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BMW 730d/740d: Luxus-Laster

Das umstrittene Design des großen Bayern polarisiert nach wie vor. Was bleibt ist die Freude über die neuen Diesel-Triebwerke. So viel Auto mit so viel Drehmoment... Da muss man doch schwach werden.

Bei der Präsentation des 7er BMWs habe ich mir geschworen, dass ich dieses Auto auf keinen Fall gut finden kann. Keine Chance. Sein Schöpfer, BMW-Designchef Chris Bangle, wanderte auf meine persönliche Liste von Menschen, die die Welt nicht braucht. Irgendwo zwischen Minigolf-Spielern und Fleischerei-Fachverkäuferinnen. Das ging so lange gut, bis BMW den großen Bayern auch mit Diesel-Triebwerken ausstattete. So viel Auto - mit so viel Drehmoment... Da muss man doch schwach werden.

Triefaugen-Scheinwerfer

Motor hin oder her - ganz ungeschoren darf so eine 7er-Karosserie natürlich nicht davon kommen. Der Münchner Beitrag zum Thema »Oberklasse« sieht nach wie vor aus wie ein Versuchsfahrzeug, an dem noch ein Großteil der Tarn-Materialien kleben. Empfangen wird man von großen Triefaugen-Scheinwerfer, die zusammen mit der riesigen BMW-Niere nach Aufmerksamkeit schreien. Geschmückt wird die ungewöhnliche Scheinwerfer-Form noch durch »Theo-Waigel-Gedächtnisblinker« - die Augenbrauen des ehemaligen Finanzministers sind nichts im Vergleich zu den knubbeligen Blinkergläsern, die dem 7er über die Scheinwerfer implantiert wurden.

Blech-Rucksack

Optische Entwarnung gibt es erst, wenn das Auge über Kotflügel und Seitenscheiben wandert. Die gestreckte Dachform und die hohe Schulterlinie machen etwas her. Von den schicken 17-Zoll-Rädern in den dezent ausgestellten Radhäusern ganz zu schweigen. Schmerzhaft wird es wieder, wenn der Blick auf 7er-Hinterteil trifft. Dort vereinigen sich verschiedenste Sicken, Kanten und Linien zu einer Art Blech-Rucksack, der plump aufs dezent geschwungene Heck gestülpt wurde. »Trennung der Seiten- und Heckskulptur« heißt diese Untat im BMW-Marketing-Deutsch.

Mit einigen Abstand muss man jedoch auch erwähnen, dass sich selbst die größten Kritiker inzwischen »totgemotzt« haben. Man gewöhnt sich schließlich an alles und im Heer der gesichtlosen Massen-Mobile ist der 7er eine eigenständige Persönlichkeit. Eine absonderliche zwar, aber immerhin.

Türbremse

Na dann, Augen zu und durch. Wie es sich für so ein Luxus-Dickschiff gehört, gibt der große BMW den Weg in sein Innerstes klaglos frei. Ohne aufgeblähte Backen und sportliche Stemmeinlagen lassen sich die schweren Türen öffnen. Selbst, wer seinen 7er am Hang parkt, muss nicht befürchten, von der sich öffnenden Tür aus dem Auto gerissen zu werden. Möglicht macht das eine stufenlose Türbremse, die auch in anderen Oberklasse-Limousinen Anhänger finden würde.

Wuchtige Mittelkonsole

Obwohl den Innenraum des bayerischen Luxus-Gefährts wenig mit einem herkömmlichen Automobil verbindet, fühlt man sich zwischen all den Knöpfchen, Schaltern und edlen Hölzern auf Anhieb wohl. Wo üblicherweise eine dicke Mittelkonsole Platz für Handbremse und Automatik-Wählhebel lässt und den Fahrer vom Beifahrer trennt, spaltet im 7er eine noch größere Mittelkonsole das Cockpit optisch in zwei Hälften. Gleichzeitig dient die wuchtige Armauflage auch dem inzwischen fast schon legendären »iDrive-Knubbel« als prominente Bühne. Jener Joystick ähnliche Dreh-Drück-Steller, dessen Kontrolle sich angeblich alle Funktionen der umfangreichen Bordelektronik unterworfen haben.

Verzwickte iDrive-Bedienung

Dass der traditionelle Automatik-Wählhebel für ein Hightech-Spielzeug seinen Platz räumen musste, werde ich persönlich den BMW-Autobauern nie verzeihen. Der ehemals stolze Griff muss im 7er sein Leben als unscheinbarer Lenkstockhebel fristen. Schöne neue Autowelt...

Gebracht hat dem Emporkömmling der erzwungene Platztausch wenig. Trotz der prominenten Platzierung kann man nämlich doch nicht ganz so intuitiv durch die vielen iDrive-Ebenen surfen. Nicht die Logik ist das Problem - die sollte jedem Windows-Nutzer keine Rätsel aufgeben - sondern die Handhabung des Knubbels. Wer das klobige Teil ganz elegant nach rechts Oben zum Navigationssystem schubsen möchte, landet garantiert rechts Unten. Es dauert eine ganze Weile, bis man die sich ständig ändernden Widerstände und Vibrationen richtig deuten kann, die das Multifunktionsteil von sich gibt. Das ist alles ganz faszinierend, aber nicht für unterwegs. Wer eine Runde iDrive spielen möchte, sollte das ausschließlich auf dem Parkplatz tun!

Start per Knopfdruck

Zum Glück ließ sich das Lenkrad nicht wegrevolutionieren. Im Gegenteil. Es ist ein klobiges Multifunktions-Volant, das bewegt werden will. Was fehlt? Richtig, der Motor. Hier ließ sich in der Tat noch einiges »optimieren«. Gestartet wird im 7er ausschließlich per Knopfdruck. Am Schlüsselbund hängt lediglich ein kleines Elektronik-Dings, das vor dem Startvorgang in einen Schacht geschoben werden muss.

Spritzige Selbstzünder

Egal welchen der beiden Selbstzünder man per Knopfdruck aus der Pause holt - es geschieht ohne viel Tamtam. Ein kurzes Brummeln und Vibrieren, schon steht der Spritztour nichts mehr im Wege. Die kann dann schon etwas länger dauern. Denn sowohl der Sechs- als auch der Achtzylinder-Diesel hinterließen während der Testrunden einen ausgezeichneten Eindruck. Obwohl die Triebwerke knapp zwei Tonnen Auto durch die Gegend wuchten müssen, macht der 7er nie einen behäbigen Eindruck.

Zügiges Dahinrollen

Schon der Reihen-Sechszylinder mit seinen drei Litern Hubraum reicht aus, um auf und abseits der Autobahn flott unterwegs zu sein. Der »kleine« Diesel lädt zum zügigen Dahinrollen ohne anstrengenden Zwischensprints ein. Erst wer dem dicken Bayern eine forciertere Gangart abverlangt, bringt den Diesel an seine Grenzen. Dann meldet sich die ansonsten tadellose Sechsgang-Automatik wild schaltend zu Wort, dezent untermalt vom dezenten Nageln unter der Motorhaube.

Wuchtiger Achtzylinder

Wesentlich sportlicher macht sich der fast vier Liter starke Achtzylinder ans Werk. Wie es sich für ein V-Triebwerk gehört, hält er auch seine Arbeitsgeräusche nicht wirklich geheim. Dazu gibt es auch keinen Grund. Immerhin wuchtet das Aggregat bereits ab 1.900 Umdrehungen pro Minute beeindruckende 600 Newtonmeter auf die Hinterräder. Es ist also in jeder Situation genügend Druck auf der Leitung, um dem optischen »Überholprestige« den nötigen Nachdruck zu verleihen.

Bombensicheres Fahrwerk

Dabei zeigt sich der unförmige Amigo jederzeit wohlerzogen. Schon das Basis-Fahrwerk findet zu jeder Zeit einen ausgewogenen Kompromiss zwischen luxuriösem Abrollkomfort und sportlicher Dynamik. Lange Fahrbahnwellen und Querrillen schluckt das Alu-Fahrwerk praktisch restlos. Lediglich kurze und tiefe Schläge dringen bis zur üppigen Sitzpolsterung vor. Wer es noch perfekter haben möchte, kann seinen Luxus-Laster dementsprechend aufrüsten. Lästige Wankbewegungen gleicht eine »Dynamic Drive« getaufte Fahrwerkserweiterung aus. So lässt sich der schwere Bayer beinahe ohne Seitenneigung durch engste Kurven zirkeln. Erst wenn Grenzen der Physik in Sichtweite kommen, neigt sich der 7er als letztes, eindeutiges Signal für den übermütigen Fahrer, etwas in die Kurve. Natürlich kann dieses System noch durch eine Luftfederung ergänzen.

Fazit:

Die Frage, ob man im Luxussegment mit einem Diesel unterwegs sein möchte, darf man in der heutigen Zeit nicht mehr stellen. Erst recht nicht, wenn man ein derart ausgewogenes Fahrzeug wie den 7er BMW vor sich hat. Ob man allerdings bereit ist, für ein Plus an Fahrleistungen 17.000 Euro Aufpreis für den 740d auf den Tisch zu legen, muss man mit der persönlichen Kreditlinie abmachen. Für den Normalbetrieb empfiehlt sich jedenfalls der lediglich 58.000 Euro teure 730d.»

Jochen Knecht

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