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Radfahren im Alltag Strampeln zwischen Naturgenuss und Straßenkampf


Fahrradfahren heißt: nach unten treten. Hinter diesem Prinzip verbirgt sich auch die Mentalität deutscher Autofahrer. Fahrradfahrer, die täglich mit dem Rad zur Arbeit strampeln, spüren: Auf den Straßen herrscht eine brutale Hackordnung.

Seit Thomas B. sich mit einer Agentur selbstständig gemacht hat, klebt er auf seinem Bürostuhl in der Hamburger Innenstadt fest. Für Sport ist weder morgens noch abends Zeit. Er umgeht dieses Dilemma, indem er den Hin - und Rückweg zum Sportparcours erklärt hat: Thomas fährt Rad. Für seine täglichen Touren zur Arbeit sucht sich der Jungunternehmer eine Tour aus Wanderwegen, kleinen, weniger befahrenen Nebenstraßen und den unvermeidbaren Hautverkehrsachsen.

Gerd T. kommt aus Blankenese, einem Vorort im Hamburger Westen, in die Innenstadt geradelt. Sein Weg ins Büro führt ihn Elbaufwärts in Richtung Hafen und über eine der schönsten Straßen Deutschlands: die Elbchaussee. Zwischen dunkelblauen Audi - Firmenlimousinen und SUV, die den Nachwuchs ins Gymnasium chauffieren, kämpft sich Gerd selten ohne Stress und Verdruss zur Arbeit.

Ina S. arbeitet als Redakteurin bei einem Münchner Fernsehsender. Auch sie nutzt den Weg zur Arbeit für die tägliche Einheit "Bewegung an frischer Luft". Bei ihren Arbeitszeiten bleibt nach hinten nicht mehr viel Luft, das Rad muss her um Muskeln und Lungen zu trainieren. Im Unterschied zu Thomas und Gerd wählt sie den entspanntesten Weg zur Arbeit. Sie radelt fernab von Hauptverkehrsstraßen quer durch den englischen Garten.

Was macht das Radfahren trotz Wind und Wetter und dem Autoverkehr so attraktiv? "Sport treiben, Benzin sparen, Umwelt schützen" lauten die Argumente fürs tägliche Treten. "Radfahren ist eine großartige Möglichkeit, Sport zu treiben, körperliche Bewegung an der frischen Luft zu haben und durch die Bewegung entspannt im Büro bzw. zu Hause anzukommen" - soweit sind die drei Großstädter sich einig. Das sportliche Training steht im Vordergrund und wird so hoch eingeschätzt, dass es die Nachteile ausgleicht.

Entschleunigung vor dem Bürotag

Thomas nimmt vor allem im Sommer gerne ein paar Kilometer Umweg in Kauf, um mehr Natur zu erleben. "Wenn ich frühmorgens am Oberlauf der Alster auf den Alsterwanderweg einbiege, sind außer mir fast nur Sportler unterwegs. Die Ruderer ziehen ihre Bahnen auf den Alsterarmen und Jogger kämpfen sich durch den Morgentau. Das gibt ein großartiges Zugehörigkeitsgefühl, alles Sportler und ich mittendrin!"

Gerd erzählt von Anglern, die versonnen am Elbstrand sitzen und morgens in Schweigen und Frühnebel gehüllt, ihre Angeln in die Elbe halten und von dicken Ratten, die das Revier rund um den Hamburger Hafen fest im Griff haben. "Wenn ich Frühschicht habe, fahre ich Slalom um die dicken Biester, die sich am Wanderweg die Reste aus den Mülltonnen zerren. Man ist erstaunt, wie fett die sind!" Für Ina wird der englische Garten zu ihrem Garten. "Seid ich regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit fahre, nehme ich die jahreszeitlichen Veränderungen viel intensiver wahr."

Der Radler ist des Radlers Feind

Ein Wanderweg an einem schönen Sommertag entspricht einem Massenschaulaufen. Einheimische und touristische Fußgänger tummeln sich auf zwei Metern genauso wie andere Radfahrer, Hundeausführer, Jogger und Mütter mit Kinderwagen. Inas Weg durch den englischen Garten ist gepflastert von Feindkontakten auch ohne Verbrennungsmotor. "Freizeit- und Berufradler benehmen sich auf öffentlichen Wegen oft viel schlechter, als auf der Strasse, weil sie dort nichts zu befürchten haben. Da wird die Spur gewechselt, ohne zu gucken und anzuzeigen, gedrängelt und gedrückt. Hunde und Fußgänger tauchen aus dem Nichts auf und laufen mir vor das Rad." Erfahrungen, die bedeuten, dass man als Radfahrer nicht automatisch auf der "guten und netten" Seite steht.

Stress auf Hauptverkehrsstraßen

Die körperliche und psychische Belastung für Radfahrer auf Hauptverkehrsstraßen hört sich dramatisch an. Beide Fahrradpendler berichten von aggressivem Verhalten der Autofahrer gegenüber Fahrradfahrern. Und das eigentlich regelmäßig. Was machen Autofahrer falsch? "Das Schlimmste ist der fehlende Abstand zum Rad. 1,40 Meter sind vorgeschrieben, ab vierzig Zentimetern wird es kriminell. Man muss damit leben, dass man fast gestreift wird, sonst sollte man da nicht fahren", fasst Gerd zusammen. "Aus irgendeinem Grund haben Autofahrer immer das Gefühl, dass Fahrradfahrer auf der Straße nichts zu suchen haben und reagieren mit großer Aggressivität", sagt auch Thomas. "Das mag in Holland oder Dänemark anders sein, aber auf deutschen Straßen herrscht eine rüde Hackordnung", findet Gerd. "Man wird angehupt, weggedrängelt und beschimpft, dass man den Bedarf an täglichem Stress schon gedeckt hat. Und die wenigsten Autofahrer machen das aus Unachtsamkeit, die verhalten sich ganz bewusst mies." Thomas, der schon seit 15 Jahren mit dem Rad zur Arbeit fährt, hat sich inzwischen eine martialische Fahrradmontur inklusive Helm zugelegt. "Man wird von Autofahrern genommen, wenn man signalisiert, dass man sportlich unterwegs ist." Beliebtes Fehlverhalten gegenüber Radfahrern ist neben dem zu engen Vorbeifahren, dem Wegdrücken und dem Anhupen auch das Vorschiessen aus Einfahrten, das Blockieren von Radwegen, das rechts - oder links Abbiegen ohne auf Radfahrer oder Fußgänger zu achten und das Beharren auf dem Recht des Stärkeren. Kein gutes Zeugnis für deutsche Autofahrer.

Was hilft dem Radfahrer

Radfahrer schonen die Umwelt und parken die Innenstädte nicht zu. Trotzdem wird ihnen das Leben durch die Städteplaner schwer gemacht, von den Politikern nicht erleichtert. Wie könnte eine Radfahrerfreundliche Stadt aussehen? "Die meisten Radwege sind ein Witz", so Thomas. "Natürlich nutzt man die, wenn sie da sind, aber das Netz der Radwege ist unzureichend, die Übergänge fehlen und dann steht man da und muss plötzlich auf die Strasse ausweichen." "Die Radwege werden ja nicht mal von den Behörden ernst genommen", so Gerd, "wenn gebaut wird, laden die öffentlichen Arbeiter ihr Material grundsätzlich auf dem Radweg ab." Sind bessere und mehr Radwege die Lösung? "Nein!" da sind sich die Straßenradler einig. "Die Lösung wären abgetrennte und deutlich markierte Streifen auf der Fahrbahn. Da fährt man sicher und kommt voran."

Mehr Kontrollen

Abgetrennte Radstreifen können Städteplaner umsetzen, fahrradfreundlicheres Verhalten der Autofahrer nicht. Abgesehen davon gibt es auch Fahrradfahrer, die sich im Straßenverkehr falsch verhalten, rote Ampeln überfahren und sich durch Einbahnstraßen mogeln. Wären mehr zivile Fahrradstreifen eine Möglichkeit, die Fahrradfahrer zu schützen und gleichzeitig auf deren korrektes Verhalten zu achten? "Es gibt so viele schlimme Straftaten in einer Großstadt, da sollte man die Polizei nicht für Kleinkram abziehen", meint Thomas. Und Ina hatte mit Zivilpolizisten eine Begegnung der dritten Art: "Ich war auf dem Weg zu einer Party und dementsprechend angezogen, als mich zwei Männer auf dem Fahrrad verfolgten und riefen, ich solle stehen bleiben. Ich dachte, die wollten was von mir und habe in die Pedale getreten. Die waren schneller und zwangen mich zum Anhalten. Ich hatte einen Riesenschiss und war erleichtert, als sie die Dienstausweise gezückt haben. Ich sei auf der falschen Radwegseite gefahren, war die Begründung. Ich hab mein Knöllchen angenommen und gesehen, dass ich wegkomme."

Marina Kramper

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