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Essen Motor Show: Die Stimme der Vernunft: bei 350 km/h ist Schluss

Böse Golfs, tiefe Astras, chromblitzende Ofenrohre als Auspuff: Die Tuning-Gemeinde fällt über Essen her. Bis zum 4. Dezember herrscht in zwölf Hallen für alle Autos Hausverbot, die nicht mit PS, Spoilern und breiten Reifen protzen können.

Nicht dass der Eindruck entsteht, dass ein paar Hinterhof-Bastler und Freaks Hochsaison haben. Längst haben Audi, Opel oder VW den Braten gerochen. Welt- und Europapremieren stehen auf dem Programm. Der sportlichsten und stärksten Modelle natürlich.

Lass es glänzen, Kumpel

Der Metalliclack funkelt. Und hübsche Hostessen gehen mit Motorhauben auf Schmusekurs. Wer durch den Haupteingang schreitet, taucht sofort in die Glitzerwelt der "tollen" Schlitten ein. Die riesigen Stände der Autohersteller dominieren die ersten drei Messehallen. Während sich bei Audi die Besucher noch um das 344 PS starke S4 Cabriolet scharen, wummern nebenan bei VW plötzlich die Bässe. Der Wüsten-Touareg für die Rallye Paris Dakar rollt auf die Bühne. Auch die Fahrerin Jutta Kleinschmidt steht lächelnd im Blitzlichtgewitter. Die Presse-Präsentation wird glamourös inszeniert.

Zuschauermagnet Monsterumbauten

Wer gerade nichts Neues zu zeigen hat, lockt die Gäste mit Fahrsimulatoren, Promis oder Animateuren. Oder mischt einfach ein paar Renn- und Rallyewagen unter die aktuelle Modellpalette. Denn die Aufmerksamkeit von 400.000 erwarteten Besuchern soll sich schließlich nicht nur auf die eigentlichen Stars der Messe richten: die Extremumbauten der Tuner. Hier ist alles heilig, was schnell, laut und vor allem nicht unauffällig macht. Monströse Gefährte stehen gleich nebenan im Scheinwerferlicht. Unter den angeschraubten Frontschürzen, Seitenschwellern und Spoilern finden sich hin und wieder Originalteile, die auf Marke und Modell schließen lassen.

Drängler wird von Polizei überrascht.

Auf dem Bastelbasar

Dass ein über 200 PS starker Opel Corsa mit Turbolader Eindruck macht, ist klar. Verkauft werden sollen aber oftmals nur die Einzelteile, aus denen die Geschosse aufgebaut sind. Deshalb hängen gleich neben den Showcars die entsprechenden Artikel zum Nachbauen in den Regalen. Durchsichtige Rückleuchten mit LEDs und Flügeltüren sind momentan der Renner. Damit niemand versehentlich die aktuellen Prospekte am Stand vergisst, werden diese von leicht bekleideten Damen persönlich überreicht. Vor allem der letzte Messetag ist in der Szene ein heißer Tipp: Damit die Tuner nicht alles wieder einpacken und mit nach Hause nehmen müssen, purzeln kurz vor Toresschluss die Preise.

Power wie ein Sternenkreuzer

Die Freuden des kleinen Mannes in allen Ehren –für klare Verhältnisse auf der linken Spur sorgen die Nobel-Tuner. Am Stand von Mercedes-Spezialist Brabus steht ein pechschwarzer CLS. Allerdings wurde er in "Rocket" umbenannt. Mit 730 PS unter der Motorhaube kommt seine Beschleunigung einer Rakete nahe. In 10,5 Sekunden schießt er auf 200 Stundenkilometer. Und als freiwillige Selbstbeschränkung wurden ihm 350 km/h als elektronisch abgeregelte Höchstgeschwindigkeit auferlegt. Auch die Sorgen um den neuen Ferrari des Nachbarn werden schnell gelöst. Um ihm die Schau zu stehlen, lässt sich der eigene Lamborghini in Essen schnell mit ein paar Chromfelgen bestücken.

Der Kuriositäten-Keller

Und dann wäre da noch das so genannte Show-Center. Für alle, die nicht genug bekommen können, sind im Keller neben Rennwagen allerlei Kuriositäten ausgestellt. Dem Schweden Lars-Erik Lindberg waren herkömmliche Snow-Mobile zu langsam. Also baute er kurzerhand sein eigenes. Mit Chevy-V8-Motor, 5,4 Litern Hubraum und einer Höchstgeschwindigkeit von 150 km/h. Da sollte selbst der abgebrühteste Elch lieber den Weg frei machen, wenn er mit seinem Gefährt durch verschneite Wälder donnert. An die daneben stehenden Dragster, Lowrider und Turbinen-Trucks haben wir uns dagegen schon fast gewöhnt.

Martin Westerhoff

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