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Interview

VW-Chefdesigner Klaus Bischoff: Nur Autokonzerne, die sich neu erfinden, haben in dieser Welt eine Chance

Klaus Bischoff ist seit zehn Jahren Chefdesigner der Marke VW. Er hat unter anderem das Aussehen von Golf VI und VII, dem aktuellen Passat und dem bald auf den Markt kommenden Arteon bestimmt. Hier beschreibt er die Design-Herausforderungen bei den Elektroautos von morgen.

Zeichnung von Klaus Bischoff

Interview mit dem Zeichenstift

Wenn VW-Chefdesigner Klaus Bischoff redet, malt er am liebsten dabei. Parallel zum stern-Gespräch brachte er die Geschichte des Autodesigns zu Papier: Von den geschwungenen Formen der 30er Jahre über die kantigen Nutzfahrzeuge der 70er hin zum E-Auto.

Herr Bischoff, was bedeutet der Schritt zur E-Mobilität für einen Autodesigner?

Das ist ein Paradigmenwechsel. Wir nehmen aus einer 100 Jahre alten Gleichung einen wesentlichen Teil raus: den Verbrennungsmotor. Über die Jahre haben sich verschiedene Layouts entwickelt: breit, flach, lang, hoch – da wurde alles durchgearbeitet. Doch alle Typologien wurden dabei vom Motor bestimmt.

Weil er so viel Platz brauchte?

Nicht nur. Die ersten sahen wie Kutschen aus, bloß ohne Pferde. Das war ein Problem, denn die Zahl der Pferde machte das Prestige der Kutsche aus. Ein Erfolg wurde das Auto erst, als sich die lange Haube herausbildete. Der Raum zwischen Vorderrad und Tür bestimmte von nun an das Prestige.

VW-Designchef Bischoff

VW-Designchef Klaus Bischoff vor dem Volkswagenwerk in Wolfsburg

Was ändert sich noch?

E-Autos brauchen keinen Kühlergrill mehr. Bisher hat der aber die Form der von vorne bestimmt. Manche Marken haben ihn sogar zum entscheidenden Element ihrer Formensprache gemacht.

Und ohne Kühler haben diese Marken jetzt ein Erkennungs-Problem?

Es gelten halt neue Regeln. E-Autos haben eine Skateboard-Plattform: Eine etwa 10 bis 20 Zentimeter dicke Batterie und Räder an den Ecken – mehr braucht es nicht. Die Motoren sitzen im Bereich der Räder und spielen platzmäßig kaum eine Rolle. Man kann die gesammte verfügbare Fahrzeuglänge bebauen.

Viele E-Modelle zitieren automobile Klassiker, wie Ihr E-Bulli, der stark an frühe VW-Bus-Versionen erinnert. Wieso ist das so?

Man muss die Leute in die neue Welt mitnehmen. Die haben genug damit zu tun, die neuen Elektroantriebe zu verstehen. Da sind Ankerpunkte beim Design gerade in der Anfangszeit ganz wichtig. Wir Designer sprechen da von der „Maya“-Schwelle, die man nicht überschreiten darf: „Most advanced, yet acceptable“. Wenn man da vergeigt, verliert man die Kunden.


Das klingt nach Selbstbeschränkung?

Es geht beim Automobilbau nicht um die Selbstverwirklichung der Designer. Wir haben eine Pflicht zum Erfolg – es hängen riesige Konzerne davon ab.

Also ändert sich gar nicht so viel?

Doch, nur nicht sofort. Die Proportionen werden sich verschieben: kurze Fronthaube, kurze Überhänge, große Räder, um den Höhenzuwachs zu kompensieren. Die E-Mobilität spielt dem Siegeszug von SUV´s in die Hände. Die einstigen Spritschlucker werden sozial akzeptierter durch das Versprechen der Nachhaltigkeit beim Antrieb. Na ja: Und die hohe Sitzposition liegt angesichts der Alterung der Gesellschaft sicher auch im Trend.

Gehen mit diesem Konzept auch Sportwagen?

Im Prinzip schon. Bloß sind sie aufwändiger zu konstruieren, weil man die Batterie um die Insassen, die ja weiter tief und nah an der Straße sitzen sollen, herum bauen muss. Das ist teuer.

VW-Chefdesigner Bischoff zeichnet E-Autos

Ganz neue Formen sind möglich

Durch die flach im Boden liegende Batterie ist der gesamte Raum des Fahrzeugs nutzbar. Wenn die Fahrzeuge irgendwann autonom fahren, kann sogar die altbekannte Sitzanordnung aufgelöst werden.


Werden die Autos denn ganz anders aussehen, wenn sich die Leute an E-Antriebe gewöhnt haben?

Grundsätzlich bestimmt die Aerodynamik die Form, denn angesichts der Reichweitenprobleme sind noch weniger Kompromisse möglich. Mit spannenden neuen Formen rechne ich erst, wenn durch das autonome Fahren Lenkrad und Fahrer wegfallen. Dinge wie Sitzrichtung, Armaturenbrett oder Aussicht spielen dann keine Rolle mehr. Und die Digitalisierung beschleunigt den Prozess. Zukunftsvisionen werden immer schneller zur Realität. Das wird spannend, denn das Design wird dadurch immer mehr zum Kaufgrund. Alte Attribute wie Sicherheit, Status und sogar Besitz zählen dann nicht mehr. Nur Autokonzerne, denen es gelingt, sich neu zu erfinden, haben in dieser Welt eine Chance.

Haben Sie eine Vision, wie wir in 30 Jahren Auto fahren werden.

30 Jahre sind lang. Da wird es nebelig. Aber ich denke, wir werden eher in Megacitys leben. Digitale Kommunikation wird Teile der Mobilität ersetzen, aber längst nicht alles. Es wird weiter eine Vielzahl von Fahrzeugkonzepten geben, die man je nach Bedarf nutzt. Besitzt man ein eigenes Auto, dann ist das ein Luxus, den man sich gönnt: Ich persönlich mag nicht an eine uniformierte Welt glauben, in der fahrende Boxen die Straßen bevölkern – als einheitliche, selbstreinigende von-A-nach-B-Transportmittel. Für solche Endzeitszenarien sind wir Designer nicht da.

Wird es auch ganz neue Ideen geben – etwa den Barrista an Bord?

An fahrende Sushibuden oder Fitnessstudios glaube ich nicht. Das sind verrückte Designträume. Aber das Thema Schlafen wird im Auto zunehmend wichtig. Wir bei haben schon mehrfach Betten-Autos konzipiert. Den I.D.-Bulli etwa gibt es auch in einer Liege-Konfiguration.

Klingt so, als ob Ihnen die E-Autos mehr Spaß machen, als einen weiteren Golf zu bauen?

Es ist eine geile Zeit: Wir definieren eine ganz neue Generation von Automobilen.


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