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Mercedes S 600 Guard: Stressfrei in der Warzone

Zum Preis eines netten Häuschens gibt es für gewisse Personen einen Mercedes der Extra-Klasse. Weder 44-Magnum, Kalaschnikow noch Handgranaten können den Wagen am Weiterfahren hindern. Da bekommt das Wort Fahrzeugsicherheit doch gleich eine ganz andere Bedeutung.

Von Michael Specht

Bis zu 200 Mal jagen die Prüfer des Beschussamtes Ulm Kugeln unterschiedlichen Kalibers in die nagelneue S-Klasse, zerschießen Türen, Schlösser, Scheiben, Reifen und Kofferraum, zünden Handgranaten auf dem Dach und Sprengsätze unterm Wagenboden. Der Mercedes gleicht jetzt mehr dem Fluchtauto von Bonnie & Clyde als einer komfortablen Luxuslimousine. Jedoch mit einem gravierenden Unterschied: Das berühmte Gangsterpaar fand 1934 nach der Polizeisalve den Tod, im Innenraum der S-Klasse ist es noch so friedlich wie zuvor. Weder Glassplitter liegen auf den Sitzen, noch steckt irgendeine Kugel im Polster. B7 nennt der Fachmann trocken diese "Bodyguard"-Einstufung. Den Stempel gibt´s für den zurzeit höchsten Personenschutz im Pkw-Bereich.

1000 Stunden für die Sicherheit

Die Nachfrage nach Autos dieser Art ist hoch, nicht nur in Krisengebieten, sondern rund um den Globus. Die Kunden, über die Mercedes natürlich nicht spricht, sind Regierungen, Könige, Präsidenten, Wirtschaftsbosse, mitunter Despoten, Mafiosis und andere Wichtige und Mächtige. All jene, die, sobald sie einen Fuß vor die Tür setzen, Angst vor Attentate oder Überfälle haben (müssen). Denn die Welt da draußen ist böse, kein großer Politiker winkt dem Volk noch so zu wie John F. Kennedy aus dem offenen Cabrio. Selbst der Papst sitzt heute hinter Glasscheiben, die so dick sind wie die Schaufenster bei Bulgari.

Der Preis für die Unversehrtheit ist vergleichsweise gering: 330.000 Euro. Zwar ohne Mehrwertsteuer, aber sonst ist so ziemlich alles an Bord, was dem Luxus und Komfort dient. Dafür sorgen bei Mercedes rund 600 Mitarbeiter. Sie versehen in Sindelfingen in den Hallen 15/2 und 15/3 (hier wird auch der Maybach gefertigt) den S-Guard mit zirka 500 Stahl- und Spezialteilen. Alles in Handarbeit. Zeitaufwand: 1000 Stunden. Danach wiegt das Auto über 3,5 Tonnen, sieht aber noch genauso aus wie vorher. Dies ist beabsichtigt. Je unauffälliger, je besser. Potenzielle Angreifer sollen nicht einmal im Konvoi erkennen können, welches Fahrzeug gepanzert ist.

Rundum geschützt

Eine weitere Trumpfkarte kann Mercedes gegenüber Firmen ausspielen, die sich auf die nachträgliche Panzerung von Autos spezialisiert haben, in dem bereits die Rohkarosserie an sonst unzugänglichen Stellen Stahlplatten erhält. Das Ergebnis ist eine rundum geschützte Hochsicherheitszelle, teilweise verschweißt mit bis zu zehn Millimeter gehärtetem Stahl. Er steckt in den Türen, im Dach, unter dem Boden, verstärkt die Trennwand zum Motor- und Kofferraum. Besonders geachtet wird auf so genannte ballistische Lecks. Das sind Fugen und Spalten zwischen Türen, der Bereich der Schlösser oder auch am Seitenspiegel. Keine Kugel soll die Chance haben, irgendwo durchzudringen. Auch nicht durchs Glas. Es ist in fünf bis sechs Schichten verklebt, bis 52 Millimeter stark und so schwer, dass die Serienfensterheber sie nicht mehr hochfahren können. Dies übernimmt im S-Guard eine Hydraulik. Selbst wenn der Tank getroffen sein sollte, passiert nichts. Er ist von einem Spezialkunststoff umgeben. Sobald die Kugel Schicht und Tankblech durchschlägt, verschließt sich die "Wunde" automatisch.

Drängler wird von Polizei überrascht.

Der "Führer" fuhr ohne Panzerung

Sonderschutzentwicklung hat bei Mercedes eine lange Tradition. Sie reicht knapp 80 Jahre zurück, begann 1928 mit einem Modell namens 460 Nürburg. Ihm folgte 1935 der 770 K, in dem Japans Kaiser Hirohito Schutz suchte. Adolf Hitler wiederum taucht in der Mercedes-Statistik nicht auf. Bezeichnend auch, dass nach dem Krieg zu Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwunges das Geschäft brach lag und erst mit dem großen Mercedes 600 Mitte der 60er wieder langsam anzog. Meist waren es jedoch die S-Klassen-Modelle (W108, 116, 126, 140 und 220) in denen Mercedes seine Schutztechnik in den folgenden 40 Jahren mehr und mehr verfeinerte und verbesserte.

Erstaunlich flotter Elefant

Damit die ohnehin schon schwere Limousine mit ihrem Mehrgewicht von 1400 Kilogramm überhaupt noch halbwegs fahrbar bleibt und sich nicht verhält wie ein Walross an Land, haben Fahrwerkstechniker alle Hände voll zu tun, Achsen, Federn und Bremsen zu verstärken. Die beiden vorderen Scheiben umklammern jetzt vier statt zwei Bremssättel, um den Brocken aus Tempo 100 noch unter 40 Metern zum Stehen zu bringen. Und um sich im Fall der Fälle souverän aus der Gefahrenzone retten zu können (selbst mit den platt geschossenen, aber weiterhin fahrbaren Michelin PAX-Reifen), treibt den S-Guard ein 517 PS starker Zwölfzylinder an. Testfahrten auf einer abgesperrten Landebahn zeigten, wie überraschend handlich sich das schwere Schiff um die Pylonen dirigieren ließ. Allerdings sollte sich der Chauffeur des S-Guard-Mercedes darüber im Klaren sein, auf Dauer seine Verfolger nicht abschütteln zu können. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 210 km/h limitiert.

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