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Rettungsdienste: Notdienst in Nöten

Dass Rettungskräfte zur Stelle sind, wenn irgendwo der Ernstfall eintritt, wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Zu Recht, denn das Rettungswesen in der Bundesrepublik galt bislang weltweit als vorbildlich.

Von Walter Hasselbring

Auf rund zehn Millionen Einsätze bringen es die Helfer im prähospitalen Bereich", weiß Dr. Kerstin Auerbach vom Referat Verkehrsmedizin und -Psychologie bei der Bundesanstalt für Straßenwesen. An jedem normalen Werktag gehen bundesweit 30.900 Hilferufe bei den Rettungsleitstellen ein. Am Wochenende sind es rund 10.000 weniger. Fast die Hälfte (46 Prozent) werden als Notfall eingestuft, die andere Hälfte fällt in die Rubrik Krankentransport .

Doch die Zeit zwischen dem Eingang des Notrufes und der Ankunft am Ort des Geschehens wird immer länger. Gegenüber dem vorigen Beobachtungszeitraum kommen die Rettungsfahrzeuge heute um durchschnittlich 2,2 Minuten später an. Insgesamt brauchen sie im Schnitt heute 10,9 Minuten, um zum Unfallort zu gelangen.

2,2 Minuten, das klingt nach wenig, kann aber im Einzelfall zu erheblichen Konsequenzen führen. "Für die einzelnen Fälle gibt es klare Vorgaben, wann die OP spätestens beginnen muss, wenn man Spätfolgen gering halten möchte", erklärt Professor Dr. Peter Sefrin von der Arbeitsgemeinschaft der Notärzte in Bayern. "Bei einem Herzinfarkt muss der Patient beispielsweise spätestens 60 Minuten nach dem Eingang des Notrufes auf dem OP –Tisch liegen, um gravierende Folgen möglichst gering zu halten!" Ähnliche Zeitfenster gelten auch für andere Notfälle wie etwa den Schlaganfall oder schwere Verletzungen nach Verkehrsunfällen. Jede Minute Verzögerung im prähospitalen Bereich kann also gravierende Folgen haben. Dass die Rettungsfahrzeuge länger brauchen als früher, um in die Notfallaufnahmen zu kommen, liegt laut Professor Sefrin einmal daran, dass "die Autofahrer sich falsch verhalten’", besonders gravierend ist aber, das in Deutschland "bereits durch die Einsparungen im Gesundheitswesen rund 300 Krankenhäuser geschlossen wurden und sich somit die Fahrtwege verlängert haben." Da noch 300 weitere Hospitäler geschlossen werden sollen, wird sich die Lage noch weiter verschlechtern. Aber auch, wenn der Notfall-Patient im rechtzeitig im Krankenhaus angekommen ist, ist er noch lange nicht so versorgt, wie es sein sollte. "Notärzte müssen enorm viele Faktoren berücksichtigen und sollten deshalb von der Chirurgie bis zur Kinderheilkunde umfassend ausgebildet sein", meint Professor Sefrin. Das sei aber heute nicht mehr gewährleistet, weil die Arztausbildung zu fachspezifisch ist. " Es kann Ihnen passieren, dass Sie im Krankenhaus an einen Arzt im Notdienst geraten, der was von Bauchchirurgie versteht und sonst nicht viel mehr".

Darüber hinaus sind Schwerverletzte wegen der durch die Gesundheitsreform vorgegebenen Fallpauschalen für Krankenhäuser eher ein Ärgernis, denn sie bedeuten ein Minusgeschäft von 2000 bis 3500 Euro. "Außerdem bringen sie die auf minimalen Personaleinsatz durchgetakteten Abläufe durcheinander ", sagt Dr. Julia Seifert, die - umfassend ausgebildet - als leitende Oberärztin im Unfallkrankenhaus Berlin arbeitet. Sie beklagt, dass die Unfallchirurgie unter Nachwuchsmangel leide, denn die ständige Bereitschaft, schlecht planbare Arbeitszeiten, eine hohe psychische und körperliche Belastung sowie verhältnismäßig niedrige Bezahlung machten den Beruf unattraktiv.

Das gilt natürlich auch für die Notärzte auf den Rettungswagen. Die Betreiber der rollenden Mini-Hospitäler sehen sich mittlerweile einem enormen Konkurrenzkampf ausgesetzt. "Die Länder oder Kommunen schreiben diese Dienstleistungen aus und geben immer öfter dem billigsten aber nicht unbedingt dem besten Anbieter den Zuschlag", klagt Professor Dr. Klaus Runggaldier, Leiter des Malteser Hifsdienstes. "Es zählt nur noch der Preis." Er fordert für alle Anbieter "ein umfassendes Qualitätsmanagement, wie wir es seit einiger Zeit praktizieren. Es kann nicht sein, dass in den Stationen und auf den Wagen beispielsweise Medikamente mit abgelaufenem Verfallsdatum an Bord sind".

Außerdem fordert Runggaldier eine angemessene Bezahlung für die Rettungsassistenten, die eine enorm wichtige Aufgabe bei der Erstversorgung der Opfer haben. Bei Einsatzzeiten von bis zu 48 Stunden in der Woche kommen vielerorts die Retter auf einen Stundenlohn von fünf Euro. Absurd ist laut Professor Runggaldier auch das Abrechnungsverfahren für die Rettungswagen. Bezahlt werden die Einsätze nur, wenn der Patient auch ins Krankenhaus gefahren wird. Gelingt es den Notärzten und ihren Assistenten, den Patienten soweit wieder fit zu bekommen, dass er zu Hause bleiben kann, wird der Einsatz nicht honoriert. "Wir sind schon erheblich mehr als ein Taxiservice, werden aber so behandelt". Das hat zu einem weiteren Mangel im System geführt: die so genannte Stationierungsdichte im Rettungsdienst hat abgenommen. Die von der Politik in Gang gesetzten Einsparungen führen nicht nur zu einer erheblichen Verschlechterung der Versorgung der Bevölkerung, sie sind auch unterm Strich ökonomisch unsinnig. "Nachweislich übersteigt der volkswirtschaftliche Nutzen die zugegebener Maßen hohen Aufwendungen für die Notfallversorgung um das Fünffache", erklärt Professor Sefrin. Außerdem ist er sicher, dass sich die medizinischen Erfolge deutlich verbessern liessen.

"Die frühzeitige, kompetente notfallmedizinische Hilfe ist die Voraussetzung für die Möglichkeiten der nachfolgenden Medizin. Die Reanimationquote ließe sich um bis zu drei Prozent steigern, die Letalität in den Kliniken um sieben Prozent senken und die klinische Behandlungsdauer um 63 Prozent verkürzen und die spätere Erwerbsunfähigkeit um 20 Prozent senken, das ist nachgewiesen", lautet das Resümee von Professor Sefrin.

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