HOME

Carvana: Auf Knopfdruck Auto

In den USA macht eine völlig neue Art des Gebrauchtwagenkaufs auf sich aufmerksam. Bei Carvana wird das Auto online bestellt und entweder vor die eigene Haustür geliefert oder kann am Automaten abgeholt werden.

Es waren einmal drei junge Männer mit einer Idee. Einer Idee, dass es doch irgendwie möglich sein müsste, die nervige Suche nach einem Gebrauchtwagen erträglicher zu machen. Denn das ganze Feilschen, die automobile Katze im Sack-Kaufen und die abschließend dann doch recht hohen Preise sind nicht jedermanns Ding. Der Gebrauchtwagenkauf sollte ungezwungen sein, sprich einem Nirwana ähneln. Ein paar Tage später im Februar 2013 wurde in der Coca-Cola-Hauptstadt Atlanta im amerikanischen Bundesstaat Georgia die Firma Carvana gegründet.

Carvana: Auf Knopfdruck Auto
Auch nachts soll in Zukunft das Auto abgeholt werden können.

Auch nachts soll in Zukunft das Auto abgeholt werden können.

Einer der drei cleveren Amerikaner ist Benjamin Huston. Der sympathische Anfangdreißiger sah sich aber ebenso wie seine beiden Kollegen nicht auf einem Hinterhof stehend und runtergerockte Autos verkaufend. Nein, ein ganz neues Prinzip sollte her. "Wir bestellen Schuhe, Bücher, ja sogar Nahrungsmittel zu uns nach Hause ohne jeglichen menschlichen Zwischen-Kontakt, warum nicht auch unsere Gebrauchtwagen?", erklärt er ruhig. Gesagt, getan. Wer sich heute bei Carvana auf der Internetseite herumtreibt, findet gepflegte Autos zwischen 9.000 und 80.000 Euro, die auf Wunsch innerhalb von rund drei Tagen vor der eigenen Türe stehen. Allerdings kam diese Idee so gut an, dass Carvana Schwierigkeiten mit der Einhaltung der Lieferzeiten bekam. Die cleveren Drei vom Gebrauchtwagenhandel schockte das nur kurz. Seit November 2013 können zwischen neun und 18 Uhr die Autos auch am Automaten, der sogenannten Vending Machine abgeholt werden - eine Weltneuheit.

Übernimmt die Anlieferung der gewünschten Gebrauchtwagen zum Kunden ein firmeneigener Transporter, wird der Automat per Geheimnummer vom Kunden selbst bedient. Im Grunde ist diese aus der Not geborene aber nun von 50 Prozent der Kunden genutzte Verkaufs-Maschine nichts anderes als ein aus drei Garagen bestehendes Gebäude, dessen Rolltore sich per Nummerncode öffnen lassen. Das heißt, nach erfolgreicher Gebrauchtwagensuche und bekundetem Interesse wird auf Wunsch der Code oder gleich das ganze Auto zugesandt und die Testphase kann beginnen. Testphase? Ja, denn das Fahrzeug steht nicht erst nach einem abgeschlossenen Kauf, sondern schon vorab zu einem siebentägigen Test zur Verfügung.

Ob nun ein Fiat 500 für 9.100 Euro oder ein Tesla Model S für 72.000 Euro, für eine Woche darf der potentielle Traumwagen ausgiebig getestet werden. Ausgiebig heißt bei Carvana 400 Meilen, das sind umgerechnet rund 650 Kilometer. Jede weitere Meile kostet einen Dollar. "Nach sechs Tagen rufen wir an, ob sie zufrieden sind, und am siebten Tag machen wir den Deal entweder perfekt oder holen den Wagen wieder ab", verrät Huston das Prinzip. Das Spannende dabei ist die Tatsache, dass 97 Prozent bei ihrer Entscheidung bleiben und den Gebrauchten direkt behalten. Zwei der drei restlichen Prozent entscheiden sich für ein anderes Carvana-Fahrzeug und nur ein Prozent bleibt bei dem, was es vorher hatte.

Die Vorteile von Carvana beschreibt Benjamin Huston wie folgt: "Wir bieten einen Service nahezu ohne direkten Kontakt zum Kunden - und wir sind billiger. Bei einem Gebrauchtwagenhändler an der Straße bezahlen sie nicht nur das Auto, sondern jede Menge mehr, von dem sie gar keinen Gebrauch machen." Dazu gehören Verkäufer, ein Grundstück, Flaggen, aufblasbare Werbefiguren und so weiter. Hinzu kommt in den USA noch die Doc Fee. Was sich anhört wie eine Krankenkassengebühr ist nichts anderes als die Dokumentations-Gebühr, die alle administrativen Händlerkosten wie Zulassung oder andere Papierangelegenheiten umfasst. Abhängig vom Staat ist diese Gebühr vorgeschrieben oder freiwillig und kann bis zu 1.000 Dollar hoch sein. Im Bundesstaat Georgia liegt die durchschnittliche Gebühr bei 519 Dollar.

Fauxpas mit Muscle-Car: Angeber tritt aufs Gas - und verliert Hinterachse

Im Fuhrpark, der täglich um bis zu 20 Autos erleichtert und auch wieder aufgefüllt wird, befinden sich immer rund 600 Fahrzeuge jeder Größe mit bis zu rund 100.000 Kilometern Laufleistung. Zu den beliebtesten gehört natürlich der Ford F150 Pick-up-Truck, das meistgekaufte Auto in den USA. Zugleich lässt sich mit ihm auch am meisten sparen, wie auf der Internetseite zu sehen ist. 6.721 Dollar soll er bei Carvana günstiger sein, als bei der Konkurrenz. Der teuerste Deutsche ist ein BMW 750 Li von 2012 mit 82.000 Kilometern Laufleistung für umgerechnet 38.000 Euro. Damit sich der Kunde vor dem heimischen Computer ein gutes Bild von seinem Auserwählten machen kann, stehen pro Fahrzeug 33 Rundum-Bilder, die zu einer 360-Grad-Ansicht verschmolzen wurden, sowie ein Innenpanorama zur Verfügung. Hinzu kommen bebilderte Informationen zu kleineren Schäden.

Allerdings dürfen Carvana-Kunden davon ausgehen, dass keines der angebotenen Fahrzeuge jemals in einen Unfall verwickelt war. Jedes Angebot wird für 250 Dollar aufbereitet, einer 150 Punkte-Inspektion unterzogen und mit einer 100-tägigen Garantie an den Kunden übergeben. 4.189 Meilen, sprich 6.741,5 Kilometer darf der Kunde dann innerhalb dieser Zeit zurücklegen, ohne dass die Garantie entfällt. Warum so eine krumme Zahl? "Im Schnitt fahren wir 41,89 Meilen pro Tag, da finden wir es nur fair, wenn unsere Kunden diese 100 Tage lang das Auto genauso nutzen dürfen, wie sie es auch im Alltag machen würden. Bislang machen aber nur ein Prozent unserer Kunden von diesem Rückgaberecht Gebrauch", meint Benjamin Huston. Bezahlt wird anschließend entweder online oder das Auto wird per Bank oder mit einem ebenfalls online einstellbaren Carvana-Plan finanziert.

Die Idee mit dem Auto aus dem Automaten befindet sich noch in den Anfängen. So ganz ohne menschlichen Kontakt geht es noch nicht und aktuell sind auch bestimmte Abholholzeiten notwendig. In naher Zukunft soll das anders aussehen. Dann wird es einen 24-Stunden-Zugang geben und die Autos können auch mitten in der Nacht am Verkaufs-Automaten gezogen werden. Zudem sollen zu den Standorten in Georgia, North Carolina und Tennessee noch bis zu zwanzig weitere Bundesstaaten hinzugewonnen werden. "Wir hoffen, dass wir schon bald einen echten 24-Stunden-Service bieten können, so dass Kunden, die keinen Wert auf zwischenmenschliche Interaktionen haben, keinen der aktuell rund 70 Mitarbeiter jemals zu Gesicht bekommen", meint Benjamin Huston mit einem Lächeln im Gesicht.

Press-Inform / pressinform

Wissenscommunity