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Computer- und Videospiele: Als die Spiele Laufen lernten

In den Achtzigern eroberten die Computerspiele den heimischen Fernseher. Die digitale Welt spielte sich in acht Bit ab. Commodore und Atari hießen die Königreiche des Spieleuniversums, das sich in die Wohnzimmer der Welt erstreckte.

Von Jens Lubbadeh

Am Anfang war "Pong". Zwei Striche, die auf ein überdimensioniertes Pixel eindroschen. Ein auf das Notwendigste reduziertes Tennis. "Pong" war der erste Videospiel-Automat und ein Riesenerfolg in den Kneipen und Spielhallen weltweit. "Pong" brach die Bahn für die Videospiele, die man vorher neben Flipper- und Geldspielautomaten allenfalls als Spielerei aber nicht als "ernsthafte" Unterhaltung angesehen hatte. Als Unterhaltung, die sich vor in harte Münze umwandeln ließ.

Nach der Ära der Videospiel-Automaten in den frühen Siebzigerjahren, eroberten die elektronischen Spiele die Wohnzimmer dieser Welt. Die frühen Konsolen nannten sich seinerzeit allerdings noch Telespiele, schließlich waren sie im Bewusstsein der Leute nur ein Anhängsel zum Fernseher, oder "Add-On", wie man heute sagen würde. Telespiele waren daher auch recht schlichte und unprätentiöse graue bzw. beige Plastikkästen mit spartanischen Schiebereglern (die heute übrigens Controller heißen).

In der Regel beherrschten sie "Pong" in allen möglichen Varianten, z.B. in der Version: ein Strich spielt einen Ball, also eine Art Squash für einen Spieler.

Das Telespiel war fein, aber irgendwann auch langweilig geworden. Dennoch, es war für viele meiner Altersgenossen die Einstiegsdroge in die virtuelle Welt der Achtziger, die damals noch in ganzen acht Bit Platz fand. Doch die Drogen wurden besser. Wie einst im Film hielten Farbe und Ton Einzug bei den Videospielen. Und es war eine Spiele-Konsole, die die Welt für immer verändern sollte. Die VCS der Firma Atari wurde Ende der Siebzigerjahre auf den Markt gebracht. VCS stand für "Video Computer System". Es war eine Konsole mit auswechselbaren Spielemodulen, zwar nicht die erste ihrer Art, doch schon zwei Jahre nach ihrer Markteinführung ein unglaublicher kommerzieller Erfolg.

Atari: "Ich werde gewinnen!"

Atari, das heißt im japanischen Go-Spiel "Ich werde gewinnen!" und hat die gleiche Bedeutung wie die Ansage "Schach". Der Name war Programm: nach turbulenten Anfängen Mitte der Siebzigerjahre erklomm Atari unaufhaltsam den Olymp, zu Beginn der Achtziger beherrschte die Firma im noch jungfräulichen Silicon Valley den Videospiele-Markt fast ganz alleine. So märchenhaft Ataris Aufstieg war, so tragisch und schleichend war sein Ende. Missmanagement, Marketingfehler, Selbstzufriedenheit und letztendlich der Vormarsch der immer beliebter werdenden Heimcomputer führten unweigerlich zum Niedergang der Firma. Selbst ein zweiter Frühling Mitte der Achtziger mit einer sehr erfolgreichen Heimcomputer-Serie konnte Ataris Abstieg nicht mehr aufhalten. Das Ende der Achtziger war zugleich auch das Aus für Atari.

Doch etwas ist geblieben: Ataris legendäre Konsole, die VCS 2600, das populärste Modell der VCS-Serie, ist bis heute die Konsole, die am längsten gebaut wurde. von 1977 bis 1990, lange dreizehn Jahre hielt sie im damals schon schnelllebigen Markt der Videospiele durch.

Der VCS Vergleichbares hatten wir vorher nicht gesehen. Und selbstredend wollten wir die Konsole sofort haben. Doch leider waren die Geräte damals nicht billig, und wir Grundschüler nicht unbedingt finanzstark. Aber zum Glück gab es Kaufhäuser und Computer-Abteilungen. Von da an sollten sie für uns über Jahre hinweg zu einem festen Anlaufort werden und unseren Durst nach immer mehr und immer besseren Spielen wenigstens für einige Stunden stillen.

Wir enterten die Computer-Abteilungen der Kaufhäuser

Einem Ritual gleich pilgerten wir in die Kaufhäuser, um dort in Schlangen vor den Spielekonsolen geduldig zu warten, bis man endlich den Controller, der nun vom Schieberegler zum Joystick evolviert war, in Händen halten konnte. Aber Kaufhaus war nicht gleich Kaufhaus, das hing ganz stark von der Kulanz der Verkäufer ab. Sie waren die Herren über die Spiele. Waren sie gut drauf, ließen sie uns Jungs die neuesten Games zocken, so lange wir wollten. Näherte sich jedoch ein finanzkräftiger Kunde, der eine der Konsolen ernsthaft kaufen wollte, wurde ohne Vorwarnung der Off-Schalter betätigt - mitten im Spiel. Game Over. Und der alte Trick, dass man so tat, als wolle man wirklich ein Spiel kaufen, sich aber nicht so recht zwischen mindestens zehn Spielen entscheiden konnte und doch bitte erst einmal alle ausführlich testen müsse, nutzte sich schnell ab, wie man sich sicher denken konnte.

Es gab solche und solche Verkäufer. Manche waren gutmütig und echte Kumpels, die sich auch wirklich freuten, dass wir ihnen ein wenig Abwechslung bereiteten, die immer wieder Bauklötze staunten über die Virtuosität, mit der einige von uns die Spiele beherrschten.

Und dann gab es regelrechte Sadisten, denen es einfach Spaß machte, uns den unsrigen zu verderben. Das waren diejenigen, die ohne Grund einfach die Geräte ausschalteten, gerade dann wenn es am Schönsten war. Mit der Zeit kannte man seine Pappenheimer, wusste, wer wann seine Schichten hatte, stellte sich darauf ein. Die Mentalität der Verkäufer variierte auch zwischen den Kaufhäusern. Bei Horten war alles in der Regel lockerer als bei Karstadt. Dafür leider auch siffiger, die Konsolen schon etwas verklebt und grabbelig. Viele funktionierten nach einiger Zeit auch nicht mehr richtig. Wie auch immer - das Vertrauensverhältnis zu den Verkäufern sollte später, als wir die Heimcomputer für uns entdeckt hatten, noch auf so manch schwierige Probe gestellt werden.

Irgendwann hatte man sie: die Atari VCS 2600

Jedes Leiden hat bekanntlich irgendwann ein Ende und steter Tropfen höhlt ja auch den Stein. Es kam die Zeit, dass selbst die starrsinnigste Mutter resignierte und die VCS anschaffte (Väter waren meistens kein Problem, weil selbst völlig begeistert von den Kisten). Endlich hatte man sie, seine ganz persönliche, eigene Atari-Konsole und man musste sie mit niemandem mehr teilen! Manche von uns konnten sich früher zu den glücklichen Besitzern zählen als andere, aber die Solidarität zu dieser Zeit war sagenhaft. Jedenfalls konnten sich die ersten Konsolen-Besitzer eines nie enden wollenden Besucherstromes sicher sein. Und ihre Geburtstagsfeiern waren selbstredend die am bestbesuchtesten!

Die VCS war groß, ganz groß – sie hatte nur einen Haken: die Spielemodule waren so gut wie unerschwinglich! Drei Topspiele kosteten bald soviel wie die Konsole selbst. Und so dämmerte manchen Eltern wohl auch erst hinterher, was sie sich da ins Haus geholt hatten. Mitnichten hatten sie nun ihre Ruhe. Nein, mit dem Erwerb der VCS hatten sie erst die Büchse der Pandora geöffnet. Nun hörte das Drängeln und Betteln nach immer neuen Spielen nie mehr auf. Und selbst wenn sie, irgendwann weichgekocht, dann doch mal ein neues Spiel gekauft hatten, war das nur ein Frieden auf Zeit. In der Natur des Spiels liegt nun mal, dass es irgendwann langweilig wird - und sei es noch so gut.

Nun war die Frage nicht mehr: VCS oder nicht VCS? Nun ging es ganz klar darum: Wer hatte die besseren Spielemodule? Erste Ansätze einer Klassengesellschaft bildeten sich heraus. Und die ersten Billigspiele wurden verschleudert.

Der Krieg der Konsolen begann

Wir waren glücklich mit unserer VCS, aber die ewige Rallye war damit noch lange nicht zu Ende. Wir mussten feststellen, dass die Technik voranschritt, die Spiele spannender wurden, die Grafik bunter, der Sound knackiger. Man schaute sich um. Man wurde seiner Konsole untreu. Man wollte wieder mehr.

Gab es eine ganze Zeit keine anderen Götter neben Atari, zogen zu Beginn der Achtziger andere Firmen nach und wollten ihren Teil vom großen Videospiele-Kuchen abhaben. Die Konsolenkriege unter den Firmen hatten begonnen und sie wurden in den Computer-Abteilungen und Wohnzimmern dieser Welt geführt.

Bei aller Verehrung - man musste anerkennen, dass es neben Ataris VCS 2600 andere Konsolen gab, die einfach die bessere Grafik zu bieten hatten. Ja, und teilweise gab es für sie auch die besseren Spiele. Die Krux war nur: diese Konsolen waren natürlich um einiges teurer. War die VCS schon finanziell ein harter Brocken gewesen, war alleine der Gedanke, sich eine dieser "Edel-Konsolen" anzuschaffen, reinste Zeitverschwendung.

Mir war niemand bekannt, der eine besaß. Von solchen Leuten hörte man höchstens über den Freund eines Freundes, der wiederum jemanden kannte, der gehört haben wollte, dass jemand, usw. Aber ich bin ganz sicher – hätte es jemanden in unserem näheren Umfeld gegeben, er hätte von da an keine Minute mehr alleine zuhause verbracht.

Zwei "Visionen" gegen Atari

Atari hatte Anfang der Achtziger zwei heiße Konkurrenten. Da war auf der einen Seite die Firma Mattel, die mit der "Intellivision" zum Gegenschlag rüstete. Ataris zweiter Gegenspieler war Coleco. Auch sie hatten eine Vision gegen Atari aufgefahren: die "Colecovision".

Die "Colecovision" war Edel-Unterhaltungselektronik und sah wesentlich seriöser als die VCS aus. Sie erinnerte an eine Mischung aus Videorecorder und Aktenkoffer und gar nicht an ein Gerät, mit dem man spielen sollte. Sie wirkte wie ein Stück ernsthafter High-Tech-Elektronik. Das zeigte sich auch schon an den Controllern. Das waren keine grobschlächtigen Gummiknüppel mehr, sondern elegant designte Apparaturen, die irgendwie an Funkgeräte erinnerten. Die Schönheit hatte allerdings ihren Preis - sie gingen wesentlich schneller kaputt als ein Atari-Steuerknüppel.

Das Erstaunlichste aber war, dass sich auf den Controllern antippbare Zahlenfelder von Null bis Neun befanden. Gott weiß, wozu. Wenn die VCS der Volkswagen unter den frühen Konsolen war, dann war die Colecovision die S-Klasse. Exzellente Grafik, nur leider für uns eine Klasse zu hoch. Uns blieb nichts anderes übrig, als ihr im Kaufhaus stets aufs Neue unseren uneingeschränkten Respekt zu zollen.

Personal Computer? Graue Kästen, bei denen es weder piepte oder pixelte

Die neuen Konsolen lockten uns wieder verstärkt in die Computerabteilungen. Wir wollten sehen, was da draußen vor sich ging. Und über unsere Atari-Konsolen begann sich nicht nur der metaphorische Staub der Geschichte zu legen.

Es gab Zeiten, da standen Samstag morgens, Punkt 08.30 Uhr zur Kaufhausöffnung, wilde Meuten halbwüchsiger Schüler vor den Eingangs-Pforten, ungeduldig wartend und mit jeder Minute, die die reguläre Öffnungszeit überschritten wurde, unleidiger werdend. Und beim Öffnen der Tore verfielen sie wie vom Blitz getroffen in einen wilden Spurt, begleitet von empörten Schreien über sich nicht an die Spielregeln haltende Mitbewerber.

Das Kaufhaus wurde gestürmt, in Besitz genommen - die Rolltreppen wurden geentert, man fiel in die Untergeschosse ein, da wo die Computer und Videospiele hausten. Alles nur um vielleicht einen der Spitzenplätze an den besten Konsolen zu erhaschen, nur um die neuesten Spiele zu zocken, seine Sucht zu befriedigen.

Den Langsamen blieb nichts anderes übrig, als sich in der Warteschlange einzureihen und neidisch die Aktionen der Spieler auf den Bildschirmen zu beobachten. Es kam nicht selten vor, dass man Ewigkeiten warten musste, bis man endlich an der Reihe war. Doch die Letzten werden bekanntermaßen die Ersten sein und tatsächlich waren jene bei dem Wettlauf um die Konsolen Zuspätgekommenen die Pioniere der nächsten Spiele-Revolution, die die Revolution der Heimcomputer war.

Heimcomputer und Personal Computer

Beim Warten auf die wenigen Plätze gab es zwei Möglichkeiten: entweder man schaute den anderen beim Spielen zu oder man streunerte in der Computerabteilung herum. Das bloße Zuschauen ohne selbst die Kontrolle zu haben über die kleinen Pixelmännchen, -Autos, -Raumschiffe, etc. war einfach zu frustrierend.

So kam man praktisch zwangsläufig irgendwann mit den vielen anderen Kästen, die da noch so rumstanden, in Kontakt. Wahrscheinlich hätten wir sie sonst nie eines Blickes gewürdigt, erschienen sie uns doch eher dröge, weil sie nicht so bunte Bildchen zaubern konnten. Da piepte, pixelte und bewegte sich nichts. Das waren sie also, die "echten" Computer. Aber wir lernten schnell, dass Computer nicht gleich Computer war.

Die PCs, die damals noch voll ausgesprochen und sehr salbungsvoll "Personal Computer" genannt wurden, waren für uns völlig langweilig. Allein der Name schreckte schon ab, klang nach Büro und so gar nicht nach Spielen. Und erst ihr Äußeres! Graue Kästen mit Schwarz-weißem oder gar nur grünem Monitor-Display! Von Farbe und Sound keine Spur. Monochrom hieß das dann.

Auf einem "Personal Computer" tippte man höchstens mal gelangweilt rum und wunderte sich, wie verschieden die Tastaturen aussahen, sich anfühlten und klackten. Außerdem standen vor diesen Teilen auch immer nur alte vollbärtige Männer rum. Nein, da gehörte man nicht hin. Da wollte man auch nicht wirklich hin.

Ganz anders die Heimcomputer! Alleine schon der Name klang nach zuhause, klang nach Spaß. Heim-Computer eben. Mit denen konnte man buntere Sachen machen, da passierte auch sofort was, wenn man die einschaltete.

Ich verliebte mich in den kleinen Bruder des Commodore 64

Besonders stark in meinem Gedächtnis haften geblieben sind der ZX81-Spectrum von Sinclair, ein zu groß geratener Taschenrechner mit unbequemer Gummitastatur, bei der gerne auch mal die Taste aus dem Keyboard dem Finger hinterher sprang. Schnöde wurde er von uns als "Billig"-Computer abgestraft, hatte er doch nur wenig mehr als nur schwarz-grünes Grafiken und - wenn überhaupt - nur piepsigen dünnen Sound zu bieten (der Begriff "Spectrum-Grafik" galt später, als wir dann alle einen Heimcomputer besaßen (und da konnte es eigentlich nur einen geben), als vernichtendstes Urteil, das man über ein Spiel fällen konnte). Sein einziger Vorteil war sein geringer Preis. Doch spätestens als die 64er-Zeiten anbrachen und die Preise für den Commodore fielen, begann für Besitzer eines ZX81-Spectrum Sinclair eine harte Zeit. Es war nur vernünftig, seinen Spectrum so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Kein Mensch konnte noch verstehen, warum man freiwillig einen ZX81 besaß.

Anfangs interessierte mich der Commodore 64 gar nicht so sehr. Ein in so einem undefinierbaren (graubraunbeige?) Farbton gehaltener Kasten, der viel zu teuer war. Im Kaufhaus war er so gut wie unerreichbar, weil immer umringt von Schülermassen. Ich verstand gar nicht warum. Das dämmerte mir erst später.

Mein persönlicher Liebling unter den Heimcomputern war vielmehr sein kleiner Bruder, der VC20. Genauer gesagt war er das Vorgängermodell des C64 (was ich allerdings damals nicht wusste). Designtechnisch souverän, mit neckischen Rundungen, die die aufliegenden Handballen umschmeichelten. Das alles in schickem Hellbeige. Ein entscheidender Punkt, der allen Heimcomputern gemein war und der sie entschieden von den Personal Computern trennte: sie liefen mit irgendeiner Version von BASIC. BASIC war die damals einfachste Computersprache und ziemlich hip. Jeder Idiot konnte mindestens einen oder zwei BASIC-Befehle. BASIC hatte den Vorteil, das man mit wenigen Befehlen relativ einfach und schnell irgend etwas auf dem Computer anstellen konnte.

BASICs

Einfachstes Beispiel:

10 PRINT "Hallo"
20 GOTO 10
RUN

konfrontierte einen schon mit so Tiefgründigem wie der Unendlichkeit. Diese Befehlsfolge zauberte einen nicht enden wollenden "Hallo"-Strahl auf den Bildschirm. Heimcomputer waren simpel. PCs um einiges komplizierter. Da funktionierte gar kein BASIC-Befehl. Wir fanden einfach keinen Zugang zu diesen Geräten. Das war wohl was für Erwachsene.

Es geriet unter uns zum Sport, die Computerbildschirme mit unseren rudimentären BASIC-Kenntnissen mit irgendwelchen Wortfolgen (und meist nicht nur harmlosen "Hallos") zuzumüllen. Einziger Ausweg aus der Endlosschleife war die RUN/STOP-Taste (die Großmutter der heutigen ESC[ape]-Taste. Sie erfüllte aber denselben Zweck und befand sich damals schon ganz links oben auf der Tastatur).

Und es gab ja tatsächlich Leute (heute würde man sie wahrscheinlich DAUs nennen = "Dümmster anzunehmender User"), die das nicht wussten und verzweifelt der Unendlichkeit ins Antlitz schauten, völlig hilflos auf der Tastatur rumtippten, ohne eine Reaktion auf dem Heimcomputer zu erwirken. Wie viele Stunden brachten die Verkäufer wohl tagtäglich damit zu, von Heimcomputer zu Heimcomputer zu rennen und die Endlos-10PRINT-20GOTO-Schleifen zu stoppen. Wir haben sie damit wohl endgültig in den Wahnsinn getrieben...

Auf dem VC20 tat ich meine ersten BASIC-Schritte und war entzückt über die vielen bunten Farben, Töne und anderen faszinierenden Dinge, die man damit anstellen konnte. All die schönen Befehle: LOAD, LIST, RUN, POKE. Und erst die Fehlermeldungen! Geheimnisvoll, aber von einer bezaubernden Schlichtheit – da sprach die Maschine. Und unerbittlich und grausam konnte sie sein. Da tippte man und tippte und letztlich drückte man gespannt auf die RETURN-Taste (nein, ENTER hieß sie nur auf PCs) und alles was da blitzschnell kam, war eine zwei-Wort-Fehlermeldung. Diese Wortkargheit der Fehlermeldungen wie z.B. die eines SYNTAX ERROR?, eines LOAD ERROR und eines OUT OF MEMORY sollten einen netten Vorgeschmack bieten auf das, was da später noch aus der Microsoft-Schmiede auf einen zukam. Erstaunlicherweise haben sich die Fehlermeldungen fast kaum verändert. Von da an war mein Schicksal besiegelt: Ich wurde den Konsolen untreu und verliebte mich in einen Heimcomputer.

Und um ihn war es immer so herrlich leer, kein Mensch wollte in der Computer-Abteilung zum VC20. Ich wollte ihn unbedingt haben. Mein Bruder und ich beschlossen, uns gemeinsam einen Heimcomputer zu kaufen. Nur welchen? Ich war natürlich für den VC20. Mein Bruder wollte den C64. Letztlich machte er mal wieder das Recht des großen Bruders geltend und setzte sich durch. Das war das einzige Mal, dass ich ihm dafür später dankbar war! Und ich bin es noch heute.

GOTO C64. RUN!

Der C64, liebevoll von uns Vierundsechziger genannt, war eine großartige Sache. Was Ataris VCS 2600 auf dem Konsolensektor gewesen war, das war der C64 unter den Heimcomputern. An ihm führte kein Weg vorbei.

1983/1984 fand ein Massenexodus von der Videospiel-Konsole zum 64er statt. Zahlreiche Schüler verkauften ihre VCS, denn was der 64er konnte, stellte jedes Heim-Videospiel in den Schatten. Man hatte mit dem 64er die Konsole ja quasi inklusive. Und noch viel mehr als das.

Der Erfolg der Heimcomputer traf Atari sehr hart und war einer der Hauptgründe für sein langsames Ende (von Coleco und Mattel ganz zu schweigen). Konsolen waren out, Heimcomputer in. Zwar hatte Atari auch eine Heimcomputer-Serie von Anfang an parallel zu seiner Konsole und zeitgleich mit dem Commodore laufen, allerdings waren das eher Außenseiter-Modelle, die man kaum zur Kenntnis nahm. Und verglichen mit dem 64er waren sie Kindergeburtstag, leistungsmäßig haushoch unterlegen.

Spiele waren nun kopierbar

Man muss ehrlich sagen, dass der Spielecomputer im 64er der ausschlaggebende Anreiz war, ihn zu kaufen. Und ein ganz entscheidender Vorteil der Heimcomputerspiele gegenüber der Konsole war: Computerspiele waren nun Programme, die man auf Kassetten oder Disketten speicherte. Und der ganz entscheidende Unterschied: man konnte sie einfach kopieren! Man brauchte nun keine teuren Spielemodule mehr zu kaufen. Hatte irgend jemand das Spiel gekauft, standen schon zehn bei ihm auf der Matte, die sich die Kopien von ihm zogen.

Raubkopieren war natürlich nicht erlaubt, aber mir war fast niemand bekannt, der seine Spiele kaufte. Bei der Erklärung zu dem Massenphänomen C64 las und liest man auch immer wieder die These, dass der 64er und seine Spiele ohne die Millionen raubkopierender Schüler nicht annähernd so erfolgreich gewesen wäre, wie er es war. Die Raubkopierei hatte einen so massiven Verbreitungseffekt der Spiele zufolge, dass mit den regulär verkauften Exemplaren trotz allem immer noch ein satter Gewinn für die Spielehersteller eingefahren wurde.

Natürlich reagierten die Spielefirmen mit Kopierschutz, aber das forderte nur heraus. Es entstand eine riesige Cracker-Gemeinde. Cracker hießen damals Leute, die die Kopierschutz-Mechanismen knackten. Gecrackte Spiele hatten meistens einen ausgiebigen grafischen Vorspann, in dem sich der entsprechende Cracker nicht zu knapp selbst beweihräucherte. Es entstanden regelrechte Cracker-Berühmtheiten. "Section 8", "Excalibur" oder "Dynamic Duo" waren einige der größten.

Der 64er wurde im Paket mit einer sogenannten Datasette verkauft. Das war ein Datenspeicher, mit dem man auf gewöhnlichen Audiokassetten Daten ablegen und abrufen konnte. Wie man sich denken kann, war das ein recht langsamer und oft quälender Prozess. Zwar gab es schon ein Diskettenlaufwerk für den C64, das man salopp Floppy-Disk nannte (die legendäre 1541), aber das 1541-Diskettenlaufwerk kostete anfangs sogar noch mehr als der 64er selbst. Und die Eltern, denen die VCS-Geschichte noch unangenehm im Hinterkopf hängen geblieben war, waren sehr vorsichtig geworden und glaubten unseren Beteuerungen kein Wort, dass mit dem Erwerb der 1541 das Ende der Fahnenstange erreicht sei. So blieb einem erst einmal nichts anderes übrig, als sich mit der Datasette herumzuschlagen.

Der lange Marsch von der Datasette zur Floppy

Anfangs ging das noch. Das war sogar ganz witzig. Alleine die neue Vorstellung, dass man auf einer gewöhnlichen Tonkassette unzählige Spiele mit sich herumtragen konnte, die auf den Konsolen noch klobige Spielemodule erfordert hatten, war faszinierend, ebenso wie die piepsigen Töne, die man auf diesen Datenbändern hörte, wenn man sie auf einer Stereo-Anlage abspielte. Das war der unverfälschte Sound der Computer. Der Sound der digitalen Welt.

Mit der Datasette konnte man so lange gut leben, wie die Spiele noch einfach und nicht so umfangreich waren und in eine einzige Datei passten. Aber der Fortschritt machte auch hier nicht lange halt. Die Spiele wurden größer und komplexer und es begann der Trend, dass während des Spiels Dateien nachgeladen wurden. Mit der Datasette war das völlig ausgeschlossen, man konnte ja schlecht mitten im Spiel das Band immer hin- und herspulen. Mit seiner Datasette war man so früher oder später von den besten Spielen ausgeschlossen. Das war bitter. Wieder bildete sich eine Kastengesellschaft heraus: da waren die Bedauernswerten, die "nur" Datasette hatten und da waren die oberen Zehntausend, die sich eine Floppy leisten konnten.

Da half nichts. Wieder führte uns unser Weg in die Kaufhäuser, wo wir die 1541 bestaunten und die kurze Zeit genossen, wo wir all die nicht-Datasetten-tauglichen Topspiele spielen konnten, die jeder auf seinen Disketten wie einen Schatz immer mit sich führte. Beim Spielen blieb es aber natürlich nicht. Man kopierte auch fleißig, was im Kaufhaus eine heikle, zugleich aber hochspannende Angelegenheit war, weil natürlich strengstens verboten. Und wieder war man völlig von der Gunst der Verkäufer abhängig.

Die Floppy war die Erlösung

Während das Spielen von Raubkopien mehr oder weniger geduldet wurde, weil natürlich auch Werbung für die Rechner, wurde der Akt des Kopierens fast immer mit ausnahmsloser Härte von den Verkäufern im Kaufhaus verfolgt. Wurde man dabei erwischt, konnte man froh sein, wenn man wenigstens seine Disketten behalten durfte. Doch auf jeden Fall war man dann gezwungen, dem Verkäufer dabei zuzuschauen, wie er einem seine Spiele löschte. Das war tragisch. Es gab aber auch schwarze Schafe unter den Verkäufern, die sich bestechen ließen und sich in einem unbeobachteten Moment die Spiele selber von uns zogen. Dafür ließen sie einen dann meistens gewähren. Es war ein Geben und Nehmen. Man schlug sich durch.

Irgendwann war endlich die langersehnte Floppy 1541 erschwinglich geworden. Als dann nahezu jeder eine Floppy hatte, ging es erst richtig los. Nachdem man sich eine quälend lange Zeit mit Datasette herumgeschlagen hatte, war die Floppy wie eine Erlösung. Und die Kaufhäuser hatten erst mal wieder ihre Ruhe.

Die zweite Generation der Heimcomputer wuchs heran

Der Heimcomputer wurde zum Sublimationspunkt, zum Brennpunkt sozialer Interaktion. Man traf sich regelmäßig, tauschte die neuesten Spiele, zockte um die Wette, erzählte sich Neuigkeiten aus den zwei größten Fachmagazinen, der "Happy-Computer" oder der "64er". Der C64 war über viele Jahre das Maß aller Dinge und fester Bestandteil unserer Jugend. Wir hatten eine sagenhafte Zeit.

Die Spiele wurden besser und reifer. Mit dem Diskettenlaufwerk jetzt endlich für eine Weile zukunftssicher ausgerüstet, konnten wir beruhigt die Entwicklung der Spiele mitverfolgen. Wenn man die frühen Spiele mit den ausgereiften Vertretern der späten Jahre vergleicht, kann man fast nicht glauben, dass sie alle auf ein und demselben Computer liefen. Es war unglaublich, was die Spieleprogrammierer aus dem 64er alles herausholten.

Aber auch auf dem Heimcomputer-Markt tat sich einiges. Die zweite Generation an Rechnern wuchs heran und die hatten wesentlich mehr als der 64er zu bieten. Gerade recht für uns langsam älter werdende 64er-Gemeinschaft, die nicht mehr nur spielen wollte, sondern den Heimcomputer auch für die Schule zu benutzen wusste, z.B. um damit Referate und Hausarbeiten auszudrucken. In einem unvergleichlichen Kraftakt bäumte sich Atari noch einmal auf und brachte den 520 ST (und später den 1040 ST) heraus. Ein Meisterstück, technisch und optisch. Es war das erste Mal, dass man mit einer Maus in Berührung kam (die Apple-Rechner waren an uns vorbei gegangen). Und er hatte als erster Heimcomputer eine grafische Oberfläche, die Windows ähnelte (was wir damals natürlich noch nicht kannten, denn die IBM-PCs waren ebenso an uns vorbei gegangen). Und der ST hatte eine ganze Menge mehr als nur gute Spiele mit exzellenter Grafik zu bieten. An ihn konnte man zum Beispiel seinen Synthesizer anschließen und richtig komponieren. In der E-Pop-Synthie-Szene machte er sich schnell einen Namen als Musikcomputer.

Schluss mit lustig: Amiga gegen ST

Die Leute, die als erste die Post-C64-Ära antraten, überlegten nicht lange und sattelten auf den ST um. Viele behielten ihren 64er allerdings, von so einem Symbol trennte man sich nicht so einfach mal mir nichts dir nichts. Dennoch wurden sie von uns misstrauisch beäugt, aber auf der anderen Seite auch angesichts der unbestreitbar größeren technischen Leistungen des Atari ST beneidet. Manche wechselten früh, manche später und ganz wenige nie – entweder aus finanziellen Gründen, aus Überdruss oder aus unerschütterlicher Treue zum geliebten 64er. Und sie waren an seiner Seite, als er seinen Todeskampf gegen Ende der Achtziger antrat. Die Unerschütterlichen hielten sogar bis in die Neunziger durch.

Ataris Freude über den Erfolg des ST währte nicht lange. Wieder musste es sich seinem Erzfeind Commodore stellen, die den offiziellen Erben des C64 präsentierten: den Amiga. Er erblickte 1985 das Licht der Welt. Es gab ihn in den Modellen 1000, 500 und 2000. Am beliebtesten waren der Amiga 2000 und seine etwas preisgünstigere Variante, der Amiga 500. Von den grafischen Fähigkeiten her schenkten sich der Amiga und der Atari ST nichts. Und der Amiga heizte dem ST nochmal ordentlich ein. Die Entscheidung ST oder Amiga gerierte zu einem regelrechten Glaubenskrieg.

Allerdings merkte man dem Amiga die Hast an, mit der man ihn gegen den ST ins Feld geführt hatte. Er machte einen technisch unausgereiften Eindruck. Mehrere Abstürze pro Sitzung waren normal und man gewöhnte sich daran, ihn mehrmals aus- und wieder anschalten zu müssen. Wobei man allerdings darauf achten musste, dass man zwischen An- und Ausschalten eine Zeitlang wartete, ansonsten konnte es passieren, dass sich das Netzteil für immer verabschiedete. Mit Netzteilen hatte es Commodore ohnehin nicht so, die waren beim 64er auch gerne mal durchgeschmort. Und als wäre das nicht schon nervig genug, musste man den Amiga jedes Mal per Diskette neu booten, auch das eine Neuerung gegenüber den alten Heimcomputern. Die schaltete man einfach ein und los ging's.

Die Ära der unkomplizierten Computer war damit vorbei und wir bekamen einen Vorgeschmack auf die noch kommende PC-Ära. Doch was vor allem fehlte, war die Unbeschwertheit des C64. Von nun an ging es nur noch um technische Kraftspielchen: Wer hat die bessere Grafik, wer den schnelleren Chip, wer den größeren Speicher. Es war nicht mehr so wie früher, so wie damals mit dem 64er. Die Heimcomputer hatten ihre Jugendjahre hinter sich gelassen - und wir mit ihnen. Wir wurden alt.

Es war vorbei. Doch alles wiederholte sich

Diese zweite Heimcomputer-Welle ebbte schneller ab als die erste, hatte nicht mehr den großen Impakt des 64er-Eroberungszugs. Es gab nicht mehr nur ein einziges großes Gerät, das alle besaßen, das uns alle vereinte. Die Heimcomputer-Gemeinde war zerstreut, verlor sich in verschiedenen Gerätemodellen, wurde ernsthaft oder war der Anfälligkeit der Geräte müde.

Alles wiederholte sich, Konsolen wurden plötzlich wieder salonfähig. 1985 betrat Nintendo das Parkett und eroberte die nächste Generation Jugendlicher mit seinem Nintendo Entertainment System. Die Konsolenkriege gingen in die zweite Runde. Doch diesmal hießen die Akteure nicht mehr Atari, Coleco oder Mattel sondern Sega und Nintendo. Die uneingeschränkte Herrschaft auf dem Videospielemarkt riss Nintendo dann 1989 mit dem Gameboy endgültig an sich. Und das sollte lange Zeit so bleiben, bis sich Sony 1994 mit seinem Debüt auf dem Videospielesektor, der Playstation, mit einem Schlag an die Spitze setzte.

Die dritte Runde der Konsolenkriege wurde jetzt gerade eingeläutet: XBox gegen PS2. Und Nintendo will mit dem Gamecube seinen alten Führungsanspruch auch wieder geltend machen.

Wir setzten aus, ich für meinen Teil hatte mit dem Ende der Achtziger auch meinen Amiga verkauft und wollte erst mal nichts mehr mit Computern zu tun haben, entwickelte gar eine ausgesprochene Computer-Phobie. Ich ließ mich lange bitten, bis ich im Jahr 1993 als verlorener Sohn heimkehrte und endgültig beim PC ankam. Der Rest ist Geschichte.