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Tempo-Ausstellung: "Hermann Göring böse"

Mit qualmenden Dreirädern mischte der Kohlehändler Max Vidal bis zum Wirtschaftswunder bei der Massenmotorisierung mit. Fast wurde Hamburg eine Autostadt wie Detroit oder Wolfsburg. Doch leider ging das Entwicklungskapital der Firma bei leichten Mädchen und in der Spielbank verschütt.

Die Erfolgsgeschichte der Tempo-Dreiräder begann mit dem Hamburger Kohlehändler Max Vidal. Er baute 1928 im Auftrag eines Schlossers den ersten Kleintransporter, der auf den Namen "Tempo-Eilwagen" getauft wurde. Schon nach kurzer Zeit etablierte sich das Fahrzeug bei Kohlehändlern, Milchlieferanten und Bäckern. Denn das Dreirad war preiswert und zuverlässig. Ein Prinzip, das sich zur Zeit der Weltwirtschaftskrise bewährte.

Ohne Führerschein und Steuern

Als Grundlage für die ersten Tempo-Fahrzeuge diente ein Fahrrad, daher galten für die Kleintransporter besondere Regeln. So legte eine gesetzliche Regelung von 1927/1928 fest, dass für Fahrzeuge, die über weniger als vier Reifen und einem Hubraum unter 200 ccm verfügten, keine Steuern anfielen und sie von der Führerscheinpflicht entbunden wurden. Von allen Zwängen befreit, erfreuten sich die Dreiräder einer zunehmenden Beliebtheit und der Firma Tempo gelang es, sich gegen die anderen Unternehmen im Dreirad-Boom durchzusetzen.

Hermann Göring böse auf Tempo

Zur Zeit des Weltkrieges erlebten "Vidal & Sohn" einen weiteren Aufschwung. Jedoch wurden die Fahrzeuge der Firma nicht wie erwartet zu Kriegsfahrzeugen umfunktioniert, sondern zivil eingesetzt. Mit dem G1200 baute Tempo einen vierrädrigen Geländewagen, der sogar von prominenten NS-Politikern gefahren wurde. "Reichsjägermeister" Hermann Göring besorgte sich einen G1200 für seine Jagdausflüge. Einer Notiz zufolge war der Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe mit dem Kauf allerdings unzufrieden und ziemlich erbost über den Automobilproduzenten. "Hermann Göring böse auf Tempo", notierte eine Verwandte der Firma entsetzt.

Drängler wird von Polizei überrascht.

Der Wandel kam mit dem Aufschwung

Das Wirtschaftswunder spülte Vidal & Sohn zunächst weiter nach oben. Es kam zu einem Boom der Tempo-Fahrzeuge in der unmittelbaren Nachkriegszeit: Einfach, robust und billig waren die Schlüsselworte der Zeit. Der Produktionsrekord lag bei 55.000 Einheiten im Jahr. Dann stieß Tempo 1956 an seine Grenzen. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung kam der Wunsch nach komfortablen und repräsentativen Wagen auf. Außerdem zeichnete sich eine Umstrukturierung im Transportwesen ab, da Waren nun mit der Bahn und LKWs transportiert wurden. Mit einem neuen Modell konnten sich Vidal & Sohn zwar noch über Wasser zu halten, aber auf Dauer zogen sie gegenüber Herstellern wie VW, die inzwischen einen eigenen Bus produzierten, den Kürzeren.

Wegen der drohenden Insolvenz verkaufte Oscar Vidal 1956 die Hälfte von "Vidal & Sohn" an den Lastwagenhersteller "Hanomag AG". Als der Partner im Jahr 1964 eine Rationalisierung der Produktion anstrebte, musste Vidal den Rest seiner Firma abtreten, da er sich nicht mehr in der Lage sah, die nötigen Investitionen zu tragen.

Experten sehen den Ursprung für die Insolvenz von Tempo jedoch schon früher. Nach der Währungsreform liefen die Geschäfte von Tempo so gut, dass man glaubte, in der Liga der ganz Großen mitzuspielen. Dann aber verjubelte ein krimineller Buchhalter eine Million DM Firmengelder im Spielcasino.

Kilian Wagner

Wissenscommunity