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Werbeaktion für Kolleginnen: In Hannover tragen die Busfahrer jetzt Röcke

In Hannover tragen zehn Busfahrer im Dienst Röcke. Weil es bequem ist? Nein - die Männerwaden unterm Midi-Rock sind Teil einer Werbekampagne, damit mehr Frauen den Beruf der Buspilotin ergreifen.

Die Männer zeigen Bein.

Die Männer zeigen Bein.

Der Hintergrund für die Werbeaktion: Bis 2022 benötigen die Verkehrsbetriebe in Hannover 600 neue Mitarbeiter. Der Frauenanteil soll von derzeitigen 16 auf 22 Prozent gesteigert werden. Bis 2030 sollen sogar 30 Prozent erreicht werden. Die ganze Kampagne nennt sich "üstra rockt" - üstra heißt der Nahverkehrsbetrieb. Und so witzig das Ganze auch wirkt, erinnert es doch auch an die Weisheit, dass man meist dann zu besonders coolen Aktionen im Recruiting greift, wenn die harten Fakten der Arbeit nicht ganz so überzeugend sind.

So sollen die neuen Kolleginnen angelockt werden.

So sollen die neuen Kolleginnen angelockt werden.


Kein Rock zum Verlieben

In Hannover fängt das schon beim Rock an. Die Firma üstra spricht von Kilt-Stil, andere wird das Beinkleid an die unverwüstlichen Modelle der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg erinnern. Fahrer Wolf sprach mit dem Spiegel. Er trägt den Kilt mit Genuss, doch sein Lob dürfte modebewusste Frauen entsetzen. Er könne das Kleidungsstück tragen, aber: "Man braucht dafür dicke Beine. Die habe ich." Oh je! Sicher ist nur, dieser Rock ist absolut un-sexistisch. Doch der Rock ist eine Nebensache. Frau darf schließlich auch eine Hose tragen. Aber beileibe nicht jede: Die "attraktive" Dienstkleidung ist Pflicht.

Flexible Arbeitszeiten

Für eine Laufbahn im öffentlichen Nahverkehr spricht nicht die Uniform, sondern die Sicherheit. Stadtbahnfahrerin Jessica Ahrens sagt es: "Ich schätze vor allem die Beständigkeit und Sicherheit. Ich muss keine Angst um meinen Arbeitsplatz haben und bin auch finanziell zuverlässig und gut abgesichert." Das ist ein Pfund. Ob alle Frauen jedoch den Schicht- und Wochenenddienst, den diese Arbeit mit sich bringt, so als Bereicherung empfinden, wie Testimonial-Fahrerin Albers, darf bezweifelt werden. Frauen mit Familie und Alleinerziehende wird  die flexible Arbeitszeit gemäß Fahrplan jede Menge Probleme bereiten. Männer müssen natürlich mit den gleichen Bedingungen zurechtkommen. Doch Umsteiger aus dem Bus- oder Lkw-Fernverkehr empfinden die Arbeitszeiten im öffentlichen Nahverkehr als bekömmlich, denn sie sind ganz anderes gewohnt. Wie zu erwarten, zeigt die Kampagne die Arbeit als Buspilotin im schönsten Licht. Merkwürdig nur, dass stets der nette Kontakt zu den Kollegen gelobt wird, gehört es doch zu Besonderheiten des Jobs, dass man den Großteil des Arbeitstages allein auf dem Fahrersitz thront, weit weg von Chef und Kollegen hat.

Quersteinstieg mit Job-Garantie

Auch das Thema Nummer Eins unter älteren Busfahrern, der Rücken, wird ausgespart. Doch für üstra spricht, dass der Betriebe die Qualifikation zur Buspilotin inklusive des passenden Führerscheins finanziert. Ideal für Quereinsteigerinnen, die so zu einer gar nicht schlecht bezahlten Arbeitsstelle kommen können. Die Fernbusbranche, deren Kampfpreise der Bahn so zusetzen, sah sich erst vor Kurzem außerstande, den eigenen Nachwuchs auszubilden, und forderte staatliche Hilfe.

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