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Motorrad: Absatteln in der Intensivstation

Im Herbst geht die Motorrad-Saison zu Ende. Viele Fahrer blieben 2007 auf der Strecke, andere landeten im Krankenhaus. stern.de suchte dort die jungen, verrückten Raser und erlebte eine Überraschung.

Schwere Wolken hängen sich über der Ausfallstraße. Vier Spuren breit geht es von Hamburg City hier Richtung Süden. Der freudlose Weg. Das Rote Kreuz leuchtet als einziger Farbtupfer weit und breit vor der Ausfahrt des Krankenhauses Boberg. Im Regen vor den Eingängen stehen die Raucher in Bademänteln und Jogginghosen, so farblos wie der bleierne Himmel über ihnen. Dann nehmen graues Linoleum und endlose Flure den Besucher ihre kalten Arme. Am Ende öffnet sich eine graue Tür, im Bett strahlt das runde, rosige Gesicht von Christoph R.: "Nur herein, wir beißen nicht." Fast wäre man gestolpert, denn mitten in den Weg ragt das Bein von Günther M. - starr aufgebahrt mit blauen Nähten.

Biker sehen sich als Opfer der Autofahrer. Wie schätzen Sie den Fahrstil der Zweirad-Freunde ein?

Die drei Patienten im krankenhausgrauen Zimmer kann man schon seit einigen Jahren nicht als "junge" Raser bezeichnen. Gemütliche Typen. Unter zwei Decken wölben sich stattliche Männerbäuche. Alle drei sind ziemlich stillgelegt. Unter der Haut wurden die Beine zerquetscht und mit Titan gestiftet. Drei langjährige Fahrer, routiniert, erfahren. "Ich fahre 23 Jahre unfallfrei. Jetzt ist das durch meine eigene Schuld passiert. Das gebe ich zu", Christoph R. redet nicht drum herum. Er hat überholt und im Gegenlicht ein Fahrzeug übersehen. "Die anderen vorher hatten Licht. Der nicht. Aber Schuld hatte ich." Günther M. hat ein technischer Defekt aus der Bahn geworfen. "Plötzlich hat das Hinterrad angefangen zu schlingern und dann ist die Maschine abgeschmiert." Günther lacht, wirkt fast amüsiert, dass er dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Er habe losgelassen, bevor das Motorrad an einen Baum prallte. Ursache? "Kann ich nicht sagen, hinterher war alles ausgebrannt." Dirk P. - ebenfalls ein gestandener Mann und 20 Jahre unfallfrei - wurde einfach übersehen. "Da ist eine Frau rauf auf die Landstraße und quer stehen geblieben. Die konnte nicht weiter wegen dem Gegenverkehr. Ich konnte noch an ihr vorbei, bin dann in die Grasnarbe gekommen." Wäre Dirk P. mit dem Pkw unterwegs gewesen, hätte es ein böses Ende genommen - für die Frau. "Na, Ausweichen wäre dann nicht möglich gewesen. Da wäre ich mitten rein gefahren." In Dirks Gesicht zuckt es, der schwere Mann hadert mit der Frau, die einfach stehen blieb und später falsche Angaben zum Unfall gemacht hat.

Obwohl sie alle ihr Leben lang etwas von dem Unfall nach behalten werden, geben sich die drei alle Mühe zu lachen. Immerhin haben sie es in fast einem Stück noch ins zweite Geschoss des Krankenhauses Boberg geschafft und ruhen nicht in mehreren Teilen in sechs Fuß Tiefe unter die Grasnarbe. Der Arzt Dr. Ulf Joachim Gerlach sagt, "wir haben eigentlich jede Woche einen neuen Biker hier. Erfahrene Fahrer. Das sind Männer, da sind die Kinder aus dem Gröbsten raus, dann kaufen die sich noch mal eine Maschine." Und Heißsporne, rasende Youngster? "Von den ganzen Jungen kommen die wenigsten. Hatten wir auch schon. Ganz neue Maschine und gleich Tempo 200 gefahren. Das ist aber selten."

Irrsinniges Überholmanöver

Abrieb und Fleischbremse

Jeder weiß, dass Motorradfahren gefährlich ist, aber alle glauben, sie träfe es nicht. "Wenn ich mit einem Unfall rechne, setze ich mich nicht auf die Maschine. Das macht ja auch keinen Spaß", sagt Günther. Trotzdem ist es nur ein kleiner Moment, der über Leben und Tod entscheidet. "Bei uns haben die kleinsten Unachtsamkeiten Folgen. Beim Motorrad gibt es wenig Schutz. Ich hatte wenigstens Leder, einen guten Rückschutz und einen Top-Helm", sagt Christoph, der den Gegenverkehr übersah. "Beim Auto wird viel durch die Technik aufgefangen, beim Motorrad muss im Krankenhaus aufgefangen werden", weiß Dr. Gerlach. "Gute Schutzkleidung bringt schon eine Menge. Mit T-Shirt und Jeans, das geht gar nicht, so nach dem Motto "Ich wollte nur mal schnell." Dann gibt es nur die Fleischbremse."

Aufprall und Rutschpartie verwandeln Beinknochen, Füße und Knie in eine Splittersammlung, die einem Sack von Muskeln und Haut zusammengehalten wird. Früher hätte sich alles entzündet, darum musste man amputieren. Heute kann restauriert werden. Den Patienten ist bewusst, wie viel ärztliche Kunst dahintersteckt, dass sie noch alle Gliedmaßen besitzen. Zumindest irgendwie. Mehrere breite Nähte laufen über das Bein von Günther, wie Knie und Knochen darunter aussahen, mag man sich nicht vorstellen. Dirks Fuß ist total hinüber, nur durch Schrauben zusammengehalten. "Im Vergleich zur Alternative "Bein ab", darf ich nicht meckern. Aber ich habe permanente Schmerzen, kann abends nur an Krücken gehen." Mit den Kindern spielen? "Das ist bitter, da komme ich kaum hinterher."

Verluste sind unvermeidlich

Was man gegen die Unfall-Toten machen könne? Beschränkungen, Schulungen oder Ähnliches? Dr. Gerlach ist skeptisch. "Meine Patienten sind meist gar nicht am Unfall schuld. Die werden einfach übersehen. Da kann man nichts schulen. Höchstens bei den Pkw-Fahrern." Was getan werden kann, ist nach dem Unfall. "Die Versorgung ist entscheidend. Ob sie gleich fachgerecht versorgt werden, oder ob sie im Urlaub irgendwo stundenlang liegen." Letztlich bleibt: "Wer Motorrad fährt, muss mit dem Risiko leben." Auch ohne Rennen und Leichtsinn ist die reine Betriebsgefahr hoch. "Kitesurfen, Reiten und Motorrad, das sind unsere Renner für schwerste Unfälle in der Chirurgie"

Die drei im zweiten Stock bemühen sich um eine Stimmung wie in einer "Männerwirtschafts-WG". "So wie vorher wird es nicht mehr. Trotzdem muss es ja irgendwie weitergehen. Wir können hier ja nicht Trübsal blasen", sagt Christoph R. " Ich bin froh, dass ich noch am Leben bin." Und die große Leidenschaft "Motorräder"? Christoph R. und Dirk P. passen. Mit den Füßen ginge es sowieso nicht mehr, aber noch wichtiger: "Wenn ich mit 'ner Maschine ankomme, gibt es zu Haus die rote Karte. Das ist vorbei." Nur Günther will es vielleicht noch mal wissen. "Wenn es möglich ist, werde ich mich wieder raufsetzen. Wenn da kein schlechtes Gefühl ist, warum nicht?" Er lacht spitzbübisch, seiner Frau dürfte nicht zum Lachen zu Mute sein.

Gernot Kramper

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