GESPERRT! Langstreckenkontrollen Überwachungs-Marathon


Herkömmliche Radaranlagen helfen kaum gegen Raser. Langstreckenkontrollen hingegen drücken Tempo und Unfallzahlen. In Österreich werden sie bereits eingesetzt.
Von Uwe Schmidt-Kasparek

Sein Deckname ist "Lichterloh". Die Person dahinter brüstet sich im Chatroom des "Radarforums" mit einer vermeintlichen Großtat. "Ein Blitzer auf der B 5 hätte mich beim Überholen zwar fast mitgenommen, aber der Fuß war fix auf der Bremse. Dürfte nicht ausgelöst haben", schreibt der Raser stolz. Über die 18 stationären Tempokontrollen auf der Bundesstraße 5 in Brandenburg, auf der es oft kracht, amüsiert sich der Schnellfahrer, weil "die Teile extrem gut zu sehen sind".

Das Verhalten ist typisch. Fahrer, die jeden Tag auf derselben Strecke zur Arbeit und wieder nach Hause pendeln, wissen genau, wo dort welche der derzeit rund 3300 festinstallierten Blitzer in Deutschland stehen - sie bremsen davor ab, rollen brav mit vorgeschriebenem Tempo an der Messapparatur vorüber und geben erneut Gas.

Kampf gegen Windmühlen

Radaranlagen bringen außer fürs Gemeindesäckel nicht wirklich viel. "Der Glaube, mit solchen Kontrollen die Autofahrer zur Vernunft zu bringen, ist eine Illusion", sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). "Einen Flächendruck kann die Polizei nicht erzeugen. Dafür gibt es zu wenig Kontrollen." Starenkästen beispielsweise bringen nach seinen Angaben nur auf rund 300 Meter eine Tempodrosselung.

Doch womöglich werden die Messstrecken in Deutschland demnächst erheblich ausgedehnt. Experten arbeiten an einer Art Langstreckenkontrolle auf mehreren Kilometern, Section Control genannt. Dabei werden die Autos am Beginn und am Ende einer Strecke erfasst, und ihre Fahrzeit wird ermittelt. Entscheidend ist, dass das gemessene Durchschnittstempo dem Limit entspricht. Nicht mehr wichtig ist, gesetzestreu in die Messzone einzufahren. Wer also zu Anfang mit einem Tempoüberschuss registriert wird, hat noch eine Chance, einer Bestrafung zu entgehen: Er muss nur schleunigst unter das Limit abbremsen, um die erlaubte Durchschnittsgeschwindigkeit zu erreichen.

In Österreich, wo ein generelles Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen gilt, ist Section Control bereits an drei Stellen im Einsatz: an der A 2 auf 6,5 Kilometern zwischen Edlitz und Grimmenstein, an der A 2-Süd auf neun Kilometern zwischen Gleisdorf und Laßnitzhöhe und an der A 22 auf etwa zwei Kilometern im Bereich des Kaisermühlentunnels.

Erstaunliche Erfolge

Die Ergebnisse sprechen für das System. Eine Diplomarbeit hat Section Control wissenschaftlich untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass sich das Risiko, im Bereich des Tunnels "einen Unfall zu haben, um 42 Prozent verringert hat". Ähnlich Erfreuliches meldet die Kontrollstelle Gleisdorf/Laßnitzhöhe. Wolfgang Staudacher von der Landesverkehrsabteilung Steiermark sagt: "2007 und aktuell hat es nur noch wenige und immer glimpflich verlaufende Unfälle gegeben."

Uwe Beckmeyer, verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, hält es deshalb für "wünschenswert, wenn wir das System schnell in Deutschland einführen könnten". Erste Weichen wurden bereits gestellt. Dem zuständigen Bund-Länder-Fachausschuss wurde die neue Überwachungsmethode vorgestellt. Und beim nächsten Verkehrsgerichtstag in Goslar, Anfang 2009, wollen Rechtsexperten das Thema behandeln.

Das ist auch nötig. Gegner fürchten bei einer Einführung des Systems eine Totalüberwachung der Autofahrer. Denn in jedem Fall werden vorsorglich die Kennzeichen bildlich erfasst, um für eine eventuelle spätere Bestrafung Beweise vorlegen zu können. Das ist nach Ansicht des ADAC bedenklich. Markus Schäpe, Jurist des Autoclubs, sagt: "Wenn die Autofahrer erst mal erfasst sind, dann können sie nur noch beten, dass die Daten nicht anderweitig verwendet werden." Rechtlich sei eine Vorratshaltung der Daten nicht erlaubt, das habe das Bundesverfassungsgericht Anfang 2008 klargestellt.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker