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Afghanistan Sie flüchteten vor den Taliban. Im Gepäck haben sie vor allem eines: Erinnerungen an ihre Familien in Kabul

Die Schwestern Arzoo und Parwana Kabuli stehen nebeneinander, die Hände in den Hosentaschen
Die Schwestern Arzoo und Parwana Kabuli
© Dirk Gebhardt
In Gedanken noch bei ihren Familien in Kabul, probieren diese geflüchteten Menschen jetzt den Neuanfang in Deutschland.

Was nehmen Menschen mit, wenn sie ihr Land verlassen müssen? Abdullah Aryan nahm seine Kamera mit, Kleidung und Schuhe für seinen jüngsten Sohn. Seine Habe passte in zwei Plastiktüten.

Die Schwestern Arzoo und Parwana entschieden sich für ihr Mobiltelefon mit den Fotos der geliebten Großeltern. Sharifa Nabizada packte Medikamente und Milch für Sohn Suliman, 2, in ihren Rucksack, dazu Kleidung und ihre Lesebrille. Doch den Rucksack musste sie vor den Toren des Flughafens Kabul zurücklassen, wo sie mit ihrer Familie auf Rettung wartete, der Brutalität prügelnder Taliban ausgeliefert.

Das Gepäck, das die Geretteten von Kabul mit nach Deutschland brachten, besteht vor allem aus Erinnerungen. An den 15. August, als die Taliban die Hauptstadt einnahmen und Menschen wie Abdullah Aryan und Sharifa Nabizada um ihr Leben fürchten mussten, weil sie für die afghanische Regierung, das Militär oder die Bundeswehr gearbeitet oder sich für Menschenrechte engagiert hatten. Neun von ihnen erzählten dem stern, wie es sich anfühlt, die Heimat zu verlieren – und wie sie die neue, deutsche wahrnehmen.

Der Großteil der Afghanen, die für Deutschland arbeiteten, wurden zurückgelassen

Die US-Armee flog etwa 35.000 Schutzbedürftige nach Deutschland aus, die Bundeswehr evakuierte mehr als 5000. Doch viele warten, versteckt in Afghanistan, noch immer auf eine Chance, das Land zu verlassen.

Marcus Grotian vom "Patenschaftsnetzwerk für Afghanische Ortskräfte" kritisiert, dass 70 bis 80 Prozent der Afghanen, die für die Bundeswehr und andere deutsche Organisationen gearbeitet hatten, beim überstürzten Abzug ihrem Schicksal überlassen worden seien. Deshalb versucht die private Hilfsinitiative "Kabul Luftbrücke" weiter, Schutzbedürftige aus Afghanistan nach Deutschland zu bringen.

Seit der Machtergreifung der Taliban im August gelang es, mehreren Hundert zur Flucht zu verhelfen, im November hat sie erneut 148 Menschen ausgeflogen. Auch mehrere der hier Porträtierten sind dank der Luftbrücke in Sicherheit. Fotograf Dirk Gebhardt engagiert sich seit Monaten für afghanische Flüchtlinge. Viele Gerettete sorgen sich um ihre zurückgebliebenen Angehörigen. Afghanistan droht eine Hungersnot, die Lebensmittelpreise steigen.

Shahpoor Amiri, bis August Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Kabul, bringt sich nun Deutsch mithilfe von Youtube-Videos bei. Er will schnell eine Arbeit finden, um seiner Familie zu helfen. Ortskräfte und Schutzbedürftige dürfen hier arbeiten, doch die Behörden prüfen jeden Einzelfall, das dauert. Auch Ärztin Nabizada hofft auf eine Perspektive. "Für die Menschen in Afghanistan können wir nichts mehr tun. Aber für die in Deutschland."

"Immer wieder Aufstehen, das kann ich"

Maliha Jami in ihrem Rollstuhl, die Hände auf dem Bauch gefaltet
Maliha Jami, 47, ehemalige Abgeordnete des afghanischen Ältestenrats
© Dirk Gebhardt

"Als die Taliban kamen, war ich als Regierungsmitglied in großer Gefahr. Freunde sagten: 'Wir verstecken dich im Tresor einer Bank!' Alle Banken waren zu, niemand durfte sie öffnen. Der Tresor, in dem ich zehn Tage und Nächte ausharrte, war etwa drei mal drei Meter klein, fensterlos und kalt. Freunde brachten mir Essen und Decken. Es gab keinen Handy-empfang. Als mich Familienmitglieder endlich rausholten, erschraken sie, weil ich so krank aussah. Seit ich als Einjährige an Kinderlähmung erkrankte, ist mein rechtes Bein gelähmt. Ich bin bei meinen Gehversuchen oft gefallen, so habe ich gelernt, wie man aufsteht. Nach dem Schulabschluss habe ich für eine Behindertenorganisation gearbeitet, später studierte ich Management. 2019 hatten mich afghanische Behindertenorganisationen bei Präsident Ghani für das Amt der Senatorin, also einer Abgeordneten im Ältestenrat, der zweiten Kammer des afghanischen Parlaments, vorgeschlagen. In diesem Amt setzte ich mich dafür ein, dass Menschen mit Handicap einen Schulabschluss machen und eine sinnvolle Arbeit bekommen. Mit dem Einmarsch der Taliban sehe ich keine Zukunft mehr für Frauen in Afghanistan, erst recht nicht für Frauen mit Behinderung. Deutschland ist anders, als ich es mir vorgestellt habe. Ich lebe in einer Asylunterkunft in Mainz, ohne Behindertentoilette. Die Tage im Heim sind lang. Dabei möchte ich unabhängig sein, mein Geld selbst verdienen, am liebsten mit einer Arbeit für Menschen mit Behinderung. Immer wieder aufstehen, das habe ich schließlich gelernt."

"Schickt ihr uns zurück zu den Taliban?"

Abdullah Aryan Arm in Arm mit seiner Tochter Ommul Jamil
Abdullah Aryan, 32, Dolmetscher, mit seiner Tochter Ommul Jamil, 9
© Dirk Gebhardt

"Ab 2007 arbeitete ich für die Bundeswehr als Dolmetscher, ab 2009 war ich für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) tätig. Als meine Schwägerin Maliha 2019 zur Senatorin ernannt wurde, machte sie mich zu ihrem Assistenten. Damit war ich in den Augen der Taliban ein Teil der alten Regierung. Mir war klar, wir mussten weg. Mehr als zwei Tage lang warteten wir im Bus vor dem Flughafen. Mit Maliha, meiner gehbehinderten Schwägerin. Und mit 15 Kindern. Tags war es glühend heiß, nachts bitterkalt. Die Kleinen weinten, hatten Hunger. Unser Konvoi bestand aus fünf Bussen, 250 Menschen. Die Taliban hatten gesagt: 'Wenn nur eine Person ohne Dokumente auftaucht, weisen wir alle im Bus ab.' Wir kreisten um den Flughafen. Zweimal wurden wir kontrolliert. Maliha stand auf der Liste der Amerikaner und Deutschen, aber nicht auf der Liste der Taliban. Ich sagte zu einem von ihnen: 'Ich kann sie nicht zurücklassen, sieh doch ihre Behinderung!' Er antwortete: 'Die brauchen wir sowieso nicht!' Dann ließ er uns ziehen. Wir leben nun in der dritten Flüchtlingsunterkunft. Ich kann Deutsch, ich möchte eine Zukunft aufbauen für meine Kinder, ich lerne gern etwas Neues. Aber die ersten Monate waren sehr zäh, uns fehlen Beratung und eine Perspektive. Wir sind wegen unserer Sicherheit hier, nicht wegen finanzieller Probleme. Wir haben die Sorge, dass Deutschland mit den Taliban einen Vertrag macht – und wir wieder zurück müssen. Dass unsere Leben aufs Spiel gesetzt werden."

"Die Großeltern in Kabul weinen immer am Telefon"

Sharifa Nabizada hat ihre Nichte Maryam im Arm
Sharifa Nabizada, 44, Militärärztin und Chirurgin, mit ihrer Nichte Maryam, 15, Schülerin
© Dirk Gebhardt

Sharifa Nabizada: "Kurz nachdem die Taliban Kabul eingenommen hatten, erfuhr ich, dass sie bereits nach mir und meinem Mann im Krankenhaus fragten. Wir haben unsere kritische Einstellung nie verschwiegen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Taliban Kollegen und Patienten töteten, sogar Kinder. Seit 13 Jahren bin ich Militärärztin, mein Mann Orthopäde. Unser Sohn Suliman ist zwei Jahre alt, bei uns leben auch Maryam, Arzoo und Parwana, die Töchter meiner beiden verstorbenen Schwestern. Wir konnten uns retten. Ich bin allen dankbar, die uns geholfen haben. Wir wollen hier in Deutschland wieder als Ärzte arbeiten. Wenn wir schon nichts für die Kranken in Afghanistan tun können, wollen wir es hier tun."

Maryam Nabizada: "Meine Großeltern wünschen sich, dass ich Pilotin werde, so wie meine Mutter. Sie ist bei meiner Geburt gestorben. Manchmal telefoniere ich mit meinen Großeltern in Kabul, sie haben mich großgezogen – aber sie weinen immer nur (sie bricht selbst in Tränen aus). Ich glaube, meine Oma kann nicht überleben ohne mich. In der Flüchtlingsunterkunft haben wir zwei Zimmer. Ich teile mir ein Zimmer mit Sharifa, Parwana und Suliman. Ich spiele mit dem Kleinen, das ist das Einzige, was ich tun kann. Die Tage sind sehr lang. Es gibt kein Netz im Camp. Man muss zu einem Platz gehen, wo es Internet gibt, es ist langsam. Ich habe drei Wünsche: dass die Familie wieder zusammen ist. Dass ich den Platz meiner Mutter einnehmen kann. Und ich wünsche mir Frieden in Afghanistan."

"Ein Flüchtlingscamp ist kein Platz für einen Piloten"

Flüchtling Azizullah Nabizada in schwarzen Hoody und den Händen in den Hosentaschen vergraben
Azizullah Nabizada, 29, Helikopter-Pilot
© Dirk Gebhardt

"Ich stamme aus einer bekannten Pilotenfamilie. Meine Tanten waren die ersten Hubschrauberpilotinnen der afghanischen Armee. Nach meiner Ausbildung in Dubai und der Slowakei flog ich den Transporthubschrauber 'Black Hawk' und die 'Bell 206'. Am 14. August, als die Taliban näher rückten, warteten wir am Flughafen Kabul auf den Befehl, Flugzeuge und Ausrüstung in Sicherheit zu bringen. Stattdessen sollten wir Regierungsmitglieder ausfliegen, die Uniform ausziehen und nach Hause gehen. Einige von uns aber wollten kämpfen. Am nächsten Morgen um drei flog ich Spezialkräfte in die Provinz Pandschir, wo Vizepräsident Amrullah Saleh mit seinen Anhängern gegen die Taliban kämpfte. Wir Militärpiloten waren immer ein bevorzugtes Anschlagsziel der Taliban. Ich konnte mich mit einem Teil der Familie retten, wir leben nun in einer Asylunterkunft in Limburg. Doch wir fühlen uns verloren. Ich bekomme 121 Euro Taschengeld im Monat, wir bekommen Essen und haben ein Dach überm Kopf. Keiner sagt uns, wie es weitergeht, ob unser Aufenthaltsstatus sicher ist, was mit unseren Angehörigen in Afghanistan geschieht. Es ist kein gutes Gefühl für einen jungen Piloten, in einem Flüchtlingscamp zu leben. Ich habe internationale Zertifikate, ich will hier arbeiten und meine Familie versorgen. Vor allem aber bitte ich die deutsche Regierung, alles zu tun, um meine Eltern aus Afghanistan zu holen. Sie leben jetzt in einem anderen Viertel. Vor ein paar Tagen tauchten Taliban eine Etage tiefer auf, sie suchten jemanden."

"Ich arbeite, um nicht vor Sorge verrückt zu werden"

Geflüchteter Ozair A. in weißem T-Shirt und den Händen in den Taschen der Jeanshose
Ozair A. (Name geändert), 25, Englischlehrer
© Dirk Gebhardt

"Sechs Wochen vor dem Einmarsch der Taliban habe ich geheiratet. Es gab nur eine kleine Feier, denn mein Vater befürchtete einen Anschlag. Er war ein hoher Mitarbeiter im Verteidigungsministerium, ich habe in Kabul englische Literatur studiert und Soldaten Englisch beigebracht. Die Taliban haben unsere Familie seit Jahren bedroht. Am Tag ihrer Machtübernahme tauchten sie bei uns auf und suchten meinen Vater. Er hielt sich versteckt. Freunde registrierten ihn für einen Evakuierungsflug, doch er schaffte es nicht zum Flughafen. Meine Mutter sagte: 'Bitte geh du, damit wenigstens einer von uns gerettet wird.' Also brach ich auf. Meine Frau blieb in der Obhut ihrer Familie zurück. In meiner Unterkunft in Nordrhein-Westfalen leben Menschen aus vielen Nationen, einige lärmen und schreien nachts, ich finde kaum Ruhe. Die Gedanken an meine Familie beschäftigen mich selbst im Schlaf. Plötzlich schrecke ich auf und höre mich nach meinen Eltern rufen. Von meinem Vater habe seit meiner Flucht nichts gehört. Verwandte versorgen meine Mutter und meine Geschwister mit Essen, sie können das Haus nicht mehr verlassen. Ich lerne täglich zwei Stunden Deutsch, übersetze Texte und will ein Buch schreiben über Afghanistan. Die Arbeit hilft mir, nicht verrückt zu werden vor lauter Sorge."

"Wir träumen von einem freien Leben"

Arzoo und Parwana Kabuli stehen nebeneinander, Schäle haben sie locker um ihre Köpfe gelegt
Arzoo und Parwana Kabuli, 20 und 26, Abiturientinnen
© Dirk Gebhardt

"Wir hätten nie gedacht, dass wir Afghanistan eines Tages verlassen müssen. Die Entscheidung war sehr schwer, und sie musste schnell gehen. Seit dem Unfalltod unserer Mutter vor sechs Jahren lebten wir im Haus unserer Großeltern mit Tante, Onkel und unserer Cousine Maryam zusammen. Unser ältester Bruder arbeitete in der amerikanischen Botschaft von Kabul, er flog ein paar Tage vor dem Einmarsch der Taliban in die USA. Unser jüngerer Bruder lebt in der Türkei. Nachdem unsere Brüder weg waren, entschied die Familie, dass wir so schnell wie möglich rausmüssen. Sie hatten Angst, dass die Taliban uns entführen, so wie andere junge Frauen, die zwangsverheiratet wurden. Der Moment, als wir endlich im Flugzeug saßen, wird uns ewig in Erinnerung bleiben. Wir waren glücklich und zugleich unendlich traurig, unser Land verlassen zu müssen. Es tut immer noch weh. Als wir in Katar landeten, wurde uns gesagt, dass wir entweder nach Deutschland oder Amerika reisen können. Wir entschieden uns für Deutschland. Wir hatten gehört, dass dort gute Menschen leben. Und dass wir studieren können. In Ramstein bekamen wir eine Aufnahmezusage. Wir leben zurzeit in einer ehemaligen Jugendherberge, die als Asylunterkunft dient. Wir wollen Deutsch lernen, hier studieren und Journalistinnen werden. Unser Traum ist ein freies Leben. Mehr als alles andere aber wünschen wir uns, dass unsere Großeltern zu uns kommen dürfen. Sie müssen sich verstecken, haben kein Geld, nichts zu essen. Sie sagten uns Enkelinnen: 'Geht euren Weg, studiert, seid gute Menschen und gebt nie auf.' Wir lieben sie, und sie lieben uns. Doch ausgerechnet jetzt, wo sie alt sind und uns brauchen, sind wir nicht da."

"Die ganze Familie setzt alle verzweifelte Hoffnung in uns"

Flüchtling Shapoor Amiri steht leicht seitlich, die Arme vor der Brust verschränkt
Shapoor Amiri, 33, Universitätsdozent
© Dirk Gebhardt

"Als ich am 28. August auf der US-Air-Base Ramstein in Rheinland-Pfalz landete, war ich glücklich, in ein Land zu kommen, das die Menschenrechte respektiert. Doch unsere Familie ist seither getrennt. Im Chaos von Kabul gelang es nur einem Bruder und mir zu fliehen. Mein zweiter Bruder Hamyoon, der eine Spezialeinheit der Polizei leitete, muss sich seit Monaten mit seiner Frau und vier kleinen Kindern verstecken. Auch für meine Frau, die zurückblieb, wird die Lage immer schwieriger. Meine fünfjährige Tochter leidet an einer Blutkrankheit, braucht Medikamente. Die ganze Familie setzt alle verzweifelte Hoffnung in uns, doch wir sind kaum in der Lage, Geld zu schicken, geschweige denn, Angehörige nach Deutschland zu holen. Ich warte auf meine Papiere, damit ich arbeiten kann. Und bringe mir jeden Tag mehrere Stunden lang Deutsch bei."


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