HOME

Kriminelle Gebrauchtwagenmasche: Wie aus Wracks Hochglanz-Autos werden

Die Globalisierung macht auch vor dem Gebrauchtwagengeschäft nicht halt. Aktuelle Masche: US-Unfallwagen fluten den europäischen Markt.

Von Frank Janßen

Importiert und aufpoliert: Bei einem norddeutschen Händler fand der stern scheinbare Top-Angebote mit bewegter Vergangenheit.

Importiert und aufpoliert: Bei einem norddeutschen Händler fand der stern scheinbare Top-Angebote mit bewegter Vergangenheit.

Dieser Mercedes-Benz CLS ist wirklich ein verdammt schicker , wie er so dasteht im Schaufenster vom Autohaus Lupuspark in Schwarzenbek, eine halbe Stunde östlich von Hamburg. Tief silbern schimmert der Lack; innen ist das viertürige Coupé mit rotem Leder ausgeschlagen. Unter der Haube steckt ein 4,7-Liter-Achtzylinder mit 408 PS, der erst 17 500 Kilometer gelaufen ist. Die Ausstattung lässt keine Wünsche übrig: von der Klimaautomatik über die Rückfahrkamera bis zur Hi-Fi-Anlage – alles da. Das Preisschild verlangt nachgerade einmal 45.900 Euro. Für einen 15 Monate jungen Wagen. Das perfekte Schnäppchen. 

Meint man. Aber leider … findet der eine ganz andere Geschichte heraus: Das traumschöne CLS Coupé ist nicht Schnäppchen, sondern – Beweis für eine hinterhältige neue Masche der deutschen Gebrauchtwagen-Branche.

 Jeder Wagen besitzt eine Fahrgestellnummer – eine Art genetischen Fingerabdruck. Im Fall des silbernen CLS lautet sie: WDDLJ7DB2EA101949. Sein Baujahr, so zeigt die Überprüfung, datiert nicht auf 2014, sondern auf 2013. Der Wagen wurde im US-Bundesstaat Florida zugelassen. Zuvor war er vom Werk in Sindelfingen via Bremerhaven nach Brunswick in Georgia verschifft worden. Schon bald nach der Anmeldung, im Februar 2015, gibt es im Leben des silbernen Schlittens einen jähen Bruch: Unfall mit schweren Schäden an Front und Heck. Die Versicherung stuft das Auto als "Junk and Salvage" ein, als Totalschaden, der nicht mehr sicher auf der Straße bewegt werden kann. Weil die Reparaturkosten den Wert des Fahrzeugs übersteigen, gibt die Gesellschaft das zur Versteigerung frei: Der Mercedes soll nicht wieder zugelassen, sondern seine noch recht jungen Eingeweide sollen entnommen und der Rest soll verschrottet werden.

Doch die verbeulte Karosse mit der Nummer WDDLJ7DB2EA101949 endet nicht im Altmetall, sondern kommt wieder auf die Straße – nur eben nicht in den .

Ein Mercedes der Montage am Band. In dem Werk bei Stuttgart beginnt das Leben der meisten Mercedes-Benz-Modelle.

Ein Mercedes der Montage am Band. In dem Werk bei Stuttgart beginnt das Leben der meisten Mercedes-Benz-Modelle.


Denn dort ist der Lebenslauf eines Fahrzeugs weitgehend transparent. In der Regel werden Werkstattaufenthalte in einer virtuellen Fahrzeugakte dokumentiert. Zum Schutz der Verbraucher werden größere Schäden, zweifelhafte Laufleistungen und andere Verdachtsmomente für Manipulationen in Datenbanken gesammelt. Auch ob ein Auto zur Fahndung ausgeschrieben ist, wird vermerkt. Diese Informationen sind für Interessenten jederzeit im Internet abrufbar. Wer in Amerika einen passenden Gebrauchtwagen für seine Bedürfnisse ausgeguckt hat, wendet sich deshalb gern erst einmal an Carfax, Vincheck oder ein anderes Verbraucherportal. Man tippt die Fahrgestellnummer (Vehicle Identification Number, kurz Vin) in die Suchmaschine ein und erhält die wichtigen Informationen zu Kosten von wenigen Dollar.

Verkauf statt Schrottplatz

Hierzulande sieht es für den Verbraucher ganz und gar anders aus: nach undurchsichtigen Methoden in einem rechtlichen Graubereich. Denn der europäische Gebrauchtwagenhandel hat ein Geschäftsmodell etabliert, das mit dem US-Markt eng verwoben ist und üppige Gewinnmargen verspricht: Amerikanische Unfallwagen und Versicherungsschäden aus Naturkatastrophen wie Wirbelstürmen oder Überschwemmungen, die von den US-Versicherungen abgewickelt werden, gelangen auf die europäischen Märkte. "Wir wissen von sehr vielen Autos, die mit einem sogenannten Salvage Title in verschiedene europäische Länder importiert werden", sagt Eric Sturm vom Fachbereich Internationale Kfz-Verschiebung beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden. "Meistens sind das Litauen und Polen." 

Salvage Title würde man mit "Stilllegung" übersetzen. Für Autos ist dieser Behördenakt in den USA meist der Todesstoß. Wenn Fahrzeuge quasi öffentlich als Fall für den Schrottplatz gebrandmarkt werden, sind sie im Inland so gut wie unverkäuflich. Bleiben sie dort, werden sie auf sogenannten Restwertbörsen von Verwertern aufgekauft, ausgeschlachtet, und der Rest wird im Hochofen verschmolzen.

Inzwischen aber ersteigern gerissene Händler so manches Wrack auf diesen Börsen. Es gibt sogar eigene Vermittler für die Schrottautos. Das Handelsportal Power Motors (pminc.de) beispielsweise wirbt auf seiner Homepage ganz offen und auf Deutsch damit, wie aus der zweifelhaften Importmethode ein gutes Geschäft wird: "Unfallfahrzeuge direkt in den USA zu kaufen", heißt es dort, sei durchschnittlich 30 bis 70 Prozent günstiger "als ein US-Gebrauchtfahrzeug".

Bremerhaven Einer der wichtigsten Exporthäfen für die die Autoindustrie.

Bremerhaven Einer der wichtigsten Exporthäfen für die die Autoindustrie.


Nicht nur Unfallwagen hält BKA-Mann Sturm für gefährlich, sondern beispielsweise auch Autos mit Flutschäden. "Wenn die Elektronik ausfällt, lehnt der Hersteller bei einem Salvage Title in der Regel die Gewährleistung ab." Dann bekommt der Eigentümer den Schaden nicht ersetzt. Auch Christian Wittmann von Carfax Europe warnt vor Gebrauchtwagen, deren üble Geschichte ein Laie nicht erkennen kann. "Wir haben schon Autos gesehen, die waren in der Mitte auseinandergebrochen" , sagt er. Einen solchen Schaden kann man nicht einfach zusammenschweißen. Ein solcher Schaden kann Leben kosten.

Der silberne CLS erzielt nach stern-Informationen im Frühjahr 2015 auf einer Restwertebörse ein Auktionsergebnis von 18 100 Dollar und wird bald darauf verschifft. Von Savannah im Bundesstaat Georgia tritt Nummer WDDLJ7DB2EA101949 die Rückreise auf den europäischen Kontinent an. Die Frachtkosten liegen im Schnitt bei unter 1000 Dollar pro Auto. Die meisten Wagen landen in osteuropäischen Häfen an, im litauischen Klaipeda oder im polnischen Danzig. "Das sind die Hauptrouten" , sagt Eric Sturm vom BKA. "Einer der Hauptumschlagplätze für solche Autos ist die Stadt Kaunas in Litauen", sagt Christian Wittmann von Carfax Europe. Dort werden die Autos dann mehr oder weniger fachgerecht repariert – meistens weniger, denn je sorgfältiger die Instandsetzung vorgenommen wird, desto geringer fällt der Gewinn aus.

In einigen Fällen werden sogar die Airbags, die bei Unfällen ausgelöst wurden, nicht ersetzt, weil sie zu den teureren Ersatzteilen gehören. "Manchmal ist leider nur ein Dummy drin" , sagt Eric Sturm. Dann wurde ein elektrischer Widerstand eingebaut, der der Elektronik vorgaukelt, der Airbag sei funktionstüchtig. "Bei nicht ersetzten Airbags ist die kriminelle Energie des Verkäufers extrem hoch, denn dann nimmt er schwere Verletzungen der Insassen in Kauf", so Sturm. 

Zu starker Datenschutz

Christian Wittmann ist Marketingchef von Carfax Europe. Die Firma wurde 2007 gegründet – mit dem Ziel, Fahrzeughistorien zu vervollständigen und so auf dem Gebrauchtwagenmarkt für mehr Transparenz zu sorgen. In Europa arbeitet die Firma bisher mit eher bescheidenem Erfolg; ihr Bekanntheitsgrad ist noch gering. Speziell in Deutschland verhindern die besonders strengen Vorgaben des Datenschutzes, dass der Markt transparenter wird. Um Verbraucher vor den illegalen Methoden der Autoschieber zu schützen, müssten Informationen von Prüfstellen wie dem TÜV, den Werkstätten, den Zulassungsstellen und der Polizei zusammengeführt werden – wie in den USA. "Das Thema wird in Deutschland diskutiert", sagt BKA-Experte Eric Sturm. "Es müssen aber stets die Datenschutzregelungen berücksichtigt werden."

Ausgerechnet im Mutterland der Automobilindustrie wird es dem kriminellen Zweig der Branche mitunter viel zu leicht gemacht. So wurde 2005 eines der wichtigsten deutschen Fahrzeugdokumente zum Auslaufmodell deklariert: der Kraftfahrzeugbrief, der früher bis zu fünf Vorbesitzer auflisten konnte. Skeptische Autokäufer konnten die Vorbesitzer anrufen und nach möglichen Mängeln fragen. Doch inzwischen werden bei sogenannten Umschreibungen von einem Besitzer auf den anderen die alten Briefe eingezogen und durch die moderne Version, die sogenannte Zulassungsbescheinigung (Teil II) ersetzt. Diese enthält in der Regel nur noch einen Vorbesitzer – und damit deutlich weniger Informationsmöglichkeiten zur Historie.

Nummer WDDLJ7DB2EA101949 wird in Litauen vom Schiff geladen. Dort bietet ein riesiger Automarkt alles, was für dubiose Autogeschäfte nötig ist: Fahrzeuge, Ersatzteile, Papiere. Besonders günstig für die halbseidene Wertschöpfungskette: In den osteuropäischen Ländern hat sich rund um den Gebrauchtwagenmarkt ein gigantisches Netzwerk etabliert, das an diesen Fahrzeugen verdient. Häufig werden Unfallwagen mit Teilen aus gestohlenen und ausgeschlachteten Fahrzeugen repariert. Oder mit nachgemachten.

Andersherum lässt sich mit der Fahrgestellnummer eines aus den USA importierten Unfallwagens ein geklauter Wagen wieder "legalisieren". Es geht zu wie auf einem Schlachthof: Alles wird verwertet. Die Dimensionen dieses Graumarkts sind riesig. Carfax rechnet damit, dass mehr als 20 Prozent aller aus den USA importierten Gebrauchtwagen von US-Versicherungen zuvor mit einem Salvage Title versehen wurden. Damit wären mehr als 180 000 Autos, die in den vergangenen sechs Jahren nach Europa gelangt sind, im Grunde schrottreif. Doch mit litauischen oder polnischen Papieren steht der Zulassung in der EU nichts mehr im Wege. Und der einträgliche deutsche Markt liegt zum Greifen nah.

Und so gelangt WDDLJ7DB2EA101949 zum Autohaus Lupuspark in Schwarzenbek. Dort steht er nicht lange; er findet rasch einen Käufer, wie so viele andere Produkte deutscher Premiumhersteller auch, die dort angeboten werden. Während der stern-Recherchen im Oktober 2015 sind mindestens sechs Audi, BMW und Mercedes-Benz zum Verkauf angeboten worden – allesamt in US-Datenbanken mit teilweise erheblichen Vorschäden gespeichert. Lapidare Antwort auf die Frage, ob der besagte Mercedes-Benz CLS vielleicht ein Unfallwagen sei: "Da war mal was, ein kleiner Schaden hinten rechts", sagt die Dame im Verkaufsbüro. "Aber nur ganz leicht."

Lug und Trug sind im Gebrauchtwagenmarkt verbreitet. Zehn Tipps, um sich besser zu schützen

1 . Misstrauisch sein Keine besonders nette Charaktereigenschaft, aber es geht um viel Geld. Also nachhaken!

2. Fakten checken Googeln Sie die Fahrgestellnummer. Fragen Sie, ob es sich um einen Unfallwagen handelt.

3. Belege einsehen Wenn es ein Unfallwagen ist, sollte es Nachweise geben. Schadensfotos zeigen lassen; Reparaturnachweise (Rechnungen) verlangen. Passen sie zum Auto?

4. Historie überprüfen Jedes Auto hat eine Geschichte. Seriöse Verkäufer sollten diese kennen und erklären. Wer waren die Vorbesitzer, wo war das Auto zugelassen?

5. Kfz-Brief überprüfen Ein Brief (oder eine Zulassungsbescheinigung Teil II) ohne Eintragungen deutet auf einen Importwagen hin.

6. Unterlagen prüfen Gibt es ein Serviceheft? Sind dort Inspektionen vermerkt? Unleserliches oder "Kartoffelstempel" sind Alarmzeichen. Papiere gibt es auf dem Schwarzmarkt – ein Blankoheft passt nicht zu einem Gebrauchtwagen. 

7. Herkunft überprüfen Trägt das Auto Aufkleber oder Steuerplaketten aus dem Ausland? Schauen Sie unter der Haube nach, hinter der Sonnenblende, im Tankdeckel.

8. Auto inspizieren Ein seriöser Händler wird das Auto auf Wunsch auf die Hebebühne fahren. Oder Sie wenden sich an eine Werkstatt Ihres Vertrauens. Zudem gehört eine ausgiebige Runde inklusive Autobahnfahrt auf jeden Fall dazu, ein kurzer Ausflug um den Block genügt nicht.

9. Kaufvertrag lesen Ist ein Unfallschaden vermerkt, sollte dieser detailliert beschrieben sein (siehe Punkt 3).

10. Historie weiterführen Wenn Sie das Auto kaufen, alle Belege aushändigen lassen. Aufbewahren!

Diese Reportage ist dem aktuellen stern entnommen


Mitarbeit: Kerstin Herrnkind, Dirk Liedke, Kristina Schreiber

Wissenscommunity