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70 Jahre stern

Senatsempfang in Hamburg: stern-Chefredakteur Christian Krug: "Wir haben die Aufgabe, aufzuklären"

70 Jahre stern, 70 Jahre relevante und spannende (Presse-)Geschichte. Anlässlich des Markenjubiläums hat der Hamburger Senat ins Rathaus geladen. Lesen Sie hier die Rede von stern-Chefredakteur Christian Krug im Wortlaut nach.

70 Jahre stern: Die Rede von stern-Chefredakteur Christian Krug in Hamburg

"Es gibt noch sehr viel zu erzählen", so stern-Chefredakteur Christian Krug in seiner Rede beim Senatsempfang in Hamburg

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrter Herr Gabriel, liebe Julia Jäkel, liebe Gäste und natürlich liebe Kollegen vom stern und Gruner + Jahr. Nachdem sich ja alles recht gut entwickelt hat mit dem stern in den letzten 70 Jahren, will ich doch noch einmal kurz zum Anfang zurückblicken. 

Im Impressum damals standen unter Henri Nannen nur eine Handvoll Namen. Es gab ganze drei Redakteure. Ein früher Mitarbeiter, Günther Dahl, war auch nur da, weil er eine Schreibmaschine besaß. Dahl erinnerte sich folgendermaßen an die Gründungsjahre in einem von Bomben getroffenen Haus: "Wir waren nicht leicht zu erreichen. Im ersten Stock – hinter einer Zeltplane, weil die Wand eingestürzt war, hatte sich eine Kaffeestube mit Klavier und Geige eingerichtet. Da musste man durch, wenn man zu uns wollte. Wir waren sechs Leute. Jeder hatte sich von zu Hause einen Stuhl mitgebracht. Ich sogar einen Schreibtisch. Die meisten waren im Besitz eines Bleistiftes. Oft nur noch eines Stummels. Der wurde so lange mit einem Kartoffelschälmesser angespitzt, bis man ihn nicht mehr greifen konnte." 

Die Medienwelt und die Redaktion haben sich seitdem ein wenig verändert. Auch der stern ist von der Illustrierten, die ausgiebig über sternchen des Kinos berichtete zu einer großen Zeitschrift gereift. Eigentlich gab es drei sterne. Den ersten, der im Jahr 1938 und 1939 im Deutschen Verlag erschien und der heute als Teil der NS-Propaganda gesehen werden muss. Den zweiten, den Henri Nannen 1948 erfand – und der sich an der optischen Machart des Vorgängers orientierte - und den dritten, der sich in den 60er Jahren aus der Illustrierten zum politisch-gesellschaftlichen Magazin entwickelte.

Wir feiern den stern und seinen liberalen, weltoffenen Geist aus den Gründerjahren der Republik

Uns wurde im Vorwege dieses Jubiläums vorgeworfen, wir würden mit unserem wahren Alter schummeln. Wir seien ja schon 80. Das ist natürlich nicht wahr. Wir selbst haben im Jahr 2015 im stern über den stern aus der Nazizeit berichtet. Wir haben da nichts zu verheimlichen. Aber wir feiern heute mit Ihnen den stern, den Nannen nach dem Krieg gegründet hat. Wir feiern den stern und seinen liberalen, weltoffenen Geist aus den Gründerjahren der Republik, nicht einen beerdigten Namensvetter, zu dem die heutige Redaktion nie einen Bezug hatte. Und dessen Existenz uns über Jahrzehnte nicht bewusst war. 

Der stern, den wir feiern wollen, wird seit 70 Jahren Woche für Woche von einer engagierten Redaktion gemacht und von einem nicht minder engagierten Verlag getragen und manchmal auch ertragen. Die turbulenteste Zeit hatte er sicherlich 1983, als man meinte, Hitler hätte Tagebücher geführt und ein stern-Reporter hätte sie gefunden. Was danach kam, schrieb ebenfalls Pressegeschichte. Tagelang besetzten die Redakteure die Redaktionsräume an der Warburgstraße, um eine Chefredaktion zu verhindern, von der sie überzeugt waren, sie sei die falsche für diesen liberalen Dampfer. Es war ein Überlebenskampf. Bis heute ringen wir oft mit uns, oft kämpfen wir auch. Weil uns der stern so am Herzen liegt. Er ist für uns nicht nur ein Stück Pressegeschichte, sondern auch Pressezukunft. 

Youtube-Videos werden eine Redaktion nicht ersetzen.

Es ist nach wie vor Reporterleistung, die Wahrheit ans Licht zu bringen, über Missstände aufzuklären und den Mächtigen auf die Finger zu schauen. Das werden auch in Zukunft keine Blogger übernehmen, die für ihre Posts von der Industrie oder Lobbyverbänden bezahlt werden. Youtube-Videos werden eine Redaktion nicht ersetzen.

Geschichten waren immer der Treibstoff unseres Erfolges. Sie zu finden und zu erzählen, bleibt unsere Aufgabe. Weltweit ist der Journalismus unter Druck, ökonomisch und immer öfter politisch. Diejenigen, die eine freie Presse immer als störend empfunden haben, setzen schon zum Triumphgeheul an. Sigmar Gabriel hat dies eben ausgeführt. 

Wie schön ließe es sich regieren, wenn nur die aufmüpfigen Journalisten nicht wären. Das ist ein Trugschluss. Demokratien leben von der Auseinandersetzung, vom Ringen um die besten Ideen für eine gerechte Gesellschaft. Darum ist es im stern immer gegangen. Und darum wird es ihm auch in Zukunft gehen. 

Es war die Redaktion des stern, die in den Siebzigerjahren nicht zulassen wollte, dass Millionen Menschen in Afrika verhungern, es waren die Redaktion des stern und die Gemeinschaft der stern-Leser, die über 100 Millionen Mark für die Russlandhilfe zusammenbrachten, um die Not dieses Volkes zu lindern – und damit vielleicht auch einen Teil zur Entspannungspolitik beigetragen haben. Es war die Redaktion des stern, die die Abschaffung des Paragraphen 218 zumindest vorbereitet hat. Weil sie davon überzeugt war, dass Frauen selbst bestimmen sollen, wie sie leben wollen. Ohne Kai Hermanns "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" hätte das immer gemütlicher werdende Deutschland weiter die Augen verschlossen vor den jugendlichen Drogentoten, die sich in Berlin häuften. Es war die Redaktion des stern, die den IG-Metall-Skandal um Insidergeschäfte aufdeckte, der zum Rücktritt ihres Vorsitzenden Steinkühler führte. Es war die Redaktion des stern, die die Aktion "Mut gegen rechte Gewalt" ins Leben rief und mit dem Programm "Exit" vielen Menschen aus der Neonazi-Szene zum Ausstieg verholfen hat.  

Und es war die Redaktion des stern, die die Steueraffäre um Uli Hoeneß mit seiner Berichterstattung anstieß und am Ende trotz aller Anfeindungen Recht behielt. Hoeneß spricht mit dem stern bis heute kein Wort und hegt einen großen Groll gegenüber unserem Magazin. 

Wir Journalisten, auch die vom stern haben die Aufgabe, aufzuklären. Im Kleinen wie im Großen.

Man hätte all diese Skandale und Ungerechtigkeiten geschehen lassen können, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Unwissenheit. Und genau darum geht es damals wie heute und in der Zukunft. Wir Journalisten, auch die vom stern haben die Aufgabe, aufzuklären. Im Kleinen wie im Großen. Und dieser Aufgabe wollen wir mit Lust, Energie und Leidenschaft nachkommen. Auch in den nächsten 70 Jahren. 

Der Verlag Gruner + Jahr und alle seine Mitarbeiter haben diese Aufgabe immer leidenschaftlich unterstützt. Darauf kann der ganze Verlag auch an diesem Tag stolz sein. Wir stellen eben keine Schrauben her, sondern Worte und Bilder, die die Gesellschaft verändern können. Es liegt an uns, dass sie ihre Wirkung behalten. Auch in einer Welt, die immer konfliktreicher und komplexer zu werden scheint. 

Der stern hat, wie wahrscheinlich jede und jeder 70jährige in diesem Land, eine bewegte Geschichte. Er strotzte in seiner Jugend vor Kraft und ist sicher ein ums andere Mal übers Ziel hinausgeschossen. Er hat tiefe Krisen erlebt und hat, nach dem Desaster mit den Hitlertagebüchern sogar in den Abgrund geblickt. Wir haben uns davon erholt und zu neuer Stärke gefunden. Wir haben sogar eine gewisse Gelassenheit entwickelt.  Quasi Altersmilde uns selbst gegenüber. Daher haben wir uns entschlossen die Hitlertagebücher am Tag des Journalismus, den wir mit unseren Leserinnen und Lesern am 15. September feiern wollen, aus dem Keller zu holen und sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und wir wollen sie nicht als museale Stücke der Niederlage zeigen, sondern sie zum Anlass nehmen, über das Handwerk des Journalismus zu sprechen.

Im Deutschen Bundestag sitzt eine Partei, die uns als Feind betrachtet, weil wir nach der Wahrheit suchen.

Wie schützen wir uns heute gegen Fake News? Wie begegnen wir der organisierten Lüge? 

Wir wollen uns öffnen und mit den Menschen, die an Informationen Interesse haben, in einen stärkeren Austausch über das treten, was sie von uns erwarten - in einer Zeit, in der Journalisten beispielsweise dem amerikanischen Präsidenten als Feinde des Volkes gelten. 

Trump, Erdogan, Orban, Morawiecki, Putin – sie alle sehen uns in Abstufungen genau so. Wer garantiert uns allen hier im Saal, dass die Medien in unserem Land so frei bleiben? Wir sind mitten drin in diesem Kampf. 

Im Deutschen Bundestag sitzt eine Partei, die uns als Feind betrachtet, weil wir nach der Wahrheit suchen. Diese Partei strebt danach, die Pressefreiheit, wie wir sie kennen, abzuschaffen. Es ist das untrügliche Erkennungszeichen von Despoten und Demagogen. Die Influencer Caro, Bibi und Pamela werden sich wohl nicht vor sie werfen und aufhalten. 

Fragt man mich heute nach dem Journalismus der Zukunft, glaube ich, gibt es nur eine Antwort: Wir werden uns dem Medienwandel sehr dynamisch anpassen müssen. Aber eines wird bleiben: Die Menschen lieben Geschichten. Das ist der Treibstoff unseres Erfolges. 

Und der wird bleiben, da bin ich ganz sicher. Es gibt noch sehr viel zu erzählen. 

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. 

Redakteure blicken zurück: Wie Dieter Bohlen dem stern gestand, dass er nicht singen kann

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