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24 Stunden Rennen Nürburgring Marathon-Hatz durch die grüne Hölle


Porsche gegen Mini. Sportwagen-Exot gegen Familienkutsche. Das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring gilt als die größte Herausforderung für Mensch und Maschine. Nicht nur die Piloten werden gefordert: 200.000 Zuschauer feiern jedes Jahr rund um die Nordschleife einen rauschenden Party-Marathon.
Von Christian Gebhardt, Nürburg

Lodernde Lagerfeuer erhellen die Nacht, würziger Bratwurstgeruch wabert durch die Luft, knatternd produzieren die Dieselgeneratoren Energie, turmhohe Lautsprecherboxen verwandeln sie sofort in krachende Fetenhits. Rund um die Berg- und Talbahn der kurvigen Nordschleife des Nürburgrings stehen Kurvennamen wie "Hatzenbach", "Breidscheid" oder "Hohe Acht" das ganze Jahr für die anspruchsvollen Mutpassagen der gefährlichsten Rennstrecke der Welt. Aber einmal auch für exzessive Partymeilen unter freiem Himmel.

"Wir kommen jedes Jahr von Sonntag bis Sonntag und das schon seit 1998", erzählt Klaudia, während sie der mobilen Zapfanlage ein frisches Kölsch abfüllt. Keine Seltenheit, die meisten Motorsport-Fans reisen bereits eine Woche vor Start des 24-Stunden-Ritts in die Eifel und errichten rund um den Ring riesige Zeltstädte. Die Ausnahme ist die umfangreiche Ausstattung der Fan-Truppe um Klaudia und Ehemann Holgi, die ihren Zelt-Stammplatz am Kurven-Geschlängel Hatzenbach haben. Stereo-Anlage mit MP3-Player, Satelliten -TV, ein Elektroofen für die täglichen Aufback-Brötchen und eine Dusche bringen Luxus in die Camper-Wildnis.

Die wohl größten Neidfaktoren stehen wettergeschützt unter einem riesigen Partyzelt, geschmückt mit Fahnen und bunter Lichterkette. Ein Kicker und die vierspurige Carrera-Rennbahn mit computergesteuerter Zeitnahme sorgen bei den Zelt-Nachbarn der Hatzenbach-Truppe für große Augen. Jeder darf mitmachen. "Bei uns ist jeder willkommen, wir sind eine bunte Gruppe vom Controller bis hin zum Sozialpädagogen, uns vereint das größte Motorsport-Erlebnis auf der Welt", schwärmt Diplom-Ingenieur Björn, während er über die Grillwürstchen wacht und den vorbeijagenden Boliden nachschaut.

Vom kleinen Mini bis zum 500 PS-Porsche ist alles vertreten

"Man riecht die Bratwurst und ahnt das Bier", schmunzelt Lars Döhmann während er in der Boxengasse im weiß-roten Rennoverall auf den nächsten Kurven-Einsatz wartet. "Das ist mein siebtes 24-Stunden-Rennen und die Stimmung ist immer wieder fantastisch, in einigen Kurven kann man den Fans sogar winken", freut sich der im wahren Leben als Pressesprecher von Reifenhersteller Uniroyal tätige Hobbyracer. Gleich auf zwei Fahrzeugen ist Döhmann eingeschrieben. In einem hochgezüchteten Renn-Golf mit 220 PS und einem seriennahen Suzuki Ignis-Kleinwagen stürzt sich der 47-jährige ins 24-Stunden-Getümmel. "Manchmal kann man sich gar nicht so schnell klein machen, wie man möchte." Kein Wunder. Unter den 220 Startern ist alles zu finden, vom Ur-Mini bis hin zu den favorisierten 500 PS-Porsches mit ausladendem Heckflügel.

"Göttlicher Beistand

Auf den insgesamt 87 Kurven der 25,378 kilometerlangen Nordschleife in Kombination mit dem Grand-Prix-Kurs des Nürburgring sorgt dieser extreme Leistungsmix dann für halsbrecherische Überholmanöver und nicht selten auch für Kollisionen. Der Aberglaube verlangt daher nach einem Glücksbringer. Den "Schönsten" hat dabei vermutlich das BMW-Team um Marc Hiltscher aus Bergisch-Gladbach. Am breit gewölbten Kotflügel des Diesel-BMW prangt das Autogramm von Deutschlands Supermodel Heidi Klum. "Wir haben in unserem Karosseriebau-Betrieb einmal den Karnevalswagen von Heidi für den Umzug durch Bergisch-Gladbach vorbereitet."

Die einen schwören auf Heidi, die anderen auf den King of Rock ’n Roll. Rapper Smudo von den fantastischen Vier hält die Nordschleife für den "Elvis Presley unter den Rennstrecken". Bereits dreimal startete der Musiker bei der 24-Stunden-Hatz auf der traditionsreichen Naturrennstrecke. Doch bevor Smudo den Kampf mit der grünen Hölle so richtig in Angriff nehmen konnte, streikte sein Ford Mustang des PSP Racing-Teams. Nur eine Stunde hielt das wilde Pferd mit dem Biokonzept durch. "Ich bin total verliebt in das Auto", zeigt sich Smudo trotz des Ausfalls von der Flowerpower begeistert. Mit einer Karosserie aus extrem leichten und belastbarem Bioverbundwerkstoff und einem Dieselmotor der mit Biodiesel aus Raps nagelt, zählt der Mustang zumindest zu den umweltfreundlichsten Rennboliden.

Ob virtuell oder Echtzeit, jeder ist ein Sieger

Die schnellste Rundenzeit des diesjährigen 24-Stunden-Marathons erzielte Sandro Simon. In einem Nissan Skyline donnerte der Abiturient in 6.02,716 Minuten durch die 33 Links- und 39 Rechtskurven der Nordschleife. Als deutscher Vizemeister eine Kleinigkeit für den 19-jährigen. Am Bildschirem. Parallel zum realen 24-Stunden-Wettbewerb kämpften sechs Teams mit insgesamt 72 Piloten um Ruhm und Ehre auf einer virtuellen Nordschleife. Austragungsort des verrückten Schauspiels ist das Motorsport-Museum "Erlebniswelt" am Nürburgring. "Die Autos in der Rennsimulation haben viel mehr Grip, daher die superschnellen Rundenzeiten", berichtet Simon in einer Konsole aus Rennschalensitz, Sport-Lenkrad und Pedalen vor einem dünnen Flachbildschirm. Kein Wetterwechsel, immer nur Tageslicht und kein Verschleiß der virtuellen Boliden verlangen nach Ausdauer der Simulationscracks und sorgen für eckige Augen.

Jedes Jahr um 15 Uhr, wenn nach 24 Stunden die schwarz-weiß karierte Flagge fällt, wird jedoch eins immer wieder klar: Ob virtuell oder echte Nordschleife. Ob Privatfahrer oder Berufsrennfahrer. Ob Streckenposten oder Marathon-Fan. Der Mythos 24 Stunden Nürburgring lässt das olympische Moto hochleben: "Dabei sein ist alles!"


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