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Nannen Preis

Laudatio zum Sonderpreis: "Mit ihrer Arbeit stellt sie sich den Angstmachern und Hetzern aller Seiten entgegen"

Der stern hat die herausragende Arbeit von Souad Mekhennet mit dem Sonderpreis beim Nannen Preis 2018 ausgezeichnet. "Die Journalistin geht den Geschichten der Täter auf den Grund. Und schont dabei niemanden", sagte stern-Chefredakteur Christian Krug in seiner Laudatio.

Nannen Preis 2018: Laudatio von stern-Chefredakteur Christian Krug zum Sonderpreis

Christian Krug, Chefredakteur des stern, applaudiert Souad Mekhennet, Sicherheitskorrespondentin der "Washington Post", der er bei der Verleihung der Nannen Preises 2018 in der Elbphilharmonie den Sonderpreis der stern-Chefredaktion überreicht hat

DPA

Gestern Abend haben der stern und das Verlagshaus Gruner + Jahr den Nannen Preis 2018 verliehen. Der Preis gilt als die bedeutendste Auszeichnung für Journalisten in Deutschland. Die deutsche Journalistin und Autorin Souad Mekhennet hat den Sonderpreis der stern-Chefredaktion im Rahmen des Nannen Preises erhalten. Damit ehrt der stern ihre Berichterstattung zum Terror als außerordentliche journalistische Leistung.

Aus diesem Anlass dokumentieren wir die Laudatio von stern-Chefredakteur Christian Krug im Wortlaut.

"Warum hassen Sie uns so sehr?"

Diese Frage beschäftigt Souad Mekhennet noch heute. Sie hörte sie 2002 von Maureen Fanning, der Ehefrau eines Feuerwehrmannes, der bei dem Anschlag auf das World Trade Center sein Leben ließ. Souad Mekhennet berichtete über den Prozess gegen ein Mitglied der sogenannten Hamburger Zelle. Und traf dabei auf Fanning. Die sagte zu ihr: "Niemand hat uns darüber informiert, dass es Menschen gibt, die uns derart abgrundtief hassen.Warum wussten wir nichts davon? Die Politiker haben es uns verschwiegen. Und ihr auch, obwohl ihr Journalisten seid."

Das ist der zentrale Vorwurf, der Souad Mekhennets Arbeit prägen sollte. Sie machte es sich zum Ziel, nicht nur den Terror zu beschreiben, sondern auch die Terroristen und deren Motive zu erklären. Dazu musste sie diese aber erst einmal kennenlernen. Denn Schilderungen aus zweiter Hand oder dritter machen Mekhennet misstrauisch. Sie will ihre Quellen selbst treffen – und ist dafür mehr als einmal bewusst das Risiko eingegangen, entführt und getötet zu werden. Sie gehört sicher zu den mutigsten Journalistinnen, die ich kennengelernt habe.

Nannen Preis 2018 : Souad Mekhennet: "Wir müssen mit IS-Anhängern reden"


"Die Journalistin geht den Geschichten der Täter auf den Grund. Und schont dabei niemanden"

Für viele ist diese Frau auch eine Zumutung. Denn: Sie bringt für Terroristen Verständnis auf.

Über ihr Treffen mit einem Anführer des sogenannten "Islamischen Staats" schreibt sie: "Er erinnerte mich an meinen kleinen Bruder und ich fühlte mich wie eine große Schwester, die ihn beschützen muss."

Sie liest in alten Emails eines Mannes, der in der syrischen Wüste Menschen mit dem Messer köpft und Videos seiner Taten ins Internet stellt, und erkennt darin "Worte von jemandem, der emotional und etwas verzweifelt wirkt."

Das ist schwer erträglich. Aber genau deswegen haben wir Souad Mekhennet, Sicherheitskorrespondentin der "Washington Post", heute Abend nach Hamburg eingeladen.

So schonungslos wie sie hat niemand uns über Jahre hinweg mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontiert: Die Mörder des Islamischen Staates sind keine Monster aus einer fremden, finsteren Welt. Sie sind keine Orks aus Herr der Ringe. Allzu oft beginnt die Geschichte ihrer Radikalisierung hier in Europa, mitten unter uns. Mit Menschenfängern, die Hass predigen. Und mit einer Gesellschaft, die hilft, dem Hass den Boden zu bereiten, indem sie Menschen ihrer Hautfarbe, ihres Glaubens oder ihrer Herkunft wegen ausgrenzt und anfeindet. Erfahrungen wie sie Souad Mekhennet – aufgewachsen als Tochter muslimischer Einwanderer in Frankfurt – selbst gemacht hat. Sie hat daraus ihre Neugier entwickelt, nicht ihre Ablehnung.

Die Journalistin geht den Geschichten der Täter auf den Grund. Und schont dabei niemanden: Nicht sich selbst, nicht ihre Leser – und ganz sicher nicht ihre Interviewpartner, die Terroristen. Sie geht keinen Handel mit ihnen ein. Sie verspricht nur eines: Die Wahrheit zu berichten.

"Mit ihrer Arbeit stellt sie sich den Angstmachern und Hetzern aller Seiten entgegen"

Sie sagt: "Man muss mit den Leuten reden, die die Anschläge verüben. Nur so können wir verstehen, was sie antreibt." Sie will wissen, woher der Hass kommt, weil sie merkt, dass unsere Gesellschaft immer mehr auseinanderdriftet.

"Der IS-Rekrutierer tut genau dasselbe wie ein Geert Wilders oder eine Marine Le Pen, sie alle spielen mit der Angst. Jeder benutzt die andere Seite", schreibt Souad Mekhennet – eine bewusste Provokation.

Mit ihrer Arbeit stellt sie sich den Angstmachern und Hetzern aller Seiten entgegen. Sie hilft, Brücken zu schlagen und Gräben zu überwinden, die der Hass aufgerissen hat.

Sie tut das mit einer Unerschrockenheit, die mir höchsten Respekt abverlangt, und mit einer investigativen Hartnäckigkeit, die ihresgleichen sucht. Souad Mekhennet weiß um den Einfluss, den Worte haben können, und wie vorsichtig man deswegen mit ihnen umgehen muss. Es war ihr marokkanischer Großvater, der einst zu ihr gesagt hatte: "Weißt du, die wirklich mächtigen Menschen, das sind die, die aufschreiben, was passiert ist."

Dafür verleiht die Chefredaktion des stern ihr den diesjährigen Sonderpreis.

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