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Tuning-Messe: Schrilles Schaulaufen

Zur weltgrößten Tuning-Messe in Las Vegas kommen jeden November Auto-Verrückte aus aller Welt. Und feiern eine röhrende PS-Orgie.

Wenn die Männerfreiheit ein Zuhause hat, muss dieses im Zentrum von Las Vegas liegen, an einer sechsspurigen Schnellstraße zwischen der Paradise Road und der Desert Inn Road. Nun ist Las Vegas an sich schon ein Großlabor der Freiheit, das Erholungszentrum von Prüderie, Amerikas Restposten der unbegrenzten Möglichkeiten. Prostitution ist verbreitet, Spielen sowieso und Rauchen noch kein Verbrechen. Doch das alles ist nichts gegen das Treiben an der Paradise Road, dem Sitz der "Sema".

Eigentlich ist die Sema nur eine Auto-Tuningmesse, die größte der Welt, zehn Hektar, 10 000 Stände, 2000 Autos, die aneinandergereiht eine acht Kilometer lange Kette vom Stadtzentrum bis in die Berge bilden würden, oder - wie die Veranstalter es lieber berechnen - 170 mal die Niagarafälle herunter. Doch wer, wenn die Sonne über der Wüstenstadt aufgeht, den Männermassen folgt, wird auf eine sehr eigene Welt treffen: aus Monstertrucks, Silikonbrüsten und lüstern geifernden Männern, die Autos wie Groupies umlagern. Autos wie den neuen "Annihilator", den Vernichter. Er ist etwa vier Meter hoch, fünf Tonnen schwer, mit Reifen groß wie Menschen, und die Groupies rühmen, dass man mit dem Annihilator nicht nur Hirsche locker von der Straße fegen, sondern sie gleich zermalmen kann, "zu Bröseln, zu Staub. Great, man".

Gegen den "Sick Hummer" aber hat der Annihilator keine Chance. Der kranke Hummer ist der schnellste Hummer H1 der Welt. Ihm gelingt der Sprint vom Stand auf 60 Meilen (knapp 100 km/h) in weniger als fünf Sekunden, seine Motorleistung variiert 350 bis 600 Diesel-PS- ein kleiner Panzer, wie ihn deutsche Fußballprofis und Arnold Schwarzenegger gern fahren.

Die Sema bietet all jene Neuheiten, die der Mann so braucht: Ein "Laser-Defense System" zum Beispiel, das Tempofallen erkennen soll, damit man auch bei 200 Meilen pro Stunde keinen Strafzettel bekommt. Aggressive Rostschutzmittel, die auch die 4th Infantry Division der US Army für ihre Abrams-Panzer benutzt. Oder leistungsverstärkte Musikboxen, dank derer die Bässe nicht mehr so hämmern wie in der Bronx, sondern wie bei einem Luftangriff auf Bagdad.

Einen besonderen Charme hat auch die "Radical Garage", ein ehemaliger Pick-Up-Truck, der zu einem gigantischen stationären Männertraum für den Garten umgerüstet worden ist: der Motor als Barbeque-Grill, die Ladefläche als Kühlschrank fürs Bier, das Schweißgerät im Innenraum - ab 100 000 Dollar.

Mustang-Fahrer blamiert sich - und rast in Zuschauer

Der allerneueste Schrei allerdings ist etwas bisher ganz und gar Undenkbares: Benzinsparen. Auf einer kleinen Tafel in der Nordhalle, kaum zu sehen für die Öffentlichkeit, hängt ein Zitat von Bill Gates: "Wenn General Motors so mit dem Fortschritt Schritt gehalten hätte wie die Computer-Technologie, hätten wir heute das 25-Dollar-Auto, das 300 Meilen pro Liter Benzin schafft."

Der Trend zum Spritknausern ist bei der Sema nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Ab und zu deuten Firmen ihr ökologisches Bewusstsein zart an, etwa mit kleinen Schriftzügen auf einer Stellwand: "Denke grün". Lieber geben sie ihren Produkten Namen wie "Tornadofuelsaver", damit das Benzinsparen wenigstens ein bisschen martialisch verpackt ist. "Es ist anders als bei euch in Europa", sagt der Entwickler des Tornadofuelsavers. "Für den durchschnittlichen Amerikaner geht es bei der grünen Welle darum, Geld zu sparen, nicht die Umwelt zu retten."

Etwa 100 000 Männer sind unterwegs auf der Sema. Sie treten am Stand von Castrol im Computer-Duell der "Car Wars" gegeneinander an oder polieren Autos um die Wette, um den begehrten ,Shine Award"", den Glanz-Preis, zu gewinnen. Oder lesen Autofachzeitschriften mit Titeln wie "Blitzkrieg" und "Killer". Im Sema-Seminar "Lache und werde reich" erhalten sie Insidertipps, wie sie mit Autos zu Millionären werden. Das Seminar "Die Psychologie des Autokaufs" vermittelt, wie man sich sein Traumauto gegen den Widerstand seiner Frau ergattert. "Macht es so", erzählt ein junger, dynamischer Verkäufer: "Wenn eure Frau wieder mal anruft und sagt, "Schatz, ich sehe hier gerade ein ganz tolle Kette für 3000 Dollar', dann bestärkt sie. Lobt sie. Beim nächsten Mal seid ihr dran, dann steht der Hummer vor der Tür." Da lachen die 150 Männer im Saal. Nur eine Frau, eine einsame Frau, lacht nicht.

Es gibt tatsächlich Frauen auf der Sema. Es gibt Frauen in engen Lederjeans und in Hot Pants, aus denen der halbe Po herausschaut, und Frauen, die ihren getunten Busen ausführen. Darüber hinaus gibt es nur noch Hostessen, großbrüstige Models, die wenig Stoff tragen, Netzstrümpfe, Stringtangas, sich auf Kühlerhauben rekeln und fotografieren lassen. Hier scheint alles nach der Regel zu funktionieren: Je mehr Verkleidung die Autos haben, desto weniger die Frauen. Je exotischer das Produkt, desto philippinischer der Typ.

Cindy Pucci zum Beispiel, blonde Haare, braune Haut. Sie hat ihre Kunstbrust in einen engen BH gezwängt, ihren Po in ein enges Höschen und ist schon im elften Jahr dabei. Sie sagt, dass sie der Köder sei, wie beim Hochseeangeln. Sie wirbt an einem Stand für Pflegeprodukte, "die den tiefen, nassen, hochglänzenden Schein verleihen. Sexy Spruch, was?" Cindy erzählt den Männern, dass sie das Pflegespray auch für ihren eigenen Schmuck nimmt, selbst den Intimschmuck. Sie verteilt Autogramme und stellt sich fürs Foto neben die dicken Männer und die dicken Schlitten.

Wenn nur der Reporter nicht wäre. Sie können seine dämlichen Fragen nicht ertragen. Ökologisches Bewusstsein? Was für ein Spaßverderber! Moralapostel! Ausgerechnet in Las Vegas! Für den Umgang mit Reportern hat die Sema ein Seminar organisiert mit dem Titel: "Wie geht man mit Medien auf allen Feldern um?" Der Leiter ist ein ehemaliger Journalist. Er kennt solche Reporter. Er rät den anwesenden Männern, Verkäufern, Managern: "Die Medien sind Tiere, die gefüttert werden wollen. Wenn sie nicht gefüttert werden, fressen sie, was sie wollen. Hämmert also immer wieder die gleiche Botschaft auf sie ein. Sie wollen es ganz leicht haben. Ganz simpel."

So tun sie es. Die gleiche Botschaft. Immer wieder: Dicke Autos plus brave Mäuschen plus große Brüste gleich Männerglück.
Ganz simpel.

Jan-Christoph Wiechmann / print

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