HOME

Markttransparenzstelle für Kraftstoffe: Der zweifelhafte Nutzen der Benzinpreis-App

Durch die neue Benzinpreis-App weiß bald jeder, wo er billig tanken kann. Das Problem: Die meisten Kunden interessiert der Billig-Sprit womöglich gar nicht.

Von Gernot Kramper

Noch nie haben die deutschen Autofahrer so viel für Benzin gezahlt wie im vergangenen Jahr. Doch es naht staatliche Hilfe. Das Bundeskabinett hat die "Markttransparenzstelle für Kraftstoffe" gebilligt. Damit der Sprit billiger wird, gibt es zunächst eine Behörde. Sie soll alle Tankstellen erfassen, eine technische Infrastruktur zum Melden der Preise schaffen und dann Webseite und Smartphone-Apps zur Verfügung stellen, damit der Bürger immer weiß, wo er gerade billig tanken kann. Im Herbst soll es soweit sein.

Preis geht nach oben

Eine neue Untersuchung legt jetzt nahe, dass es beim Tanken gar nicht so sehr auf den Preis ankommt. Für die Studie "Benzinpreismeldestelle und Tankstellen-Marketing 2013" wurden mehr als 9000 Tankstellen befragt. Das Ergebnis: Die Deutschen mögen sich zwar über die Sprünge beim Spritpreis ärgern, ein günstiger Preis ist für sie allerdings noch lange kein Grund, eine bestimmte Station anzufahren.

Die Vision, dass die Transparenzstelle einen Preiswettbewerb nach unten entfache, bezweifelt Studienleiter Holger Haedrich von memo Services, der Firma die die Untersuchung für die Universität St. Gallen durchgeführt hat. In der Zementbranche sei eine Transparenzstelle verboten worden, weil sie es den Oligopolen ermögliche, den Preis nach oben anzupassen. "Unsere Befürchtung ist nun, dass wir den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Die Transparenz also nicht zu einem harten Preiswettbewerb führt, sondern dazu, dass sich ein sehr auskömmliches Preisniveau einpegelt. Dass es die Stelle den Tankstellen leichter macht, gute Margen durchzusetzen."

Preis ist nicht allein entscheidend

Der Kampf um eine regionale Preisführerschaft ist teuer und der Nutzen gering, weil so nur besondere Sparfüchse angelockt werden. "Wenn man sich im Tankstellenmarkt auskennt, weiß man, was die großen Ketten alles anstellen, damit der Preis nur ein Faktor unter vielen ist." Nach übereinstimmender Einschätzung aller Befragten entscheidet die Lage einer Tankstelle maßgeblich über die Attraktivität für die Kunden. Tanken will man bequem am Wegesrand. Autofahrer bekunden zwar, dass sie für günstigen Sprit Umwege in Kauf nehmen würden, aber sie tun es nicht.

Vielleicht ist das bequem, es ist aber auch vernünftig. Denn auch ärgerliche Preisunterschiede im Markt rechtfertigen nur kleine Umwege. Das Rechenbeispiel: Sollte der Sprit woanders 5 Cent günstiger sein, beträgt die Differenz für eine 50-Liter-Füllung ganze 2,50 Euro. Die Ersparnis reicht bei einem Mittelklassewagen für eine Entfernung von ganzen fünf Fahrtkilometern - die vertane Zeit des Fahrers wird dabei nicht berücksichtigt.

Die Ketten wollen den Wechselwillen ohnehin dämpfen und nicht fördern. Tankkarten mit Sonderkonditionen binden immer mehr Kunden an "ihre" Marke. "Ein ganz wichtiges Marktinstrument sind Tankkarten und Sonderkonditionen etwa für ADAC-Mitglieder" so Haedrich. "Für diese Kunden gilt der Preis am Schild nicht, sie tanken immer billiger." Nach Ansicht der Betreiber ist auch ein gut geführter Shop häufig wichtiger als ein besonders niedriger Preis.

Angebot nur für Preisfüchse

Der Präsident des Bundeskartellamtes, Andreas Mundt, denkt an einen anderen Typ von Spritkäufer. An einen, der am Abend oder am Morgen akribisch den Benzineinkauf am Smartphone plant, um so eventuell 2,50 Euro zu sparen. Nur: Wie viele sind das tatsächlich?", fragt Studienleiter Haedrich. Um die Möglichkeiten einer Benzinpreis-App zu beurteilen, müsse man die Kunden einbeziehen. "Welche Kunden wären für diesen Service empfänglich, und in welchen Kaufsituationen würden sie eine App nutzen? Wenn die Transparenzstelle nur einen von zehn Kunden erreicht, müsste man den Sinn sicher in Frage stellen."

Auf Einladung des Bundeskartellamtes werden die Forscher ihre Studie in Berlin vorstellen. Politisch birgt das Thema nach den großen Ankündigungen einige Brisanz. "Die Transparenzstelle wird das Preisniveau nicht senken", fürchtet Haedrich. "Sie wird das hohe Niveau nur dokumentieren. Eine Enttäuschung der Autofahrer angesichts der hohen Erwartungen ist eigentlich unausweichlich."

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity