Smart Roadster/Roadster Coupé Der rasende Lippenstift


Der Ur-Smart hat längst den Weg in die Herzen der Mobilitätsbevölkerung geschafft. Sportliche Gemüter konnten bisher jedoch wenig mit dem Stadt-Floh anfangen. Dieser Klientel kommt Smart nun mit zwei kompakten Roadstern entgegen.

Der Ur-Smart hat längst den Weg in die Herzen der urbanen Mobilitätsbevölkerung geschafft - klein, wendig und im Kampf um knappen Parkraum kaum zu schlagen. Sportliche Gemüter konnten bisher jedoch wenig mit dem Stadt-Floh anfangen. Dieser Klientel kommt Smart nun mit zwei kompakten Roadstern entgegen. Wir haben den winzigen Sportwagen über die Landstraßen der Algarve-Küste gescheucht.

Verdrängte Schwächen

Ein sportlicher Smart? Automobil-Puristen wittern bei diesem Gedanken die Chance, einige der Schwächen des Ur-Smarts in die ewigen Jagdgründe zu schicken - das Fahrwerk ohne nachweisbare Federung, den Motor mit lächerlichem Hubraum und das bockige automatisierte Getriebe. Dumm nur, dass die Herren über die Kleinst-Automobile einige dieser vermeintlichen Schwächen zum elementaren Bestandteil eines Smarts erhoben haben. Nerviges Getriebe, Mini-Motörchen und außergewöhnliche Optik gehören zu einem Smart. Basta!

Smarte Traditionen

Ein Smart ist ein Smart ist ein Smart. Und so durften die Designer beim Roadster sicherlich nicht ganz so, wie sie eigentlich wollten. Die vom City-Coupé geprägte Tridion-Sicherheitszelle musste die Mutation zum knackigen Landstraßen-Feger ebenso überstehen wie diverse knubbelrunde Design-Elemente. Das Ergebnis erinnert an einen flachgeklopften Standard-Smart mit grinsendem Clowns-Gesicht und dickem Hintern. Das mag der Masse nun gefallen - oder eben nicht. Vor den kleinen Roadstern der Konkurrenz muss sich der Smart jedenfalls nicht verstecken.

Gewürz-Rot

In Ermangelung farblich spannender Alternativen haben wir uns bei unserer Spitztour für einen feuerroten Smart Roadster entschieden. „Spice red“ heißt der knallige Farbton, mit dem man nicht nur bei den Halbstarken in verschlafenen Algarve-Dörfchen der König ist. Die optische Verwandtschaft mit einem rasenden Lippenstift war da schnell vergessen.

Turnerische Qualitäten

So cool man wirkt, wenn man im Smart Roadster sitzt, so mühsam kann der Weg ins Winz-Mobil sein. Vor allem bei geschlossenem Dach bedarf es turnerischer Qualitäten, um den Sturz ins Wageninnere heil zu überstehen. Bei einer Fahrzeug-Höhe von gerade einmal 1,19 Metern ist es, je nach Körpergröße, ein echt weiter Weg auf die – immerhin bequemen – Sitze. Wesentlich einfacher wird die Sache, wenn man sich den flachen Smart mit geöffnetem Dach „anzieht“.

Zwei Dach-Varianten

Zur Wahl stehen dabei zweierlei technische Lösungen. Im Roadster serienmäßig verbaut ist das clevere Soft-Top. Das weiche Verdeck ist eigentlich ein XXL-Schiebedach und verschwindet nach dem Öffnen hinter den Kopfstützen der Passagiere. Um echtes Roadster-Feeling erleben zu können, müssen anschließend noch die beiden Dachholme unter der Fronthaube verstaut werden. Vorteil der Soft-Top-Lösung: Das Dach lässt sich bei jeder Geschwindigkeit öffnen.

Handarbeit

Mit Handarbeit ist auch das serienmäßige Dach des Smart Roadster Coupé verbunden. Das zweigeteilte Hard-Top muss per Hand entriegelt, und die beiden Teile unter dem Glasdeckel des Coupé-Kofferraums verstaut werden. Vorteil: Das Plastik-Dach ist voll wintertauglich. Gegen Aufpreis können beide System auch miteinander kombiniert werden.

Kofferraum-Knappheit

Die Frischluft-Freuden muss man allerdings mit eingeschränkter Transport-Kapazität bezahlen. Die ohnehin bescheidenen Gepäckfächer (vorne 59 Liter, hinten 86 Liter) werden beim Roadster durch zusätzlich zu verstauenden Dachholme mächtig beschnitten. Zumal der hintere „Kofferraum“ ohnehin nicht mehr als zwei flache Laptop-Taschen verkraftet. Etwas geräumiger geht´s im Coupé zu. Durch die große Glas-Klappe über dem hinteren Kofferraum bleiben mit verstauten Hard-Tops immerhin 104 Liter Stauraum (leer 189 Liter).

Platz muss sein

Auf den straffen Sitzen angekommen, kommt schnell Wohlgefühl auf. Trotz seiner winzigen Abmessungen ist das Platzangebot im Smart Roadster erstaunlich üppig. Selbst breitere Zeitgenossen werden kaum Probleme haben, ihre Körperteile angemessen zu verstauen. Lediglich die ansonsten tadellosen Sitze könnten im Schulterbereich etwas breiter geschnitten sein. Möglich wird diese erstaunliche Raumökonomie durch das smarte Konstruktionsprinzip. Wie bei Mittelmotor-Sportwagen sitzen einem Triebwerk und Getriebe im Kreuz – dadurch bleibt viel Platz für die Passagiere.

Plastik-Probleme

Das Interieur gibt kaum Rätsel auf. Wie beim City-Coupé ist zwar kaum ein Knopf oder Schalter dort, wo man ihn bei herkömmlichen Fahrzeugen vermutet – aber irgendwie doch sinnvoll zu erreichen. Stirnrunzeln gab´s nur bei der Materialwahl. Trotz kaum zu bemängelnder Verarbeitungsqualität wirken die eingebauten Plastikteile ähnlich hochwertig wie ein Nudelsieb vom Grabbeltisch. Im großen Material-Regal von DaimlerChrysler wird sich doch hoffentlich etwas Softlack finden lassen!?

Ein Klassiker?

Trotz Material-Schock – so ein Roadster muss seine Qualitäten auf der Straße unter Beweis stellen. Erst recht, wenn das längst beerdigt geglaubte Segment der kleinen und kompromisslosen Roadster wiederbeleben soll. Geht es nach Mercedes-Vorstandsmitglied Andreas Renschler, steht der neue Smart in einer Linie mit Legenden wie dem Austin Healey Frogeye, dem MG A oder dem Triumph Spitfire. Größenwahn oder Rückbesinnung auf alte Qualitäten?

Smart Roadster

Motor

Dreizylinder-Triebwerk

Hubraum

698 cm³

Leistung

82 PS / 60 kW

Max. Drehmoment

110 Newtonmeter

Getriebe

Automatisierte Sechsgang-Schaltung

Länge/Breite/Höhe

3.427/1.615/1.192 Millimeter

Gewicht

790 Kilogramm

0-100 km/h

10,9 Sekunden

Höchstgeschw.

175 km/h

Grundpreis

18.330 Euro

Starkes Leistungsgewicht

In Sachen Motorsound kann der Smart mit keinem seiner Ahnen mithalten. Der schmalbrüstige Dreizylinder mit seinen schlappen 0,7 Litern Hubraum erwacht zwar munter fauchend zum Leben – ein kompromissloser Treibsatz klingt aber anders. Der Sound täuscht jedoch über das Potential des Motörchens hinweg. Die 82 PS sind mit dem kompakten Roadster alles andere als überfordert. Den 110 Newtonmetern an Kraft stehen gerade einmal 790 Kilo Roadster im Weg. Das entspricht einem Leistungsgewicht von 9,6 Kilo pro PS. Zum Vergleich, der Austin Healey Frogeye brachte es nur auf 13,5 Kilo.

Mehr als nur ein Sprinter

Dementsprechend flott geht es voran. Die extreme Nähe zur Fahrbahn und der doch recht lautstarke Motor lassen die Fahrleistungen jedoch spektakulärer erscheinen, als sie wirklich sind. Für den Sprint auf 100 Stundenkilometer nimmt sich der Smart Roadster immerhin 10,9 Sekunden Zeit. Den flachen Smart jedoch nur auf seine Sprinter-Qualitäten zu reduzieren, wäre unfair. Die große Stunde des kleinen Sportler schlägt bei der zügigen Jagd über verwinkelte Landstraßen.

Dem Asphalt so nah

Egal wie eng die Biegung, egal wie tief das Schlagloch – der Smart lässt sich davon kaum beeindrucken. Durch die geringe Fahrzeughöhe flitzt man in Dackelperspektive über den Asphalt – Traktionsprobleme kennt der Roadster-Fahrer nur vom Hörensagen. Schon nach wenigen Kurven legt man das gewisse Grund-Misstrauen ab und feuert das kleine Geschoss genussvoll um die Ecke. Viel Spaß pro PS! Ähnlich narrensicher fährt sich sonst eigentlich nur ein Go-Kart. Einen großen Beitrag zum Vergnügen leistet die leider aufpreispflichtige elektrische Servolenkung. In der Mittellage noch etwas gefühllos, vermittelt sie gerade in Extremsituationen jede Menge Fahrbahnkontakt.

Die Physik im Griff

Allzu stürmischen oder unerfahrenen Piloten schiebt das Fahrwerk einen Riegel vor. Verstöße gegen die Physik quittiert der Roadster erst mit gut beherrschbarem Untersteuern (Schieben über die Vorderräder), bevor in letzter Instanz der serienmäßige Schleuderverhinderer ESP eingreift. Vordergründig lässt sich die Fahrhilfe abschalten - dabei wird jedoch nur die Traktionskontrolle deaktiviert. In Extremsituationen greift das ESP nach wie vor regulierend ein. Versierte Fahrer werden sich damit kaum abfinden können. Durch die bescheidene Motorleistung ist es schon schwer genug, den kompakten Smart zum kontrollierten Drift zu verleiten. Bei unseren Testfahrten setzte der elektronische Wächter dem lockeren Tänzchen immer dann ein Ende, wenn der Spaß am größten war.

Kein Licht ohne Schatten. Nach wie vor kann das automatisierte Getriebe überzeugen. Zwar gibt es nun endlich eine Kick-Down-Funktion – die kann aber die eklatanten Schwächen beim Herunterschalten nicht ausgleichen. Die Schaltpausen war sind einfach zu lang. Etwas Kummer bereiteten uns auch die Bremsen. Nach wilder Hatz wirkten vor allem die hinteren Trommelbremsen nicht mehr ganz so standfest.

Fazit

Wir verneigen uns vor dem Smart Roadster! Selten hat so wenig Auto so viel Spaß gemacht. Selten war so wenig Auto aber auch so unverschämt teuer! So kostet der Einstiegs-Roadster erträgliche 14.999 Euro. Dafür bekommt man aber auch nur den kleinen 45 kW-Motor, ein Lenkrad und zwei Türen. Praktisch alles, was uns den Testalltag versüßte, lässt sich Smart teuer bezahlen. Beispiele? Die elektrische Servolenkung kostet im Zwangs-Paket mit Bordcomputer, Tempomat und automatischer Scheibenwischerregelung stolze 810 Euro Aufpreis. Die knuffigen Zusatzinstrumente (Motortemperatur und Ladedruck) sind da mit 135 Euro beinahe ein Schnäppchen. Ein PS-Aufschlag ist teuer. Unser 60 kW-Roadster schlägt mit mindestens 18.330 Euro ein heftiges Loch ins Budget.19.950 Euro muss man für das Roadster Coupé hinlegen. Servolenkung und Zusatzinstrumente sind aber auch da nicht mit dabei. Ein Gesamtpreis von über 20.000 Euro ist kein Problem – und sorry, eindeutig zu viel für den kleinen Flitzer.

Jochen Knecht

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