Assistenzsysteme fürs Auto Fahrmodus "Lahme Ente"


Immer mehr Assistenzsysteme wollen den Autofahrer zu moderater Fahrweise erziehen oder seine Fehler ausbügeln. Nissan bremst Vollgas-Fans aus, Ford hat für besorgte Eltern einen Schongang-Modus für Fahranfänger entwickelt.

Der ideale Fahranfänger schnallt sich vor der Fahrt zum Kirchenchor brav an und stellt die Außenspiegel millimetergenau ein. Er zuckelt mit maximal 50 km/h durch die Stadt und wartet an jeder Kreuzung geduldig, bis die alte Dame mit ihrem Rollator die Straße überquert hat. Doch die Realität sieht anders aus: Nachwuchspiloten geben auf der Fahrt zur Spielhölle gern Vollgas, drehen das Radio auf, bis die Subwoofer aus der Verankerung reißen, und kümmern sich einen feuchten Kehricht um den Spritverbrauch.

So ungefähr scheint sich Ford das jedenfalls vorzustellen und hat - zunächst für den US-Markt - das System "MyKey" entwickelt.

MyKey soll ab 2009 zur Serienausrüstung des amerikanischen Ford Focus gehören und danach auch in anderen Ford-, Lincoln- und Mercury-Modellen zu haben sein, teilt der Konzern mit. Das System ersetzt sozusagen die quengelnde Mama auf dem Beifahrersitz. Es begrenzt zum Beispiel die Höchstgeschwindigkeit des Wagens und die Lautstärke des Radios. Beim Sicherheitsgurt gilt das Motto Zuckerbrot und Peitsche: Nur wenn der Fahrer angeschnallt ist, funktioniert das Radio. Wenn eine bestimmte Geschwindigkeit erreicht ist, bimmelt ein Warnglöckchen.

Ab 80 Meilen (etwa 130 km/h), also 5 Meilen über dem Limit der meisten Interstate-Autobahnen, kann der adrenalinsüchtige Sohnemann noch so viel aufs Gas treten - der Wagen wird nicht schneller. Assistenzsysteme wie Parksensoren oder Spurwechselwarner lassen sich nicht mehr abschalten. Und die Elektronik mahnt den Fahrer schon zum Tanken, bevor die Spritreserve angezapft wird.

Entschärfung per Schlüssel

Die gewünschten Limits und Einstellungen müssen Mama oder Papa nur auf einem der Autoschlüssel speichern. Sobald der Nachwuchs diesen Schlüssel ins Zündschloss steckt, läuft der Focus im Schongang.

Zur Akzeptanz von MyKey hat Ford eifrig Forschung betrieben. 50% der befragten Eltern würden ihre Kinder mit MyKey öfter als bisher ans Steuer des Familienautos lassen, heißt es in Fords Pressemitteilung. Denn mehr als die Hälfte aller befragten Eltern fürchteten, dass ihre Kinder zu schnell unterwegs sind, durchs Telefonieren abgelenkt werden und sich nicht anschnallen. Ganz unbegründet sind diese Ängste nicht, wie Statistiken der US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA belegen.

Auch Nissan will Autofahrer bald ausbremsen - jedoch nur um Sprit zu sparen. Das "ECO-Pedal" reagiert mit einem leichten Gegendruck am Gaspedal, wenn der Fahrer nach Ansicht der Elektronik zuviel Stoff gibt und damit unnütz Sprit verbrennt. Das System wird während der Fahrt mit Daten zum Kraftstoffverbrauch und zur Getriebeeffizienz gefüttert. "Daraus berechnet der Assistent den bestmöglichen Beschleunigungswert", heißt es bei Nissan. Per Knopfdruck kann man den Oberlehrer am Gaspedal allerdings in die Ferien schicken. Ab 2009 soll das ECO-Pedal als Option verfügbar sein.

Dass Assistenzsysteme in bestimmten Situationen auch nerven können, zeigen Hightech-Kreuzer wie der neue Volvo XC60. Das serienmäßige City Safety System legt bis 30 km/h eine automatische Vollbremsung hin, wenn man abgelenkt ist und ohne zu bremsen auf ein Hindernis zufährt - so weit so gut. Bei mehr als 30 km/h allerdings warnt ein rotes Leuchtenband am Armaturenbrett vor zu dichtem Auffahren. Im Stadtverkehr kann einem das den letzten Nerv rauben, und der Griff geht schnell zum Aus-Knopf.

Blink, Piep, Träller

Weitere (ebenfalls abschaltbare) Systeme warnen vor Autos im toten Winkel, halten automatisch den Abstand zum Vordermann oder schlagen Alarm, wenn man ohne zu blinken die Fahrspur verlässt.

Vor allem auf der Autobahn kann man diesen Systemen ihren Sicherheitsgewinn nicht absprechen. Passiert der wilde Spurwechsel mehrmals hintereinander, glaubt der Volvo-Computer gar, der Fahrer sei eingeschlafen. Dann jagt ein Warnton durchs Cockpit, und ein Kaffeetassen-Symbol am Instrumentenbrett empfiehlt eine Pause.

Lexus geht in seinem Flaggschiff LS einen Schritt weiter und beobachtet das Gesicht des Fahrers mit Infrarot-Sensoren. Wenn der Pilot zur Seite blickt, sich das Auto aber gerade einem Hindernis nähert, schlägt die Elektronik Alarm. Der Fahrer wird optisch und akustisch gewarnt, und der Lexus bereitet diverse Sicherheitssysteme auf die Notbremsung und einen möglichen Crash vor.

Was Autofahrer von Assistenzsystemen wie Parksensoren, Abstandstempomat oder Spurwechselassistent halten, hat der TÜV Süd bei einer Umfrage unter 1844 Kunden in seinen Service-Centern in Sachsen untersucht. 96 Prozent der Befragten glaubten, dass Assistenzsysteme das Fahren zumindest zum Teil sicherer machen. 48 Prozent sahen aber auch die Gefahr, am Steuer abgelenkt zu werden. Auch das Vertrauen in die Technik ist nicht unerschütterlich: Weniger als die Hälfte der Befragten würden sich während der Fahrt stets auf Assistenzsysteme verlassen.

Sebastian Viehmann / pressinform PRESSINFORM

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