männer Hölzer und Materialien, die sie bearbeiten wollten – die meisten Handwerker werden einen solchen Stift in der Tasche gehabt haben. Markenzeichen des Zimmermannsbleistifts: Er ist eckig, nicht rund oder sechsseitig, wie moderne Bleistifte. Und das aus gutem Grund: Das wichtige Utensil sollte nicht wegrollen. Das ist unpraktisch genug, wenn der Stift auf einem Tisch liegt – es ist wirklich unpraktisch, wenn man ihn kurz in schwindelnder Höhe auf dem Baugerüst einer Kathedrale ablegt und er dann davonrollt.

400 Jahre alter Bleistift aus Bauernhaus

Zudem bestand diese Frühform des Bleistifts noch nicht aus einer dünnen Mine in der Mitte, die rundum von Holz umschlossen wird, sondern sie war aufgebaut wie ein Butterbrot: Holzleiste, flache, recht dicke Graphitmine, noch eine Holzleiste. Im Vergleich zu modernen Minen war diese auch etwas härter, da sie auf unempfindlichen Materialien zum Einsatz kam und möglichst nicht brechen sollte. Noch heute gibt es übrigens diese stabilen, eckigen Bleistifte zu kaufen – und noch immer sind sie besonders bei Zimmerleuten beliebt.

Der älteste erhaltene Bleistift ist genau so einer. Er wurde in den 1960er Jahren bei der Renovierung eines schwäbischen Hauses gefunden, wo ihn einst ein Zimmermann im Dachstuhl verloren hatte. Vermutlich geschah das, als das Haus erbaut wurde – so lässt sich das Utensil gut datieren. Es dürfte um 1630 zuletzt benutzt worden sein. Den Namen seines Besitzers kennt man leider nicht mehr. Vermutlich bestand die Mine aber aus Graphit, das aus England importiert worden war: Große Vorkommen dieses neuen, zuerst fälschlich für eine Art Blei gehaltenen, Materials waren dort gerade entdeckt worden und hatten den Boom des Bleistifts mitverursacht. Daher übrigens auch der Name Bleistift – echtes Blei hat in der Mine nichts verloren.

Der Bleistift: eine Erfolgsgeschichte

Rückblickend ist überraschend, wie spät die Menschheit dieses praktische Schreibwerkzeug erfand. Zuvor wurde über Jahrtausende gepinselt, gemeißelt, gedrückt oder gekratzt, mit Tinte und Gänsefedern hantiert – all das hat seinen Zweck erfüllt, war aber so aufwendig, dass Schreiben und Malen einer eher kleinen Bevölkerungsgruppe vorbehalten blieben. Mit dem Aufkommen des anspruchslosen, praktischen Bleistifts ab dem 17. Jahrhundert aber konnte sich jeder künstlerisch ausprobieren.

Der schwäbische Zimmermann, der sein Exemplar zwischen den Dachstreben verlor, dürfte sich jedenfalls geärgert haben. An jeder Ecke bekam man Bleistifte damals nämlich noch nicht. Immerhin wird ein gewisser Friedrich Staedtler in den Archiven der Stadt Nürnberg als Handwerker, der bereits im Jahr 1662 Graphit-Minen in Holz einfasste, aufgeführt. Vielleicht konnte der arme Mann dort Ersatz bekommen. Und noch heute kann man überall Staedtler-Bleistifte kaufen.

Der älteste erhaltene Bleistift selbst allerdings befindet sich heute im Firmenmuseum der Konkurrenz: bei Faber Castell in Stein, nahe Nürnberg. Dort kann man ihn auch – nach Voranmeldung – in Augenschein nehmen. Das Unternehmen selbst wurde allerdings erst 1761 gegründet.

PRODUKTE & TIPPS

Kaufkosmos

Mehr zum Thema