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Irongatsby: Zweirad-Monster-Art

Im kalifornischen Huntington Beach baut Paul Yang Motorräder, die sich besser als Wandschmuck eignen denn als Fortbewegungsmittel. Stern.de Autor Helmut Werb hat sich das Kunstwerk angesehen. Fahren wollte er es lieber nicht.

Von Helmut Werb, San Francisco

"Och?!", staunt Paul Yang überrascht auf meine Frage, "den kann man so fertig kaufen. In einem Shop in der Nähe von Melbourne in Australien." Na ja, klar doch, hätt’ ich mir sparen können, die dumme Frage, wie man denn auf die Idee kommt, einen Siebenzylinder-Sternmotor aus einem alten Kampfflugzeug aus dem Weltkrieg (welchem auch immer) in ein Motorrad einzubauen.

Paul Yang, ein hagerer 32jähriger Designer, dem man ohne Zögern die Rolle eines "Nerds", eines Trottels, in einer US-Filmklamotte über das Leben in einer Uni abnehmen würde, steht vor seiner Irongatsby DCS 003 Gatsby 7, einem wahrhaften Monster-Bike, einem gelb-schwarzen Ungetüm mit diesem riesigen mechanischen Pfannkuchen in Schwarz und Chrom, da wo Motorräder normalerweise ihren Motor haben, mit einem freischwebenden Sattel über einem Hinterrad, das so ganz gut auch auf einen Rennwagen passen würde.

Ungetüm mit zivilen hundertzehn Pferden

Und wenn Yangs orangefarbenes T-Shirt Taschen hätte, würden da unweigerlich ein Taschenrechner und ein paar Kugelschreiber drinstecken. Sein Motorrad, wenn man es denn so nennen will, hat mit einem herkömmlichen Kraftrad so viel gemein wie ein Peterbuilt-Truck mit einem 68erVW-Bus - ein Ungetüm mit vergleichsweise zivilen hundertzehn Pferden, aber mit einem Drehmoment von dreihundertfünfunddreissig Newtonmeter gesegnet, und dem Isaac Newton hätte es wohl die Perücke vom Kopf gerissen, hätte er sich träumen lassen, dass soviel Schub jemals zwei einsame Räder ins Motorrad-Nirvana katapultieren würde.

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Beim Preis verkalkuliert

Zweikommaachtliter Hubraum hat die Kreation des Paul Yang, der früher mal Turnschuhe designte, was ihm zugegebenerweise recht viel Spaß gemacht hatte. Seit fünf Jahren baut er trotzdem lieber seine Dream-Bikes, der Kalifornier, der am renommierten "Pasadena College for Art" Autodesign studierte, und er baut sie hauptsächlich für einen Multimillionär in Huntington Beach, einer Krösus-Klause am Pazifikstrand, der ihm seine Kräder fast unbesehen abnimmt. Zweihunderttausend Dollar verlangt Paulchen für seine Irongatsby-Einzelstücke, und mit diesem Preis, so happig er auch sein mag, habe er sich ein wenig verkalkuliert, gibt er zu, weil der Aufwand den Preis nicht ganz decke.

Auch mit technischen Details, zum Beispiel ob das von einem Snowmobil übernommene stufenlose (und modifizierte) Automatikgetriebe die Urgewalt überhaupt schafft, hat sich Yang nicht allzu intensiv beschäftigt. Macht nix, denn "das Witzige dabei ist", lächelt der tapfere Yang, "dass der Mann nicht mal Motorrad fährt." Alles in allem ist das ganz gut so, denn ob Yang’s Bikes wirklich fahrtüchtig sind, weiss der Meister selber auch nicht so genau. "Wir haben den Motor schon ein paar Mal gestartet in der Gatbsy 7", gibt er lakonisch zu, und - immerhin - "er läuft."

Cooles Styling

Zum Fahren des Monsters jedoch hat Yang noch keinen aufopferungswilligen Helden gefunden. Yang sieht sich auch mehr als Künstler denn als Grosserienhersteller zweirädriger Fortbewegungsmittel, obwohl eines seiner Machwerke, die mit einem Harley-Davidson ausgestattete Irongatsby Rodin (wunderbarerweise benannt nach dem Bildhauer Auguste Rodin) demnächst für starke vierzigtausend Dollar auf den Markt kommen soll. Für ihn ist cooles Styling wichtiger als schnöde Funktion. "Ein Motorrad sollte so nackt sein wie möglich, man muss die Ehrlichkeit sehen, wenn man davor steht."

Höllenmaschine als Wandschmuck

Für noch mehr Ehrlichkeit mag demnächst ein weiteres Modell sorgen, diesmal mit einem Neunzylinder-Sternmotor, zwei Töpfe mehr als die Gatsby 7 und ebenfalls aus der australischen Motorenschmiede Roadtec Engineering. Vielleicht hängt man sich ja sowas dann doch besser an die Wand. Mit ganz dicken Haken. Und einem Vorhängeschloss.

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