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"Maybrit Illner" Zu viele Listen, keine Strategie: Eine der ersten sieben Ausgeflogenen kritisiert deutsches Versagen in Kabul

Maybrit Illner
Die Runde bei "Maybrit Illner": Katrin Eigendorf, André Wüstner, Maybrit Illner, Annalena Baerbock, Johann Wadephul (vorn, von links) Zugeschaltet: Souad Mekhennet (linker Bildschirm), Patoni Izaaqzai-Teichmann 
© Screenshot ZDF
Bei Maybrit Illner wird über die Situation in Afghanistan diskutiert. Auffällig dabei: Die Suche nach dem Schuldigen wird vertagt, Antworten für den Moment hat aber auch niemand.
von Andrea Zschocher

Das Thema, das alle dieser Tage beschäftigt, ist die Lage in Afghanistan. Selbstverständlich gibt es auch bei "Maybrit Illner" ein Spezial zu diesem Thema, das nicht weniger wollte als der Frage nachgehen: "Triumph der Taliban – woran ist der Westen gescheitert?". Tatsächlich stellte Illner diese Frage mehrfach. Die Antworten waren immer gleich: Untersuchungsausschüsse müssen das klären, momentan ginge es einzig und allein darum, Menschenleben zu retten. Nur wie das möglich sein soll in diesem Chaos, diese Frage konnte niemand beantworten. 

Zu Gast waren:

  • Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Parteivorsitzende und Kanzlerkandidatin
  • Souad Mekhennet, Sicherheitskorrespondentin "Washington Post"
  • Katrin Eigendorf, ZDF- Korrespondentin
  • Patoni Izaaqzai-Teichmann, Vorsitzende Afghan German Association
  • Johann Wadephul (CDU), stellv. Fraktionsvorsitzender
  • André Wüstner, Oberstleutnant, Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes

Beeindruckend war vor allem, was Patoni Izaaqzai-Teichmann zu berichten hatte. Die Frau war einer der sieben Menschen, die die Bundeswehr mit der ersten Maschine aus Afghanistan ausgeflogen hat. Und sie erhob schwere Vorwürfe gegen Deutschland. "Es war schrecklich, die Taliban zu sehen", erzählte sie, und, dass sie Glück hatte, überhaupt in dieser Maschine gelandet zu sein. Viele andere haben diese Chance nicht und einer der Gründe ist, dass die Deutschen in Afghanistan zu schlecht organisiert sind. Es gebe zu viele Listen mit unterschiedlichen Namen, und unter anderem auch deswegen ist es vielen Menschen überhaupt nicht möglich, bis zum Flughafen vorzudringen. Sie mahnte dringend zu einer besseren Zusammenarbeit zwischen den USA und Deutschland vor Ort. "Wir lassen einfach alle dort [zurück]. Wir können die Leute nicht rausholen, weil wir keine Strategie haben." Izaaqzai-Teichmann ist traurig und auch fassungslos. 

Ortkräfte werden nicht zum Flughafen vorgelassen

Die beiden Journalistinnen Souad Mekhennet und Katrin Eigendorf stimmten ihr zu. Eigendorf erlebt in diesen Tagen aus der Ferne ähnliches, sie berichtet, dass es unmöglich sei, Ortskräfte, die für das ZDF tätig sind, aus dem Land zu holen. Immer wieder würden diese mit ihren Familien von den Amerikanern abgewiesen werden, ein Gate, an dem Deutsche zuständig sind, gibt es laut ihren Informationen aber gar nicht. Und so bliebe ihr und vielen in der Redaktion nur das Hoffen darauf, dass am Ende alles gut gehen wird. 

Widersprüchliche Aussagen zur Zusammenarbeit vor Ort

Dem wiedersprach Johann Wadephul entschieden. Vieles vor Ort sei gut organisiert, Wadephul behauptete auch, es gäbe ein Gate, für das die US-Amerikaner zuständig sind und eines für die Deutschen. Auf drängende Nachfrage von Katrin Eigendorf, wo sich dieses denn befinde, kam der CDU-Politiker ins Straucheln. "Ich frage mich, wo ist die Strategie", fragte die Journalistin erregt, während Wadephul weiter an seinem Glaubenssatz festhielt "Wir haben eine sehr enge Zusammenarbeit". Natürlich lässt sich die Lage von Deutschland aus schwer überblicken, aber es ist mindestens irritierend, wie sehr der stellvertretende Fraktionsvorsitzende an seiner Hoffnung auf eine gemeinsame Lösung festhielt, während er gleichzeitig nach Fehlern bei den anderen suchte. 

"Deutsche Stellen sind von den Amerikanern nicht immer richtig informiert worden", mahnte Wadephul an und drängte seinerseits auf einen Untersuchungsausschuss. Dass der aktuell aber niemandem etwas nutzt, dass es jetzt im Moment vor allem um die Rettung von Menschenleben gehen muss, diese Dringlichkeit vermisste man beim CDU-Mann. Natürlich befinden wir uns mitten im Wahlkampf, aber als Zuschauende wünscht man sich schon, dass die Prioritäten gerade anders liegen würden. 

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Verantwortung ist unteilbar

Oberstleutnant André Wüstner forderte "Verantwortung und Konsequenz", was den Umgang mit den Verantwortlichen angeht. "Verantwortung ist unteilbar. […] Man muss ja in den Spiegel schauen können", sagte er und drängte ebenfalls auf eine lückenlose Aufklärung. Natürlich muss dies geschehen und selbstverständlich müssen dann auch andere als die aktuelle Regierung in den Fokus rücken. Auf die Frage, wie man vor Ort dem Zettelchaos Herr werden und möglichst viele Menschen retten kann, warf er ein, dass dies "nicht vom Schreibtisch aus" behoben werden könnte. Das sah auch Annalena Baerbock so. Ihre konkreten Ideen für die nächsten Tage:

  • mehr Flugzeuge, die Menschen aus dem Land in Sicherheit bringen
  • keine verschiedenen Listen sondern eine einheitliche (wie das Chaos mit mehreren Listen überhaupt entstanden ist, scheint unklar)
  • (bessere) Zusammenarbeit mit den USA
  • Ein (stellvertretender) Botschafter muss vor Ort sein
  • Annegret Kramp-Karrenbauer soll nach Usbekistan zur Truppe reisen um vor Ort aktiv zu unterstützen

Wüstner ergänzte dann noch, dass er das "großzügige Ausfliegen" in ein Drittland befürworten würde und die Menschen dort erst einem genaueren Check unterzogen würden. So würde erreicht werden, dass mehr Menschen als bisher ausgeflogen und in Sicherheit gebracht werden könnten. Bemerkenswert ist auch, dass die gesamte Diskussion sich nur um die Unterstützung für die Ortskräfte drehte. Über Unterstützung für den Rest der afghanischen Bevölkerung, die nicht alle unter der Herrschaft der Taliban leben möchten, wurde nicht gesprochen. 

Weitere Themenpunkte:

Sind die neuen Taliban anders? "Natürlich ist das eine neue Generation von Taliban", sagte Katrin Eigendorf zu. Es gäbe unterschiedliche Flügel und momentan sei nicht absehbar, welcher von ihnen sich durchsetzen werde, ergänzte Souad Mekhennet.

War die Entscheidung vor 20 Jahren richtig? Hier waren sich Grüne und CDU einig: Die Hilfe vor 20 Jahren in Afghanistan war richtig. André Wüstner wies darauf hin, dass man "Menschen 20 Jahre lang bessere Lebensbedingungen ermöglicht" hätte. Das sei richtig gewesen und würde so auch von Veteranen und den hinterbliebenen Familien kommuniziert.  Wieso wurde nicht schon im April mit dem Ausfliegen von Ortskräften begonnen? Laut Johann Wadephul hätten die Dienste keine Gefahren gemeldet, auch, als es in Journalist*innenkreisen bereits ein Thema war. Auch hier schlug der CDU-Mann vor, eine Untersuchung vorzunehmen, wie gut und verlässlich u.a. der BND arbeitet. 

Was kommt ist noch nicht absehbar

Aktuell sind zahllose Menschenleben bedroht, die Freiheit vieler wird massiv beschnitten. Die Bilder von den verzweifelten Menschen, die sich an ein Flugzeug klammern, von denen, die vom Fahrgestell aus großer Höhe fallen, werden sich für immer in unsere Köpfe brennen. Die Journalistin Souad Mekhennet warnte, dass dies erst der Anfang gewesen sein könnte. Denn klar ist, dass die Taliban in Afghanistan die Macht wiedererlangt haben, wird Auswirkungen auf die globale Sicherheitslage haben. Was genau auf uns zukommt ist momentan noch nicht absehbar. Aber, dass der Westen mit seiner Friedensmission gescheitert ist, das wird in diesen Tagen überdeutlich. 


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