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Fahrzeugbestand: Zu arm für einen neuen Wagen

Durchschnittlich 24.953 Euro haben die Deutschen 2007 für einen Neuwagen bezahlt. Die meisten Fahrer können von einem neuen Pkw allerdings nur träumen. Mehr als acht Jahre hat der Bestand im Mittel auf dem Buckel. stern.de über den Unterschied zwischen Zulassungsstatistik und wahrem Leben.

Von Christoph M. Schwarzer

Scharf angefahren bäumt sich der Vorderwagen des Porsche Cayenne ein Stück weit auf. Den Kindersitz fest in die Ledersitze geschnallt, geht es aus der zweiten Parkreihe mit Druck voran. Hier, in Hamburgs teurem Stadtteil Winterhude, werden Werbewelten Wirklichkeit: Audi S5 und Mini Clubman cruisen den Mühlenkamp entlang. Dienstwagen vom Schlag eines 3er BMW wirken fast schon ärmlich. Und die Statistik scheint diese Realität zu bestätigen. Der mittlere Neuwagenpreis stieg im letzten Jahr um 6,5 Prozent auf den Rekord von 24.953 Euro. Ohne Extras.

Die Zahlen stimmen. Die monatliche Zulassungsstatistik ist nicht gefälscht. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die breite Masse der deutschen Privatfahrer ganz anders unterwegs ist, nämlich im Gebrauchtwagen, und der ist im Schnitt inzwischen über acht Jahre alt. Das bedeutet nichts anderes, als dass für jeden brandneuen Golf V irgendwo ein später Golf II herumfährt. So erklärt sich auch das Bild, das sich jenseits von den Wohlstandsinseln zeigt. Normalautos von Corsa bis Corolla überall, und keiner regt sich drüber auf oder rümpft die Nase.

Immense Ersparnis durch Gebrauchtkauf

´ Diese Normalität ist beliebt, denn sie spart gegenüber den Reklame-Audis, BMWs und Mercedes Unmengen Geld. Das Stichwort heißt Wertverlust. Beispiel VW Passat Variant: Mit Dieselmotor und Partikelfilter liegt sein Basispreis mit 27.175 Euro bereits ein Stück über dem Durchschnitt. Selbst mit bescheidener Zusatzausstattung steht eine drei ganz vorne. Viele erleiden noch einen kleinen Schock, wenn sie diese Summe in D-Mark umrechnen.

Eine wahre Erholung ist da der Blick ins Gebrauchtautoportal. Bei mobile.de etwa finden sich haufenweise Passat TDI Kombis mit Laufleistungen um 100.000 Kilometer aus den Baujahren bis 2003, die unter 10.000 Euro kosten. Inklusive Klimaanlage, und wer sich auf die Suche begibt, findet auch einen aus Privatbesitz. Klar, einen Partikelfilter nachzurüsten kostet ein paar Hunderter, aber die 20.000 Euro Differenz zum Neuen werden auch durch Reparaturen kaum aufzufressen sein. Und einen Benziner-Golf, die Nummer 1 unter den Gebrauchten, gibt es in vernünftiger Qualität schon für 5.000 Euro.

Mit dem Alter schwindet der Wert

Glaubt man den Neuwagen-Prospekten, scheint der Autofahrer per se über unendliche Mittel zu verfügen. In Wirklichkeit werden Wagen gefahren, die weniger wert sind, als eine Ledergarnitur für Wohnzimmer. Ein Opel Corsa, Baujahr 1999 – damit mitten im Altersdurchschnitt – mit 147.000 Kilometern bringt etwa 1500 Euro. Für einen Opel Vectra ähnlichen Zuschnitts werden 1000 Euro mehr verlangt. Noch ältere Wagen kommen nur selten in den Handel, sie werden bis zum Ende gefahren oder aber in die Dritte Welt verschifft. Aber mit zehn Jahren wird auch eine Luxuslimousine zum Schnäppchen. Mercedes S-Klasse oder 7er BMW werden deutlich unter 5000 Euro angeboten. Ob sich mit so einem Kauf auf Dauer Geld sparen lässt, kann man getrost bezweifeln. Aber eines sagen diese Zahlen mit Sicherheit: Der durchschnittliche Fahrzeughalter hat beileibe keinen Edeluntersatz für 50.000 Euro in der Garage stehen. Stattdessen dürfte ein geschätzter Durchschnitts von unter 5000 Euro weit eher den Wert des Alltagsautos treffen.

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Wie viel ist Ihr Auto noch wert?

Druck zum Neukauf

Altautofahrer bewegen keinen Schrott. Sie profitieren von der in jedem Bereich gestiegenen Qualität. Ein acht Jahre alter Wagen ist nicht von gestern. Irgendwann in grauer Vorzeit waren 100.000 Kilometer Laufleistung die Verschleißgrenze. Heute gilt ein beulenfreier 5er BMW, der um die Jahrtausendwende produziert wurde, nicht nur als vorzeigbar. Er hat auch schon moderne Sicherheitsfeatures wie ESP und Airbags an Bord. Vielleicht erfüllt er nur die Euro 3-Norm. Eine Drecksschleuder ist er damit noch lange nicht. Selbst mit 200.000 Kilometern auf der Uhr ist er nicht am Ende, und das ist ein Problem.

Diese Entwicklung kann den Herstellern und deren Lobbyisten nicht passen. Die kriegen langsam kalte Füße, weil die Zahl der Privatkäufe immer mehr abnimmt. Von den über drei Millionen neuen Autos im Jahr 2007 wurden fast zwei Drittel an Firmen, Autovermieter oder als Tageszulassungen an die Händler selbst verkauft. Da passt es gut, wenn Steuern und Versicherung für ältere Autos permanent steigen. Das wird sehr wahrscheinlich auch bei der kommenden CO2-Steuer wieder so sein. Kaufanreize schaffen, nennt man das. In der Realität bedeutet es einfach nur, dass die große Masse der Fahrer sich das Auto immer weniger leisten kann.

Die etwas anderen Top 10

Zurück zur Statistik. Autoexperte Professor Ferdinand Dudenhöffer von der FH Gelsenkirchen hat ausgerechnet, was die übrig gebliebenen Privatkunden für Autos kaufen – wenn sie denn neu kaufen. Abseits der Verzerrungen durch Dienstwagen und Mietwagenflotten zeigt sich hier, wie bodenständig und bescheiden die Deutschen sind. Auf Platz 1 rangiert der VW Polo, gefolgt von Golf und Mercedes A-Klasse.

Dass die Mercedes C-Klasse gleich danach kommt, darf als Einmaleffekt wegen des Modellwechsels gelten. Dann geht’s wieder Down-To-Earth weiter. Skoda Fabia, Peugeot 207, Opel Corsa. Zu der guten Million Neuwagen der Brot- und Butter-Klasse gesellen sich mehr als sechs Millionen Gebrauchtwagenkäufer, die nebenbei die Umwelt nicht mit der bei der Neuproduktion erforderlichen Energie belasten. Sie stellen das Gros der sichtbaren Autos, und sie sind abseits von Geländemonstern und Dienstkutschen das wirklich wahre Leben.

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