Ferrari Denkmal auf vier Rädern


Mehr als 20 Jahre baute Sergio Scaglietti die schönsten Ferrari-Karosserien. Jetzt gibt's einen Renner, der seinen Namen trägt

Sergio Scaglietti kann es immer noch nicht fassen. "Teufel", platzt es aus dem kleinen Mann heraus. Bei dem Thema ist er ganz aufgekratzt. "Ich war total baff, als ich davon erfuhr. Es war eine große Freude. Und eine große Ehre." Eine riesige Überraschung war es auch, denn der 84-Jährige bekam erst zwei Stunden vor der Vorstellungsgala für den Ferrari 612 mitgeteilt, dass der neue große Sportwagen, der ab Juni verkauft wird, noch einen Namenszusatz bekommt - Scaglietti eben. "Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, sage ich ihm grazie, mille grazie."

Der alte Herr meint Luca di Montezemolo, den Ferrari-Präsidenten. "Er war es, es war seine Idee", sagt Scaglietti. "Er hat es vielleicht getan, weil ich ja auch früher schon einen gewissen Ruf hatte. Wegen meiner Arbeit, ich habe ja an vielen Ferrari gearbeitet."Das ist etwas zu bescheiden. Aus Scagliettis Modeneser Werkstatt stammen einige der schönsten FerrariKarosserien überhaupt. 1954/1955 entstand unter seinen Händen ein Einzelstück für den Regisseur Roberto Rossellini und dessen Frau, die Schauspielerin Ingrid Bergman. Oder ein Cabriolet für König Leopold von Belgien. Die Aluminiumhaut für den legendären 250 GTO von 1961, heute eines der teuersten Sammlerstücke, hat Scaglietti ebenfalls geformt.

Der GTO ist für viele Fans der schönste Ferrari aller Zeiten, und Sergio Scaglietti, das schätzte Enzo Ferrari an ihm, hatte ein untrügliches Gefühl für Proportionen. Selten hat sich der Karosseriebauer lange mit Zeichnungen aufgehalten; meist machte er sich gleich ans Werk. Der geschwungene Schriftzug oben auf dem Dach der Halle gibt eine Ahnung von der Wertschätzung, die der große Enzo Ferrari dem kleinen Sergio Scaglietti entgegenbrachte: "Stabilimenti Scaglietti", Fabrik Scaglietti, ist dort immer noch zu lesen, obwohl Ferrari den Komplex 1975 übernahm.

Das Innenleben der Hallen hat sich jedoch verändert. Ein Roboter vermisst jede Karosserie des Ferrari 612 an 893 Punkten. Sandsäcke und Holzklötze, über denen früher das Blech gehämmert wurde, gibt es nicht mehr. Dennoch ist für ein perfektes Ergebnis immer noch viel Handarbeit erforderlich. Die Millionen Euro teuren, hoch präzisen Presswerkzeuge für Kotflügel, Hauben und Türen lohnen sich nur für Massenhersteller. Ferrari begnügt sich mit preiswerteren Maschinen, die allerdings nicht supergenau produzieren. Was nicht weiter schlimm ist, denn für saubere Fugen, Spalte und Übergänge sind die Blechkünstler zuständig. Also wird wie früher gefeilt, geglättet, gedengelt. 220 Leute fertigen täglich vier 612er-Karosserien aus Aluminium sowie in größerer Stückzahl Ferraris Einstiegsmodell namens 360.

Den Aufstieg hat sich Sergio Scaglietti hart erarbeitet. "Ich bin jetzt 84", sagt der kleine, freundliche Mann, "aber geschuftet habe ich für 150 Jahre." Als er 13 war, starb sein Vater. Der Junge musste die Schule verlassen und Geld verdienen. Er ging zur Carrozzeria Emiliana nach Modena, wo auch schon einer seiner Brüder das Handwerk des Spenglers erlernt hatte.

1937 traf er Enzo Ferrari das erste Mal, als sein Meister, Signor Toricelli, ihn zu ihm schickte, um zerbeulte Kotflügel zu richten. Da war Scaglietti 17 und sehr beeindruckt von dem stattlichen Commendatore, dessen gewaltiger Hosenbund die Rippen zu umspannen schien. Ferrari wiederum muss mit Scagliettis Arbeit zufrieden gewesen sein, sodass er ihn sich als Spezialisten für schwierige Fälle gemerkt hat. "Ferrari erinnerte sich gut an Personen und ihre Eigenschaften", sagt Scaglietti. "Auch nach langer Zeit noch."

1953 bekam er den ersten richtigen Auftrag aus Maranello. Da hatte Scaglietti bereits seine eigene Firma. Wieder ging es um einen anspruchsvollen Fall. Der französische Rennfahrer Louis Rosier hatte seinen Ferrari-375-Rennwagen in Eigenregie für ein Langstreckenrennen in Argentinien umgebaut. Das Ergebnis war ziemlich hässlich geraten; Scaglietti sollte den Wagen wieder ansehnlich machen. Es folgten weitere Spezialaufträge, oft Sonderanfertigungen. Scaglietti erinnert sich, dass der belgische König ihm zum Dank für sein schönes Cabriolet ein Taubenpärchen nach Modena schickte: "Ein merkwürdiges Geschenk, dachte ich, und wollte sie schon an Weihnachten in die Pfanne hauen. Da erfuhr ich zum Glück noch rechtzeitig, dass es sich dabei um Renntauben handelte, die belgischen Rekordhalter über 1000 Kilometer."

Mit dem Erfolg des kleinen Modells Dino, den Enzo nach seinem verstorbenen Sohn benannt hatte, wurde aus dem Handwerker Scaglietti 1969 ein Industrieller, denn von da an entstanden in seinem Werk täglich sieben Dino-Karosserien sowie eine für das Zwölfzylindermodell Daytona. Doch die neue Rolle behagte ihm gar nicht, denn als Chef von 170 Mitarbeitern musste sich der ehemalige Widerstandskämpfer nun auch mit den Gewerkschaften herumschlagen - für ihn ein Gewissenskonflikt. Bald verkaufte er einen Teil seiner Firma an Ferrari, 1975 den Rest. Und er war erleichtert. Den Vertrag hat er nicht mal gelesen. "Ich hatte Vertrauen zu ihm. Ich habe gesagt, Commendatore, wo soll ich unterschreiben? Das war?s." Wie gut der Draht zwischen den beiden Männern im Lauf der Zeit wurde, belegt Scagliettis Erinnerung an einen Anruf eines Samstagvormittags im Jahre 1969. Enzo Ferrari war am Apparat und fragte ihn, was er an dem Tag noch vorhabe. "Niente", antwortete Scaglietti, also verabredete man sich zum Mittagessen. 20 Jahre ging das so, jeden Samstag ein Telefonat gleichen Inhalts, gefolgt von einem Essen in dem Haus an Ferraris Teststrecke in Fiorano. "Es waren außer mir und ihm noch der Buchhalter dabei, zwei Chauffeure und manchmal ein Ehrengast." Oft wurde diese Rolle dem Nudelkönig Barilla zuteil. "Pietro Barilla war Ferraris einziger richtiger Freund", sagt Scaglietti.

Seine Herrenrunde

nannte Enzo Ferrari "gli amici del sabato", die Samstags-Freunde. Das letzte Mal, dass sie sich trafen, "war das Wochenende vor dem 14. August 1988, dem Tag, an dem Ferrari starb", sagt Scaglietti. "Wir aßen immer in einer kleinen Küche neben der Piste. Es gab dort eine wunderbare Köchin, Signora Pina, die uns wunderbare, köstliche Risotti machte. Zuerst wurde gegessen, dann haben wir gequatscht, bis es dunkel wurde." An den Rennwochenenden lief nebenbei der Fernseher - Ferrari war die letzten Jahre seines Lebens bei keinem Grand Prix mehr. "Wir haben uns die Rennen angeschaut", sagt Scaglietti. "Danach haben wir uns Witze erzählt." Einen Ferrari hat der Blechmeister nie besessen, auch nicht nach dem Verkauf seiner Fabrik. Der Legende nach soll Enzo Ferrari damals gesagt haben: "Sergio, jetzt wo du ein reicher Mann bist, kannst du dir so ein Auto doch leisten." Doch Scaglietti winkt entschieden ab, ganz der einfache Mann aus einer Arbeiterfamilie. "Ich? Um Gottes willen, nein. Niemals! Wenn ich mit einem Ferrari bei Enzo Ferrari vorgefahren wäre, das hätte ihm nicht gefallen." Der Commendatore ließ sich selbst ja meist in einem Fiat chauffieren. "Und wenn meine Kunden gewusst hätten, dass ich einen Ferrari fahre", sagt Scaglietti, "wären sie die längste Zeit meine Kunden gewesen. Nein, nein, ich fuhr einen ganz gewöhnlichen Fiat 600." Heute hat er einen Alfa 156.

Frank Warrings


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