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Automarkt Chinas Autokäufer ticken anders als die Europäer

Der Hongqi S9 wird als Concept-Car des chinesischen Herstellers auf der IAA präsentiert.
Der Hongqi S9 wird als Concept-Car des chinesischen Herstellers auf der IAA präsentiert.
© Boris Roessler/ / Picture Alliance
Der chinesische Automarkt ist mit 23.432.840 Millionen verkauften Fahrzeugen im vergangenen Jahr der größte der Welt. Doch beim Kaufverhalten unterscheiden sich die Bürger des Reichs der Mitte deutlich vom Rest der Welt.

Ist das eigene Auto wirklich ein Auslaufmodell? Nicht in China. Eine Studie der Unternehmensberatung Arthur D. Little, bei der weltweit über 8.500 Personen befragt wurden, kommt zu dem Ergebnis, dass im asiatischen Land auch in zehn Jahren für 43 Prozent der Autofahrer ein eigenes Auto wichtiger ist, als es bislang war. Sicher eine Folge der Covid-19-Pandemie. Für 46 Prozent bleibt die Wichtigkeit des eigenen Vehikels unverändert. Das Gesamtergebnis unterstreicht diesen weltweiten Trend. "Mit dem Auto haben die Menschen ihre eigene Social-Distancing Transportblase", stellt Arthur D. Little-Experte Klaus Schmitz fest und ergänzt: "Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage nach Autos weiterhin hoch sein wird."

Ein vollständiges Bild kann aber nur dann gezeichnet werden, wenn man auch die wirtschaftlichen Folgen der Krise betrachtet. Bei den Automobilkunden sitzt das Geld nicht mehr so locker wie vor der Pandemie: 32 Prozent der Befragten, die 2020 ein Auto kaufen wollten, haben diese Entscheidung auf die lange Bank geschoben, 14 Prozent wollen sich ein kleineres Fahrzeug holen und rund fünf Prozent haben den Kauf komplett abgeblasen. "Die Konsequenz daraus ist, dass das Mittelklassesegment weiter unter Druck gerät, was sich besonders auf den chinesischen Markt auswirken könnte, der weltweit der Motor für Neuwagenverkäufe ist", so Klaus Schmitz

Auto als Dienstleistung

Wie schaut es mit den Mobilitätsdienstleistungen aus? Glaubt man den Ankündigungen der Autobauer, ist dieses Geschäftsmodell die nächste große Sache. Während die europäischen und US-amerikanischen Autofahrer diesem Konzept noch skeptisch gegenüberstehen, sind die Chinesen da offener. Das liegt sicher unter anderem an den Schwierigkeiten eine Zulassung zu bekommen und natürlich auch an den Preis eines Neuwagens. Die Studie ist eindeutig: 70 Prozent der in den Städten lebenden Chinesen nutzen Ride-Hailing Angebote und sogar 53 Prozent setzen sich gemeinsam mit anderen ins Auto, während 37 Prozent sogar das Auto mit einem anderen Fahrer teilen. Zum Vergleich: 48 Prozent der Europäer haben nach eigenen Angaben noch keines der neuen Mobilitätsangebote angenommen. Noch bezeichnender wird der Unterschied, wenn man die Präferenzen bei einem solchen Dienst betrachtet: Für die Chinesen ist die Flexibilität wichtig, die Europäer wollen es möglichst günstig. Zudem ist die Verfügbarkeit für fast die Hälfte der Befragten (45 Prozent) ein Thema, fast genauso viele (43 Prozent) würden sich ein Robo-Taxi nehmen.

Kein Problem mit Roboterautos

Wenn man von Robo-Taxis spricht, muss man die autonomen Fahrzeuge in einem Atemzug nennen. Auch hier sind die Chinesen deutlich optimistischer als die Europäer und die Amerikaner. Während in Europa lediglich 28 Prozent und in den USA 26 Prozent in ein solches Auto steigen würden, stehen in China 71 Prozent dieser Technologie positiv gegenüber. Interessanterweise sind die Chinesen zurückhaltender, wenn es um die eigenen Daten geht. 36 Prozent sehen das als Problem an, während es weltweit nur 30 Prozent sind.

Ebenfalls aufschlussreich ist das Thema Sicherheit. Auch hier sehen die Chinesen die menschlichen Fehler kritischer als der weltweite Durchschnitt (53 zu 51 Prozent), mit sogar 62 Prozent treibt noch mehr der chinesischen Befragten die Angst vor dem Versagen des Autos um. Zum Vergleich: Weltweit sind es 61 Prozent. Dagegen stören sich nur neun Prozent der Chinesen am Preis für ein Robo-Auto, das sind zehn Prozent weniger als weltweit. Trotz dieser ganzen Vorbehalte würden 77 Prozent aller Befragten ein autonom agierendes Auto nutzen. Ein klares Zeichen, dass sich die Mobilität beginnt, zu ändern.

Verbrenner von der Partei abgemeldet

Bedeutet das, dass damit auch das Ende des Verbrennungsmotors endgültig eingeläutet wird? Immerhin 53 Prozent der Befragten sind nach wie vor Fans der Verbrenner, jedoch sind die Plug-in-Hybride und die rein elektrischen Fahrzeuge weiter auf dem Vormarsch. Letztendlich ist der Ausstieg aus der Mobilität, die von fossilen Brennstoffen befeuert wird, ohnehin schon beschlossene Sache. Nur 41 Prozent der Chinesen gehen davon aus, dass ihr nächstes Auto ein Verbrennungsmotor haben wird. Die Sorgen bezüglich der Elektromobilität sind im Reich der Mitte die Gleichen wie im Rest der Welt: Am häufigsten werden die Lebensdauer der Batterien und die lange Ladezeit genannt. Das übereifrige Setzen auf die Elektromobilität könnte vor allem für die Premium-Hersteller zu einem Boomerang werden. Weltweit geben 51 Prozent der Kunden der Premium-Fahrzeuge an, dass sie wohl eine andere Marke kaufen, wenn sie sich ein BEV-Fahrzeug in die Garage stellen, in China sind es sogar 57 Prozent. Wobei im Reich der Mitte die Markentreue ohnehin nicht so ausgeprägt ist, wie sich mancher Autobauer wünschen würde.

Und wo sollen die Autos geladen werden? Im asiatischen Land sind das eigene Heim (50 Prozent) und der Arbeitsplatz (29 Prozent) die Favoriten, wogegen das öffentliche Laden sowohl in China als auch in anderen Märkten aktuell noch eine untergeordnete Rolle spielt. Damit verknüpft ist das Thema Reichweite. Hier geben sich die Chinesen mit mindestens 500 Kilometer zufrieden, was daran liegt, dass die Elektromobilität in den gigantischen Metropolen eine Rolle spielt, in Europa erwarten die Kunden 600 bis 700 Kilometer, während es in den USA mindestens 700 Kilometer weit mit einer Batteriefüllung gehen soll.

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