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70 Jahre stern

Senatsempfang in Hamburg: Ex-Außenminister Sigmar Gabriel: "Der stern ist aus der Geschichte der Republik nicht wegzudenken"

"70 Jahre stern" - einer der Festredner im Hamburger Rathaus war Ex-Bundesaußenminister Sigmar Gabriel. Er hat dem Magazin eine kleine Liebeserklärung gemacht.

In einem Festsaal im Hamburger Rathaus steht SPD-Politiker Sigmar Gabriel vor einem geschnitzten Hamburger Wappen und spricht

Ex-Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) hält seine Rede zu "70 Jahre stern"

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

sehr geehrte Frau Jäkel,

sehr geehrter Herr Krug,

meine Damen und Herren,

haben Sie herzlichen Dank für die große Ehre, mich hier heute zu einer Rede anlässlich des 70. Geburtstages des stern im Hamburger Rathaus zu halten. Sozusagen als Remineszenz an Niedersachsen, denn dort in Hannover ist er ja gegründet worden – Gott sei Dank dann doch unter dem Namen "stern" und nicht wie anfänglich vorgesehen unter dem Namen "Zick Zack".

Dann allerdings haben die Hanseaten ebenso wie den "Spiegel" von Hannover nach Hamburg geholt – irgendwie hat sich von der Piraterie Störtebeckers hier in der norddeutschen Metropole doch etwas erhalten.

Aber was soll man eigentlich zu diesen 70 Jahren stern noch sagen, was nicht bereits viel besser vom stern selbst gesagt, geschrieben und vor allem bebildert worden ist?              

Deshalb dachte ich mir, ich beginne mal damit, Ihnen meine Geschichte mit dem stern zu erzählen, denn ich vermute, es wird nicht wenige meiner Generation geben, denen es ähnlich erging.

Aber heute ist einfach der richtige Tag für eine kleine Liebeserklärung. 

Ich gestatte mir jetzt mal so zu sein, wie der stern zum Glück noch nie gewesen ist: nämlich distanzlos, tendenziös und kitschig. Aber heute ist einfach der richtige Tag für eine kleine Liebeserklärung. Zeit für eine Liebesgeschichte, die vor mehr als 45 Jahren begann.

Denn damals vor 46 entschied sich meine Mutter, neben der Fernsehzeitung "Hör Zu" auch – wie sie sagte – etwas "Vernünftiges" zu abonnieren. Den stern. Grund war – so meinte sie jedenfalls Jahre später – das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt im Deutschen Bundestag über dessen Hintergründe sie sich unzureichend informiert fühlte.

Als Krankenschwester wäre sie damals nicht auf die Idee gekommen, den "Spiegel" oder die "Zeit" zu abbonnieren, aber der stern war etwas, wo sie sich angesprochen, informiert und unterhalten fühlte.

Ich erinnere mich daran deshalb, weil es der Tag war, an dem in meiner Schule – ich war in einer Mittelschule für Knaben – der gesamte Unterricht ausfiel oder besser gesagt alle Lehrerinnen und
Lehrer sich gemeinsam mit uns Schülern um die wenigen Fernseher drängte, die es damals in einer Schule gab, um gebannt der Abstimmung über eben dieses Misstrauensvotum zu folgen. Der Schultag wurde einfach ganztätig zur "Sozialkunde" umdefiniert.

Nun habe ich mich damals weiß Gott nicht für Politik interessiert und so richtig verstanden, um was es da ging, habe ich es auch nicht. Aber der stern kam ins Haus und ich begann zum ersten Mal etwas anderes zu lesen als auf dem Schulhof "Bravo" oder die "Praline" – letztere behielt in einer reinen Jungenschule ohne Mädchen allerdings durchaus noch eine ganze Weile ihre Beliebtheit.

Der stern war für eine ganze Reihe von Jahren so etwas wie der wöchentliche Fortsetzungsroman für das Weltgeschehen.

Aber der stern war fortan für eine ganze Reihe von Jahren so etwas wie der wöchentliche Fortsetzungsroman für das Weltgeschehen. Er illustrierte, um zu erklären. Und die Fotos sprachen oft für sich selbst und waren wichtiger als manche Geschichte.

Für uns tat sich damals eine neue Welt auf. Für einen kleinen Jungen in einer kleinen Stadt kamen mit dem stern die große Welt, die große Politik und die großen Stars ins Haus. Glamour in Goslar – das gab es damals nur im stern.

Und noch heute ist man beeindruckt wenn man zurück blickt viele der stern-Ausgaben in den vergangenen 70 Jahren: Beeindruckt von den Bildern der ersten Mondlandung, den Reportagen über einen strahlenden Bundeskanzler ("Willy Brandt erzählt aus Erfurt"), hingerissen von den Porträts wunderschöner Künstlerinnen (Erinnern sie sich an Veruschka?).

Ich muss allerdings zugeben, dass ich damals nicht alle Ausgaben des stern in die Hände bekam – dafür hat meine Mutter gesorgt. Wer zum Beispiel dieser Oswald Kolle war, musste ich später und ohne den stern herausfinden.

Eben ein bisschen so wie die erste Liebe.

Ja, damals war der stern wie ein Beweis, dass wir erwachsen wurden. Eben ein bisschen so wie die erste Liebe. Und auch heute, beide in etwas würdigerem Alter und trotz manchem Hader in den vergangenen Jahrzehnten, ist diese Liebe zum stern nicht vergessen und nicht erkaltet. Wie das so ist mit Jugendlieben: man vergisst sie nie und freut sich immer, wenn man ihr wieder begegnet. Beim stern habe ich das Glück, ihr an jedem Donnerstag erneut zu begegnen.

Ja, es gibt ihn immer noch den stern, obwohl es viele andere Zeitschriften längst nicht mehr gibt, die damals vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland das Lichte der Medienwelt erblickten. Es fängt vielleicht schon damit an, dass der stern immer etwas anderes war als die beiden anderen berühmten wöchentlich erscheinenden Periodika aus dieser Stadt.

Er verstand sich nie als gediegen hanseatische Wochenzeitung im Tageszeitungsformat und schon gar nicht als selbsternanntes "Sturmgeschütz der Demokratie".

Der stern hatte schon immer ein heißes Herz – empathisch, teilnehmend, emotional.

Der stern war weder akademisch-kühl noch distanziert ironisch. Nie elitär und schon gar nicht zynisch. Im Gegenteil: Der stern hatte schon immer ein heißes Herz – empathisch, teilnehmend, emotional. Ohne Angst vor der Berührung oder dem großen Gefühl. stern lesen hieß immer, im Vollkontakt mit der Welt zu sein. Gerade auch dort, wo sie unangenehm, erschreckend und schmerzhaft ist. Wer die Fotos der contagangeschädigten Kinder in Erinnerung hat oder das von Fliegen übersäte und fast verhungerte Kind im Sudan, wird wissen, was ich meine. Bei den Reportagen des stern konnte man nicht unbeteiligt bleiben.

Ohne Scheu mitzufiebern, mitzufühlen und auch mitzuleiden. Niemand, der die stern-Reportagen über die Kinder vom Bahnhof Zoo (1981) oder die Kinder der Aborigibes in Australien (2016) gelesen hat, wird diese Schicksale je vergessen.

Dem stern ist in all diesen Jahren etwas gelungen, was vermutlich für alle Beteiligten anstrengend und fordernd war: journalistische Distanz bewahren und trotzdem keine Angst vor Nähe zu haben – das ist eine große und selten gewordene journalistische und verlegerische Leistung.

"Perfektes Magazin für die junge westdeutsche Demokratie"

Das machte den stern aber gerade zum perfekten Magazin für die junge westdeutsche Demokratie – ein Blatt für die wachsende Mitte eines jungen Staates. Anspruchsvoll, aber nicht verkopft. Unterhaltend, aber nicht reißerisch. Politisch, aber nicht demagogisch.

Und der stern und vor allen Gründer und Übervater Henri Nannen wollten auch selbst Politik machen. Manfred Bissinger, langjähriger Weggefährte des stern, sagte dazu mal: Der stern wollte Täter sein und nicht Merker. Den Wandel und das eigene Land politisch mitgestalten ja, parteiisch eher nein.

Auch wenn Henri Nannen ähnlich wie der zweite Gründervater des politischen Journalismus im Nachkriegsdeutschland, Rudolf Augstein, sogar zu FDP Parteitagen als Delegierter gereist sein soll, um dort kleine Broschüren zu verteilen, in der die Notwendigkeit der Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze erklärt wurde.

Ohne den stern wäre der Aufbruch für eine neue Ost- und Entspannungspolitik weit schwieriger gewesen.

Man kann wohl sagen, dass ohne den stern und auch andere engagierte politische Journalisten
im Nachkriegsdeutschland, der Aufbruch für eine neue Ost- und Entspannungspolitik weit schwieriger gewesen, vielleicht sogar gescheitert wäre.

Und auch mit seinen Bildern bewies der stern immer einen Sinn für Demokratie: Natürlich wurde immer schon über die Mächtigen, Schönen und Reichen berichtet.

Aber eben nicht als unnahbare Halbgötter, sondern als Menschen. Die Fotos von Willy Brandt beim Rasieren, Helmut Schmidt in kurzen Hosen oder Franz Beckenbauer mit blankem Hintern unter der Dusche erdeten "die da oben" - jedoch ohne ihnen ihre Würde zu nehmen.

Auch deswegen ist der stern aus der Geschichte der zweiten deutschen Republik nicht wegzudenken – gerade, weil er anders war und ist bis heute - ein einzigartiger journalistischer Wegbegleiter der deutschen Demokratie und ihrer sich mitunter stürmisch entwickelnden Gesellschaft.

Redakteure blicken zurück: Wie Dieter Bohlen dem stern gestand, dass er nicht singen kann

Ein Reportage-Magazin, in dem schreckliche oder schöne Ereignisse, aufregende Geschichten, verstörende oder bezaubernde Bildstrecken und überraschende Interviews mit Stars und Prominenten sich gleichberechtigt nebeneinander fanden. Das bedeutet aber eben nicht, dass der stern unpolitisch war.

Es war wohl der große Verdienst Henri Nannens zu erkennen, dass sich die Deutschen nach den ersten Jahren der Entbehrungen im Wiederaufbau des Landes und eines langsam aber stetig steigenden Wohlstands jetzt auch wieder gesellschaftlich und politisch orientieren wollten. Glamour und die Flucht aus dem Alltag in die bessere Welt der Illustrierten reichte nicht mehr.

Das zu erkennen und daraus eine journalistische Marke zu entwickeln, machte den stern zu einem
Leitmedium für die breite Mitte der bundesdeutschen Gesellschaft, denen der "Spiegel" zu intellektuell abgehoben und der Boulevard zu wenig war.

Ob Abtreibung oder Asyl, Ostpolitik oder Rechtsradikalismus – immer wieder hat der stern Flagge gezeigt und Haltung bewiesen.

Im Gegenteil: Ob Abtreibung oder Asyl, Ostpolitik oder Rechtsradikalismus – immer wieder hat der
stern Flagge gezeigt und Haltung bewiesen. Nicht für eine Partei. Aber unbeirrbar für ein modernes, weltoffenes, menschliches Deutschland. Ein Deutschland der guten Nachbarn, im Innern wie nach Außen, wie es Willy Brandt in seiner ersten Regierungserklärung aus Zielsetzung ausgab.

Bis heute hat es der stern konsequent vermieden, in eine publizistische Schublade gesteckt zu werden. Ja, der stern ist bis heute eine Wundertüte oder Pralinenschachtel, wie es Forrest Gump gesagt hat: Man weiß nie, was im neuen stern steckt oder steht.

Aber immer ist es bester und bestens recherchierter Journalismus – ob aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft und Technik. Und das nach wie vor mit den international besten Fotografinnen und Fotografen.

Denn auch das macht den stern immer noch einzigartig in der Medienlandschaft: Seine Bebilderung und seine Bildserien sind bis heute legendär und ziehen auch mich immer wieder ins Blatt.

Ich weiß nicht, wie viele Magnum-Fotografen der stern unter Vertrag hatte, aber es müssen etliche gewesen sein. Ein Foto, das hatten die Blattmacher wie Rolf Gillhausen schon in den 1960er Jahren erkannt, sagt eben häufig mehr als tausend Worte.

Der stern war seiner Zeit voraus!

Das war damals journalistische Avangarde und verkaufte sich trotzdem prächtig. Der stern war seiner Zeit voraus! Keine Frage: Der stern und seine Macher wussten von Anfang an, dass sie ein Alleinstellungsmerkmal brauchten, um sich dauerhaft in der deutschen Medienlandschaft zu platzieren.

Die Macher oder besser "der" Macher: Wie bei den beiden anderen Periodika aus dieser Stadt waren
die Gründer bzw. Begründer große Verlegerpersönlichkeiten, die kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs loslegen, noch bevor sich die Bundesrepublik konstituierte.

Auch wenn sie jeweils ein Jahrzehnt trennte, aber ohne Gerd Bucerius (*1906) keine "Zeit", ohne Rudolf Augstein (*1923) kein "Spiegel" und natürlich ohne Henri Nannen (*1913) kein stern und ohne Axel Springer (*1912) keine "Bild".

Ja, es waren die großen, gelegentlich herrischen Patriarchen, von denen die Medienlandschaft in Deutschland noch heute lebt.

Sie alle machen einen tollen Job!

Über Jahrzehnte hinweg waren sie Blattmacher und prägende Medien-Gestalter, die zugleich ihren erheblichen Anteil an der demokratischen Entwicklung und Weiterentwicklung unseres Landes hatten. Nicht nur deshalb gebührt ihnen posthum Dank und Anerkennung.

Aber auch denjenigen, die unter völlig veränderten Bedingungen das Werk der großen Gründer fortsetzen, und allen, die am täglichen bzw. wöchentlichen Zustandekommen von Qualitätsjournalismus beteiligt sind:

Als Chefredakteur (Christian Krug), Frauen und Männer die als Redakteure, Reporter, Autoren, Zwischenrufer wie Hans-Ulrich Jörges, Seiten-Layouter, Kommentatoren, Archivare, Fotografen, Zeichner (Til Mette!) oder unverzichtbare Kräfte in den Offices oder Back-Offices. Herzlichen Dank ihnen allen für 70 Jahre exzellenten Journalismus in einem wirklich einmaligen Blatt.

Sie alle machen einen tollen Job! Und Sie können als Team auf den wöchentlichen stern stolz sein, weil es ein "Team-Produkt" ist.

Ich freue mich jedenfalls immer, wenn ich aus dem Ausland nach Deutschland zurückkomme, hier eine so vielfältige und vitale Presse- und Medienlandschaft zu genießen.

Das ist nicht nur inzwischen ein echter Standortvorteil Deutschlands, sondern die Pressevielfalt gehört für mich ganz persönlich zu einer freien und demokratischen Heimat!

Die letzten 70 Jahre waren für den stern so bunt wie das Blatt selbst.

Der stern erklomm die Zinnen des modernen Reportage-Journalismus.

In den 1960er Jahren wurde der stern von einer Illustrierten zum Wochenmagazin. Kurzum: Er wurde politisch und erklomm die Zinnen des modernen Reportage-Journalismus.

Henri Nannen initiierte in diesem Jahrzehnt (1965) einen Wettbewerb, nämlich "Jugend forscht", der bis heute als größter europäischer Jugendwettbewerb seine Wirkung über Generationen von Mädchen und Jungen entfaltet und unser Land gerade im Bereich der Geo- und Naturwissenschaften nach vorn gebracht und diese Fächer bei jungen Leuten populär gemacht hat. Wahrscheinlich hat dieser Wettbewerb mehr
zur Popularität der teilweise ungeliebten Schulfächer beigetragen als viele Kampagnen der Schul-Arbeitsverwaltungen ...

In diesen 1960er Jahren wurde der stern von einer Illustrierten zum Wochenmagazin. Kurzum: Er wurde politisch und erklomm die Zinnen des modernen Reportage-Journalismus. Nannen trieb sein Team unermüdlich an und unterstützte persönlich die Ostpolitik Willy Brandts. Es begannen die politischsten Jahrzehnte des stern, ohne parteipolitisch zu sein, aber eben nahe dran an den großen Ereignissen und Diskursen der Republik und weit über die Landesgrenzen hinausblickend.

Es begannen in dieser Zeit die politischsten Jahrzehnte des stern - nahe dran an den großen Ereignissen und Debatten der Republik und weit über die Landesgrenzen hinausblickend. Streitbar und umstritten.

Abtreibungsdebatte, ("Titel: "Wir haben abgetrieben") Drogen-Prostitution (Lebensgeschichte von Christiane F.: "Die Kinder vom Bahnhof Zoo"), das Foto des toten Uwe Barschel in Genf auf dem stern-Titel.

Der stern war ganz weit vorn beim Bild – und vielleicht auch deshalb anfällig für eine der größten Nachkriegs-Fake-Storys im deutschen Journalismus, bevor der Begriff "fake-news" zu unrühmlicher Berühmtheit wurde.

Ein beispielloser Skandal, der zum Synonym für die Verführbarkeit im Wettbewerb um den größten
Aufmacher wurde.

1983 siegte mit der Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher der Jagdinstinkt nach dem großen Scoop über die journalistische Sorgfaltspflicht.

Ein beispielloser Skandal, der zum Synonym für die Verführbarkeit im Wettbewerb um den größten
Aufmacher wurde.

Die gute Nachricht: Beim stern hat man aus diesem schmerzlichen GAU gelernt, auch wenn der Schaden beträchtlich war. Und ist wieder aufgestanden und hat weiter gemacht – mit noch mehr Sorgfalt als jemals zuvor!

Ich persönlich habe mich immer gern dem stern anvertraut.

Denn auch das gehört zum Qualitätsjournalismus: Man muss sich vertrauen - ohne falsche Kumpelei und schon gar nicht Kumpanei. Politik und Journalismus haben unterschiedliche Rollen und Funktionen in einer Demokratie. Wir vertreten in unseren verschiedenen Rollen als Parlamentarier oder Regierende tatsächlich zwei der drei staatlichen Gewalten. Und auch der beste Journalismus ist keine vierte staatliche Gewalt. Weil er weder über hoheitliche Rechte verfügt noch sich gegenüber dem Volks als ganzes zu legitimieren hat. Aber die Demokratie verteidigen wir trotzdem in unseren unterschiedlichen Rollen – gerade weil Qualitätsjournalismus der Politik kritisch gegenüber steht.

Natürlich nervt uns das als Politiker, natürlich schimpfen wir wie die Rohrspatzen und verfluchen gelegentlich auch die uns gegenüber stehenden Medienvertreter. Aber in jeder nachdenklichen Minute wissen wir sehr genau, dass es ohne diesen manchmal nervenaufreibenden Vollkontakt zwischen Journalisten und demokratischen Politikern ein schlechteres und gefährlicheres Land wäre, in dem wir leben. Für jeden von uns.

Wir alle wissen, dass schon wenige hundert Kilometer von hier die Pressefreiheit bedroht ist.

Denn die Pressefreiheit ist Bestandteil unserer Verfassung – und zwar aus guten historischen Gründen.

Und damit bin ich in der Jetzt-Zeit oder aktuellen Gegenwart: Denn wir alle wissen, dass schon wenige hundert Kilometer von hier die Pressefreiheit bedroht ist.

Sie ist inzwischen bedroht in manchen EU-Mitgliedstaaten, in vielen nicht-demokratischen Ländern der Welt sowieso und leider auch in Vorzeige-Demokratien wie den USA, von wo aus der Begriff "fake-news" seinen unrühmlichen Prozessionszug in die Welt nahm.

Hier ist jeder Sarkasmus und gar Schadenfreude völlig unangebracht: Wer die Unabhängigkeit von Justiz und Medien in Frage stellt, der stellt die demokratische Ordnung als Ganzes in Frage!

Das ist im Übrigen der wahre Grund, weshalb ich sofort zugesagt habe, als man mich seitens der stern-Chefredaktion gefragt hatte, ob ich heute die Laudatio auf den 70 Jahre alten und dennoch sehr rüstigen und vitalen stern halte.

Demokratische Politik kann es ohne unabhängige Medien nicht geben.

Denn Demokratische Politik kann es ohne unabhängige Medien nicht geben. Und deshalb müssen demokratisch gesinnte und überzeugte Politiker alles daransetzen, Pressevielfalt und Presseunabhängigkeit weltweit zu verteidigen.

In Deutschland hat beides zwar ohnehin Verfassungsrang. Aber auch hier gibt es inzwischen Tendenzen - vor allem von Rechtspopulisten- Qualitätsmedien mit dem Vorwurf zu überziehen, sie seien "Lügen"- oder "Systempresse", was für die Verbreiter solch schamloser Behauptungen das Gleiche ist.

Längst sind diese rechtspopulistischen Agitatoren dabei, sich via Internet eigene "Hetz-Medien" zuzulegen und massenhaft und professionell Fake-News, Kommentare und wirre Verschwörungstheorien zu verbreiten. Diese Bedrohung ist real!

Ebenso real ist inzwischen, dass sogar Journalistinnen und Journalisten von öffentlich-rechtlichen und privaten Medien bei der Beobachtung von Demonstrationen an ihrer Arbeit gehindert und teilweise bedroht und tätlich angegriffen werden.

Solche Entwicklungen dürfen wir weder dulden noch tatenlos hinnehmen. Da müssen wir gemeinsam jedweden Anfängen wehren!

Deshalb und gerade nach den Ereignissen eines ZDF-Teams in Sachsen: Politiker und staatliche Institutionen dürfen der kritischen Begleitung der Öffentlichkeit nie den Raum begrenzen, sondern im Gegenteil: sie müssen dem Journalismus diesen Raum notfalls frei kämpfen. Und staatliche Bedienstete haben die Freiheit der Meinungsäußerung – sie sind aber auch einem besonderen inner- und außerdienstlichen Treueverhältnis zu ihrem Staat verpflichtet, der gerade auch die Freiheit der Presse und Medien umfasst.

Und doch weiß ich: Sie sind nicht annähernd vergleichbar mit dem, was Journalisten und Fotoreporter in vielen Ländern der Welt an Einschränkungen ihrer Arbeit und ihrer geistigen und körperlichen Freiheit hinnehmen müssen.

Für Reporter darf es eben keine Grenzen geben – nur die, die eine demokratische Verfassung ihnen zieht.

Denn dort nimmt der Staat als Ganzes Einfluss auf die journalistische Unabhängigkeit. Hier sind demokratische Politik und Medien unseres Landes gleichermaßen zur Wachsamkeit und Entschlossenheit aufgefordert und diese Grundfreiheiten immer wieder anmahnen.

Für Reporter darf es eben keine Grenzen geben – nur die, die eine demokratische Verfassung ihnen zieht. Das entscheiden aber Gerichte bei uns, nicht die Exekutive. Kurzum: Bei Pressefreiheit kann es keinen Rabatt geben.

Natürlich haben sich seit Henri Nannens Zeiten die Bedingungen des Journalismus tiefgreifend
verändert – in fast jeder Hinsicht.

Natürlich weiß ich, dass die ganz tollen Zeiten auch beim stern vorbei sind: die prall gefüllten Handkassen, mit denen man früher Reporter und Fotografen in alle Welt mindestens mit Business-Class-Linienflügen versorgt losschickte, um eine einmalige Bildstory heranzuholen und sie im Blatt zu platzieren. Und im Zeitalter von Myriaden Digitalfotos kann man als fotografierender Augenzeuge auch keine Reichtümer mehr verdienen, wenn man nahe an einem Unglücksort stand. Da stehen meist schon zig andere mit ihren Smartphone-Kameras – und der Preis fällt eben mit der Anzahl der vielen Anbieter…

Ja, der digitale Fortschritt frisst auch etablierte Medienhäuser und setzt großen Medien-Marken zu. Auch der stern bleibt davon nicht verschont. Früher gab es Krisensitzungen, wenn die Auflage mal die 1,5 Millionen Grenze erreichte, heute gehören die Sorgenfalten im Gesicht von Verlag und Redaktion vermutlich schon bei weit geringeren Verkaufszahlen zum Alltagsgesicht des Blattes. Ich kenne das Gefühl übrigens ziemlich gut, denn den alten Volksparteien geht es ja noch schlimmer.

Und doch hat sich der stern in dieser völlig veränderten Welt gut gehalten, weil er früh auf seinen Online-Auftritt gesetzt hat und die Stärken des sterns weiterentwickelt hat, nämlich Reportagen und Geschichten sowie News und Events zu recherchieren und als Gesamtprodukt Wochen für Woche zu liefern, an denen die Leserinnen und Leser Interesse haben.

Der stern als Wochenmagazin ist mittlerweile das Flagschiff einer ganzen Medienflotte im Printbereich, aber auch Online und im Fernsehen.

Die digitale Revolution hat den Wettbewerb der Medienbranche neu definiert.

Was kann man also einem 70 Jahre alten stern wünschen, der wie kaum ein anderes journalistisches Produkt gemeinsam "gereift" ist mit der Demokratie in unserem Land?

Bleiben Sie so, wie Sie immer waren, weil Sie immer zur Veränderung bereit waren!

Bleiben Sie frisch, neugierig, wachsam und vital. Helfen Sie mit dabei, dass sich unser Land auch bei Ihnen weiter so wiederfindet, wie es sich Schritt für Schritt verändert, internationaler, innovativer, aber auch immer intelligenter wird.

Bleiben Sie so, wie Sie immer waren, weil Sie immer zur Veränderung bereit waren! Aber achten Sie auch weiter auf die Schattenseiten in unserer Gesellschaft! Denn ein besseres Land kommt nicht von allein!

Das wären meine guten Wünsche und Hoffnungen für die nächsten 30 Jahre – vielleicht erlebe ich das noch – wenn ja: Laden Sie mich ruhig wieder ein, aber lassen Sie dann jemand anderes die Laudatio halten ...

Und noch einen Wunsch habe ich – im Ernst: Bitte schicken Sie mir in den nächsten zehn Jahren niemanden aus der Nachfrage-Rubrik der vorletzten stern-Seite, wo es immer lautet: "Was macht eigentlich?" Das würde ich als bösen Angriff auf meine persönliche Integrität auffassen ...

In diesem Sinne alles Gute zu Ihrem 70sten, lieber stern, liebe Blattmacherinnen und Blattmacher, verbunden mit der Frage: "Was machen wir eigentlich jetzt?"

Vielen Dank!

tkr

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