Ferrari Der kühle Finne giftet gegen Schumacher


Im traditionellen Ski-Camp von Ferrari stellte sich das Team der Scuderia für die kommende Saison vor. Während der neue Teamchef Stefano Domenicali ein schweres Erbe antritt, gab sich Kimi Räikkönen wie immer wortkarg - und degradierte Schumacher zum Aushilfsfahrer.
Von Elmar Brümmer, Madonna di Campiglio

Stefano Domenicali, der neue starke Mann im Weltmeisterteam von Ferrari, kann sogar Berge versetzen. Weil bei seiner öffentlichen Amtseinführung im Rahmen des traditionellen Ski-Camps der Scuderia in Madonna di Campiglio die Sponsorenlogos nicht passten, wurde gleich die ganze Wand mit dem Dolomitenpanorama verschoben. Mit Domenicalis Beförderung zum Rennstall-Chef ist der Umbau des Formel-1-Rennstalls abgeschlossen - vorerst.

Ein ganz anderer Typ als sein mächtiger Vorgänger Jean Todt nimmt da Platz, und das machen nicht nur die gut 20 Jahre Altersunterschied aus. Domenicali, der vor 17 Jahren direkt von der Uni zu Ferrari kam und sich vom Buchhalterjob zum Chef der gestione sportiva, des rasenden Nationalheiligtums, hochgearbeitet hat, ist verträglicher, umgänglicher, vielleicht weicher. Der 42-Jährige will auch auf dem Schleudersitz bleiben, wie er ist: "Meine Art war es schon immer, alle Dinge positiv anzugehen, auch die Probleme. Ich ändere mich nicht. Ich habe nur eine neue Position und eine neue Verantwortung." Vor allem lebe er einen Traum: "Ich fühle mich wie ein kleiner Junge, der gern kickt und plötzlich in der Champions League spielen darf." Sogar als Mannschaftskapitän.

Geistiger Sohn von Enzo Ferrari

Dass er Italiener ist, macht ihn zwar auf Anhieb populärer, aber es macht die Arbeit nicht einfacher. Trotzig sagt er: "Nicht auf den Pass, auf die Werte kommt es an." Die Frage der Ehre beantwortet er wie auf Bestellung: "Ich sehe mich als geistiger Sohn von Enzo Ferrari." Vor allem aber als Zögling von Jean Todt, dem er seit Jahren am Kommandostand auf die Finger gucken konnte. Der Franzose will sich nur noch um seinen Job als Generaldirektor des Sportwagenherstellers kümmern, und versucht, mit 61 - und einer attraktiven Lebensgefährtin - kürzer zu treten. Ob sich Todt und der über allem schwebende Fiat-Boss Luca di Montezemolo wirklich aus dem Renngeschäft heraushalten werden, bleibt abzuwarten. Die bisherigen Machthaber können schneller wieder auf ihr angestammtes Terrain zurückkehren als gedacht. Auch deshalb dürften die Wunschkandidaten Ross Brawn (jetzt Technikchef bei Honda) und Michael Schumacher (hasst Büroarbeit) abgesagt haben. Stefano Domenicali, der aus der Rennstadt Imola stammt, war da fast logische Wahl.

Ihm bleibt eigentlich nur eine Chance, sich zu profilieren: Indem die Scuderia 2008 mit Kimi Räikkönen und Felipe Massa wieder den Titel holt, den McLaren-Mercedes im Vorjahresfinale so kläglich an die Italiener verloren hatte. Das ist Todts Vermächtnis. Domenicalis Ansage: "Wir haben viel investiert, es muss auch viel dabei herausspringen." Wie viel sind 300 Millionen Euro umgerechnet in WM-Punkte? Der neue starke Mann mit den weichen Zügen geht mit dem Druck so um: "Wir haben eine Verantwortung uns selbst gegenüber." Der bisherige Teammanager kommt zwar als Kumpeltyp daher, aber sein Ehrgeiz bewegt sich im oberen Drehzahlbereich: "Ich wirke häufig äußerlich gelassen, aber in mir brodelt es dann. Das kann ein Fehler sein oder eine Stärke. Die Formel 1 ist jeden Tag eine Herausforderung. Ihr kann man nur mit Leidenschaft begegnen."

Jena Todt war manchmal zu brüsk

Zu Domenicalis Prinzipien gehört es, die Tür zum Büro immer offen zu haben. Er traut sich sogar, Todts Umgangsformen zu kritisieren: "Sein Fehler ist, dass er manchmal zu brüsk die Meinung sagt. Das ist nicht zu seinem Vorteil." Aber das war es dann vorerst auch an (stiller) Revolution: "Jean bleibt natürlich mein Chef."

Über den neuen F 2008, der am Sonntag auf der Werkspiste in Maranello seine Jungfernfahrt in kleinem Rahmen erlebte, wurde in Madonna nur geredet, richtig getestet wird kommende Woche im spanischen Jerez. Dass der große Rivale wieder McLaren-Mercedes sein wird, weiß man ohnehin. Wie sich die einschneidenden Technikänderungen (keine Traktionskontrolle mehr, Einheitselektronik) auswirken, darüber referierte der Brasilianer Felipe Massa, die gedachte Nummer zwei im Team: "Es wird jetzt menschlicher... Ich meine, es kommt mehr auf den Mensch ein. Und vielleicht bringt es mir ja Glück, frisch verheiratet zu sein."

Räikkönen wie immer wortkarg gleichgültig

Kimi Räikkönen, der sich im Rahmen des Schneefestivals erstmals als Weltmeister der Öffentlichkeit präsentierte, beantwortete sowohl die Fragen nach der Rangordnung im Team wie nach den Gegnern oder dem anstehenden ersten Nachtrennen in Singapur mit wortkarger Gleichgültigkeit - es interessiert den Finnen eigentlich nicht. Die Gerüchte, er würde zum Saisonende aussteigen, waren schnell vom Tisch: "Ich habe einen gültigen Vertrag bis 2009, und wenn ich wollte, könnte ich morgen einen neuen unterschreiben."

Die Einsilbigkeit wurde nur unterbrochen, als er im Palazzo die Congressi darauf angesprochen wird, dass Vizeweltmeister Lewis Hamilton bei vielen Sportlerwahlen die Nase vorn hatte: "Weltmeister wird man nach Punkten, nicht nach Sympathien..." Und auf das Glatteis, Jean Todt halte ihn für einen schnellen Fahrer, hätte ihm aber jegliche Führungsqualitäten abgesprochen, lässt er sich nicht führen.

Der Weltmeister hält Schumacher für Aushilfsfahrer

Klarer ist er nur in der Definition der Zusammenarbeit mit Michael Schumacher. Zeigte sich Stefano Domenicali noch hocherfreut darüber, dass der Formel-1-Frührentner wieder häufiger ins Steuer greift ("Seine Erfahrung ist einfach unglaublich"), schränkt Champion Räikkönen die Amtshilfe ein und degradiert den offiziellen Ferrari-Berater Schumi zu einer Art Aushilfsfahrer: "Es gibt viel zu testen und wenig Zeit. Die meisten Runden fahren wir deshalb selbst. Aber es ist natürlich gut, wenn Michael testet, wenn wir nicht können. Er hat ja viel Erfahrung."

Schumacher, der gestern zum Skifahren in den Dolomiten eintraf, wird das nicht weiter stören, er hält es wie der Finne - jeder folgt seiner eigenen Ideallinie. Und auch Stefano Domenicali muss seine finden.


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