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"Shared Space"-Projekt: Der Traum vom freien Fahren

Weg mit den Schildern, eine Fläche für alle, Autos, Radler und Fußgänger: Das ist "Shared Space", ein Verkehrsprojekt, das seit drei Monaten in dem niedersächsischen Dorf Bohmte getestet wird. Es funktioniert so gut, dass nun auch in größeren Städten darüber diskutiert wird.

Von Christoph M. Schwarzer

41 Unfälle an drei Ampeln. Das war die Jahresbilanz des niedersächsischen Ortes Bohmte im Landkreis Osnabrück. 6.500 Menschen wohnen hier. Sie kaufen ein, gehen zum Arzt, bringen ihre Kinder zur Schule. Der Schwerlastverkehr, Pendler und alle anderen bewegen insgesamt 12.600 Fahrzeuge durch den historischen Ortskern - pro Tag.

Seit dem 19. Mai gab es keine Unfälle mehr. Keinen Blechschaden, keinen Personenschaden. Denn seitdem ist die Straße keine normale Straße mehr, sondern eine durchgehende Fläche ohne Vorfahrtsschilder und Ampeln. "Shared Space" heißt das Experiment, was hier im Rahmen eines EU-Projekts durchgeführt wird, "geteilter Raum."

Besserer Verkehrsfluss, weniger Lärm

Sabine de Buhr-Deichsel, die 1. Gemeinderätin und Stellvetreterin des Bürgermeisters, erinnert sich an die anfängliche Skepsis vieler Einwohner: "Inzwischen sind die Bohmter mehr und mehr begeistert. Der Verkehr fließt besser, und der Lärmpegel ist gesunken." Das Geheimnis hinter Shared Space: Durch die Aufhebung der ständigen Reglementierungen, an die sich so viele Verkehrsteilnehmer wie selbstverständlich gewöhnt haben, sind alle zur gegenseitigen Rücksichtnahme genötigt. Die Kommunikation zwischen der jungen Mutter im Kinderwagen und dem Brummifahrer wird erzwungen. Und sie funktioniert. "Selbst die Gewerbetreibenden sind angetan", erklärt Frau de Buhr-Deichsel, denn parken kann man natürlich immer noch.

ADAC: "Nur ein Nischenmodell"

Die Idee zu Shared Space kommt aus Holland. Und sie hat nicht nur Befürworter: "Wir begrüßen sehr, wenn das ausprobiert wird", erklärt Andreas Hölzel vom ADAC, "auch wenn ich nicht glaube, dass es ganz ohne Schilder geht." Prinzipiell hält der ADAC die Ausdünnung des Schilderwaldes für gut und erstrebenswert, aber "Shared Space geht ein Stück zu weit, und der Bauaufwand ist zu hoch und zu teuer." Es gelte, die Wirksamkeit zu überprüfen und abzuwarten. Hölzel weiter: "Das ist ein Nischenmodell, dass für stark befahrene Straßen nicht geeignet ist."

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Blickkontakt zwangsläufig

Doch genau darüber wird in vielen Städten im Land diskutiert. Bohmte mit seinen 12.600 Fahrzeugen am Tag fällt ganz sicher unter die Rubrik "stark befahren", so dass sich Anja Hajduk, Senatorin für Umwelt und Stadtentwicklung, Shared Space-Projekte ebenfalls für die Großstadt Hamburg vorstellen kann. stern.de hat sie gefragt, ob sie angesichts der alltäglichen Aggression im Stadtgewühl kein Chaos befürchtet: "Die tatsächlich gemachten Erfahrungen haben bei allen umgesetzten Shared-Space-Projekten bewiesen, dass die Rücksichtnahme untereinander erheblich zunahm. Denn wo Regeln fehlen, müssen alle Blickkontakt zueinander aufnehmen, um sich zu verständigen", sagt Hajduk.

Ordnung ohne Regeln?

Die Lange Reihe im Stadtteil St. Georg oder der Mühlenkamp in Winterhude bieten sich für die Realisierung an. Hier ist nicht nur viel Leben, sondern auch viel Uneinigkeit. Parken in zweiter Reihe ist selbstverständlich. Die Linienbusse quälen sich nur mit Mühe zwischen Fußweg und Gegenverkehr durch. Radfahrer werden an den Rand gedrängt. Und nebenbei gibt es noch die vielen Menschen, die in die kleinen Läden und das zu Fuß gehen. Hupen ist normal. Der Stinkefinger auch. Noch gibt es keine konkreten Pläne, wo genau und wann Shared Space in Hamburg in der Realität geprüft werden soll. Aber, so Hajduk, es sei ein sinnvolles Modell und solle auf seine Wirkungen hin überprüft werden. Und das geht am besten in der Wirklichkeit.

Hajduk: "Gegenseitige Rücksichtnahme"

Dabei besteht durchaus die Hoffnung, dass Chaos und Aggression durch Shared Space abnehmen. Das klingt paradox. Langfristig, davon ist die Umwelt- und Stadtentwicklungssenatorin Hajduk überzeugt, werde ein Umdenken stattfinden, "ein bewussteres Miteinander und gegenseitige Rücksichtnahme" werde entstehen. Den Versuch ist es auf jeden Fall wert.

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