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Mercedes Benz CLS: Die Schwaben-Schönheit

Feingliedrig, lang gestreckt wie eine Raubkatze, von edlem Wuchs und mühsam verborgener Leidenschaft. So hätte bislang niemand die Schwäbin beschrieben. Aber nun schickt Mercedes eine Königin auf Fahrerfang, gegen die selbst die rassigen Schönheiten aus Italien oder England blass aussehen.

Vier Daumen recken sich in die Höhe, das Lenkrad darf machen was es will, Fahrer und Beifahrer blicken begeistert zur Seite: "Bella Macchina!" Die beiden Männer, Muskel bepackt, dass es die Anzüge sprengt, würden sofort ihr Mercedes Coupé gegen unseren CLS eintauschen. Ehrliche Freude auf der Autobahn. Der Italiener kann staunen und begeistert sein, ohne alles gleich besitzen zu müssen. Wo man in Deutschland bei so einem Autoauftritt schnell zusammengekniffene Lippen und missgünstige Blicke einfährt, schenken uns die "Bodybuilding-Business-Men" ihre aufrichtigen Glückwünsche dafür, dass uns der Himmel mit diesen Tag in diesem Wagen gesegnet hat.

Raubt Ihnen diese Katze den Atem

Glutvolle Verführung

Wie emotional darf ein Mercedes sein? So lautete die Frage für Design-Chef Peter Pfeiffer. Die Antwort gab es, als die Studie Vision CLS auf der IAA 2003 vorgestellt wurde und danach den "Autonis"-Designpreis als schönste Studie des Jahres 2003 erhielt: Es kann gar nicht genug Gefühl sein, solange ein echter Mercedes dabei herauskommt. Einziger Wermutstropfen der Serie: Auf der IAA 2003 ließ die "Vision CLS" noch durch ein riesiges Panoramadach den Blick auf den Himmel zu, das wurde leider nicht zur Wirklichkeit.

Doch auch ohne Himmeldach gab es so einen eleganten und rassigen Mercedes noch nie, zumindest sehr lang nicht. Weit nach hinten fällt das Heck ab. Eine unendliche Linie zieht sich seitlich von den vorderen Scheinwerfern bis zu den Rückleuchten. Nur von der Idee, die hinteren Türgriffe wie beim Alfa verschwinden zu lassen, hält man bei Mercedes nichts. Das verstoße gegen die Sicherheits-Philosophie der Marke, heißt es eisern. Bei einem Unfall soll kein Rätselraten, wie die Tür zu öffnen sei, die Retter aufhalten. Wer denkt an Unfälle, wenn einen der CLS durch wunderbares Leder, großzügige Chromapplikation und edles Wurzelholz verwöhnt? Das Armaturenbrett prunkt mit einem klassischen Rund-Tacho, begleitet von zwei kleineren Instrumenten für Drehzahl und Uhrzeit. Die Instrumentierung leuchtet intuitiv ein, niemand wird lange herumfummeln müssen, um den CLS zu starten.

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Freies Serpentinen-Gleiten

Nach der Autobahn geht es mit dem CLS in die Serpentinen der Albaner-Berge, scharf an der Sommerresidenz des Papstes vorbei. Da muss der Motor kurz gezügelt werden, wer ist so frei von Sünden, dass er will den Heiligen Vater stören möchte? Danach geht es zügiger voran und plötzlich: "Hilfe, mein Benz kneift mich!" Immer wieder ungewohnt, wenn die pneumatische Sitzhilfe die Kissen mal links und mal rechts aufplustert, um dem Fahrer zu mehr Halt in der Kurve zu verleihen. Zum Glück ist dieses Feature nur gegen Aufpreis zu haben. Das Fahrwerk des CLS fällt ein wenig straffer aus als in der E-Klasse, bleibt aber komfortabel. Der 1.730 kg schwere Wagen lässt sich jederzeit souverän manövrieren. Ohne Anstrengungen gleitet er durch die Kurven, zeigt sich dabei mehr als Gentleman denn als Rabauke. Nur auf wirklich schlechtem Untergrund wird man unwillkürlich vorsichtiger, allzu viele Löcher und Risse möchte man dem eleganten Langschiff nicht zumuten. Schon der 272 PS starke 3,5-Liter-V6-Motor macht dem CLS gehörig Beine. Mit der 7-Stufenautomatik stimmt der Fahreindruck. Der Wagen schwebt sanft und leise dahin, kann aber auch aus dem Stand in sieben Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen. Eine Power-Maschine wird der CLS selbst mit 5-Liter-V8 mit 306 PS nicht. Wer das verlangt, muss auf den CLS 55 AMG warten. Ihm sollten ab Januar 2005 476 PS aus einem 5,5-Liter-V8-Kompressor genügen.

"So werden Familienväter verführt"

Betrachtet man die Form von außen, kann man den tatsächlich vorhandenen Raum im Inneren kaum glauben. Aufgebaut auf der E-Klasse wuchs der CLS auf immerhin fünf Meter. Vier Türen bieten Zutritt zu vier vollwertigen Plätzen. Allein die Kopffreiheit in der hinteren Reihe dürfte nur sehr großen Menschen Probleme bereiten. Kompromisse bei den Sitzen und der Schulter- und Beinfreiheit wurden nicht eingegangen. Der Kofferraum ist mit über 500 Liter Volumen mehr als standesgemäß. So betrachtet, ist der CLS die richtige Wahl für junge Familien, die sich das Besondere leisten können. Schon in der Basisversion CLS 350 für 54.346 Euro werden serienmäßig eine elektrische Sitzverstellung, Klimaautomatik, CD-Radio und Lederlenkrad geliefert. In der Topversion CLS 500 für 67.280 Euro kommen Luftfederung, beheizbare Ledersitze und eine teurere Klimaanlage hinzu.

Muss der Benz denn langweilig sein?

Mercedes verjüngt die Marke mit ungeheurem Tempo. Der CLS allein bietet eine Überdosis "Auto-Faszinosum". Und dabei ist er ein Konsens-Auto: Man wird kaum jemanden finden können, der nicht ein Wochenende mit ihm erleben möchte. Glücklich diejenigen, die danach das Leben leicht wie die Italiener nehmen können, die die Tage genießen und nicht an der Trennung zugrunde gehen. Schlechte Stimmung wird dieses Fahrzeug woanders erzeugen, die Autobauer von Maserati und Jaguar werden schlaflose Nächte haben. Irgendwie gemein, wo doch die Italiener mit dem Maserati Quattroporte die Gattung des "Vier-Türen-Coupé" erfunden haben.

Gernot Kramper

Wissenscommunity