BMW X5 Die "Nu Metal"-Lawine


Dynamische Edel-Allradler gibt es mehr denn je. Aber kein Konkurrent darf flotter als der neue X 5 durch die Kurven walzen. Sonst fließen in München bittere Tränen. stern.de hat den BMW an der Ehre gepackt.
Von Gernot Kramper/Athen

Der Weg ringelt sich als schmales, abgeschliffenes Band zwischen Olivenbäumen. Der Raubsaurier springt darüber hinweg. Rillen, wilde Kurven: kein Problem für den X5. Bloß nicht von der angenagten Fahrbahn abkommen. Rinnen von einem halben Meter Tiefe brechen auch seinen Reifen das Genick. Ein Tritt auf die Bremse. Mit einem Satz steht das Ungetüm, bebt in einer Wolke von Gummi und Staub. Schüchtern blickt das kleine Schaf rüber zur Doppelniere, bevor es zur Herde zurückhoppelt. Undurchdringlich streifen die Augen des Hirten über das Edel-Blech. Schön wäre es zu wissen, was der aus Nordafrika, den es zum Schafehüten nach Athen verschlagen hat, über BMWs neuem Dampfhammer denkt.

Als der erste X5 vom Band ausgespuckt wurde, war die Welt noch einfach strukturiert. Da gab es richtige Offroader, geboren für die Härten der Wildnis, aufmontiert auf Leiterrahmen. Auf der Straße robbten sie kaum komfortabler vorwärts als im Amazonas-Einsatz. Dann gab es lustige Modelle für die Spaßgesellschaft, vom Premium-Anspruch genauso weit entfernt wie ein Defender. Der X5 mochte zwar etwas kastig und ungeschlacht aussehen, aber er schaffte das Kunststück, ein Erlebnis, wie man es von einem BMW erwarten darf, mit dicken Reifen zu servieren.

Es lebe die Tradition

Diese Mischung machte den X5 so erfolgreich, dass man im zweiten Anlauf ein komplett neues Fahrzeug präsentiert, dass sich aber zur bekannten Formsprache bekennt und sie nur weiterentwickelt. In der Länge wuchs der Neue um 18 Zentimeter, in der Höhe nicht, in der Spur jeweils über sechs Zentimeter. Länger und sportlicher wirkt er dadurch, steht kräftiger auf dem Asphalt und wirkt nicht mehr wie ein Karton. Von vorne gleichen sich die Elemente, doch die Front rüsselt sich sehr viel mehr dem Boden zu. Auch die Haube ist flacher und gestreckter. Eines ist gelungen: Zwischen Audis Q7 und dem X5 lässt sich keine Verwandtschaft erkennen.

Einstiegsmotor mit 520 Nm

Das Dreiliterdieseltriebwerk wird die Standard-Motorisierung in Europa stellen. Eine gute Wahl. Im Anfahren zeigt der Motor echten Biss, der schwere Wagen hängt sehr direkt am Gas. Mit 235 PS und 520 Nm Drehmoment bringt der Einstiegsdiesel den Asphalt zum Glühen. Beim 4.8i geht natürlich etwas mehr. 355 PS und 475 Nm bewältigen den Spurt von 0 auf 100 km/h in 6,5 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt dann bei 242 km/h. Vom Fahrgefühl her ist der Abstand zum V8 nicht so markant, 520 Diesel-Nm fallen eben in den Kategorie "Naturgewalt", beim Benziner hallt vor allem der heisere Orgelsound nach.

Nomen et Omen

BMW zählt den X-5 zum Segment der Premium-SAVs. In SUV steht das "U" bekanntlich für "Utility" - von solchen Nutzbarkeitserwägungen hat sich BMW damals freigemacht und das "U" durch ein "A" für "Activity" ersetzt und der X-Reihe damit Ruhm und Bürde der Marke mit auf den Weg gegeben. Im Punkt "Fahrdynamik" muss ein X-5 immer den Sieg im Segment einfahren. Diese Operation ist gelungen. Hilfreich mag es sein, dass Konkurrent Audi den Q7 konsequent auf Raumschiff getrimmt hat. Trotz seiner hervorragenden Performance erweist sich die Größe des Ingolstädters als Handikap im Punkt Sportlichkeit. Im X5 fällt die überragende Leistung des Xdrive-Antriebs auf. In unglaublicher Geschwindigkeit verteilt sich die Traktion individuell auf die vier Räder, Durchdreher und Rucker gibt es einfach nicht. Bergab auf schwierigen, kurvigen Strecken zeigen sich auch die Bremsen der Dauerbelastung des Kolosses ermüdungsfrei gewachsen. Talwärts macht sich das Gewicht von über zwei Tonnen allerdings bemerkbar, der X-5 drückt von hinten gewaltig, wird nur von der allgegenwärtigen Elektronik unmerklich im Zaum gehalten. Selbst alle bayerische Ingenieurskunst kann einen Elefanten nur zum Teil in eine Ballerina verwandeln. Ohne mosern zu wollen, bleibt doch die wahrheit bestehen, dass sich mehr Fahrdynamik in einem halb so schweren Auto mit weitaus weniger Helferchen verwirklichen lässt.

Volle Dynamik nur bei Aufpreis

Dafür vermittelt die Lenkung "Active Steering" das angenehme Gefühl direkter Kontrolle. Der Purist könnte sich etwas mehr Lenkwiderstand wünschen. Den ganzen BMW-Fahrspaß gibt es jedoch nicht zum Einstandspreis. Das 3.290 Euro teure Päckchen "Adaptive Drive" gehört leider zu den Basics, erst mit ihm verwandeln sich die 2.2 Tonnen Lebendgewicht in eine beherrschbare Spaßmaschine. Es unterdrückt alle Nick-und Wankbewegungen und verändert die Fahrdynamik merklich. Dazu kommt noch das Sportpaket für 3.380 Euro (beide Preise für den 3.0d), damit die Fahrerwelt stimmt. Man ahnt es schon, die Aufpreisliste des X-5 ist kein Groschengrab, hier rauschen die Tausender nur so durch.

Big Spender

In Kürze: Der neue X5 ist wie der alte X5 - nur besser. Einziges Manko: der Preis. Der Eingangspreis von 51.000 Euro für den Diesel lässt den Wagen nicht gerade nackt da stehen, aber nicht einmal Extras wie Sitzheizung und Skisack sind an Bord. Da kaum ein X-5 ohne die nötigsten Zutaten wie eine Lederausstattung von Band rollt, sollte ein Interessent mit mindestens 60.000 Euro rechnen. Sollte das stolze Schiff komplett möbliert werden - Active-Drive, Bi-Xenon und Navigation, um das Nötigste zu nennen - muss man schon beim Aussuchen kräftig abbremsen, um noch unterhalb von 70.000 Euro zum Stehen zu kommen. Natürlich treibt auch die Gier nach dem Besonderen den Preis nach oben. Um fair zu bleiben, sollte man die Startausstattung genau betrachten. Xdrive-Antrieb und Bergabfahrtskontrolle verstehen sich hier von selbst, müssten bei einer Limousine immer gesondert bezahlt werden. Beide Motoren gibt es nur mit der - ausgezeichneten - 6-Gang-Automatik. Für den Komfort gibt es ein Lichtpaket und einen Aux-Eingang für den Mp3-Player. Jeder X5 fährt auf Reifen mit "Flatrun"-Technologie und schaut mit Tagesfahrlicht aus Coronar-Ringen in die Welt. Es ließe sich noch einiges an Morgengabe zum Basispreis aufzählen.

Edelmut und Größe

Immerhin spürt im neuen X 5 auch der Freund des Luxus und der Moden sofort, wo sein schönes Geld geblieben ist. Ehrlich gesagt, wirkte der alte außen, wie innen ziemlich rustikal. Das üppige Längenwachstum von 18 Zentimetern kommt Lade- und Innenraum zugute. Platz ist nun für eine dritte Sitzreihe. Sie mag zwar nur als Kindernotgestühl taugen, so wie man es auch im Zafira bekommt, aber immerhin. Wer möchte, kann nun Nachbars Rangen zum Tennisplatz mitnehmen. Von außen ist der Eingriff nicht störend zu bemerken. Die Sitze verschwinden unter dem Ladeboden, dort wo sich sonst eine Mulde von etwa 100 Liter Inhalt befindet. Wer die dritte Reihe ordert, erhält ebenfalls eine verschiebbare Hinterbank. Auf ihr sitzt man geradezu fürstlich. Der Kofferraum ist auf angemessene 620 Liter gewachsen, wird die Rückbank umgelegt stehen 1.750 Liter zur Verfügung. Nur beim Einstieg muss man sich ducken. Der Sitz liegt hoch, das Dach nicht.

Pflege im Detail

In den großzügigeren Raummaßen durften sich die Innenausstatter austoben. Der X5 bleibt seiner Berufung treu und wählt den sportlichen Luxus, gewissermaßen den "Tommy Hilfinger"-Look. Ausgezeichnete Verarbeitung, wertige, angenehme Materialen sind Pflicht. Ein wahrer Schmaus ist der neue Gangwahlhebel, ein edler Handschmeichler, der zum Schalten verführt. Mit einigem Aufwand gelang es den Beifahrerairbag zur Seite zu drängen, bis ein richtiges, großes Handschuhfach herauskam. Es mögen Kleinigkeiten sein, aber gerade diese Verbesserungen erfreuen jeden Fahrer auf jeder Tour, während die Performance des Fahrwerks nur dann und wann von einigen Hardcore-Piloten erkundet wird.

Besser denn je

Als Wermutstropfen sei erwähnt, dass es den X5 zwar mit serienmäßigen Partikelfilter gibt, damit aber auch das Ende der verfügbaren, umweltschonenden Zukunftstechnologien beschrieben ist. Mit der versprochenen Freude am Fahren wird nicht gegeizt. Dass beim X5 das Portemonnaie unter die Räder kommt und die Umwelt warten muss, werden seine Käufer verschmerzen können, aber sollte sie ein Lexus abhängen, bräche die BMW-Welt zusammen.


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