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E-Sport: Volkssport am Rechner

Computerspieler nennen sich nun E-Sportler und treten zu Hunderttausenden gegeneinander an - in Vereinen, Ligen und jetzt bei der Europameisterschaft. Sogar Betriebssportgruppen am PC gibt es.

Von Carsten Görig und Sven Stillich

Die Zuschauer halten den Atem an. Der ganze Saal fixiert die Leinwand. Darauf schleicht ein Team von Soldaten vorsichtig durch eine Wüstenstadt. Das Publikum sieht die Szene durch die Augen eines der Kämpfer, seine Waffe ragt ins Bild, als würden die Zuschauer sie in der Hand halten. Der Soldat lauert, das Publikum wartet. Dann plötzlich gerät ein Terrorist ins Visier. Ein Schuss fällt, Jubel bricht los im Hamburger Kongresszentrum CCH. An anderen Abenden singt hier Reinhard Mey, heute wird das Computerspiel "Counter-Strike" geboten, vor 2000 Zuschauern und vor weiteren Zehntausenden, die live im Inter-­ net mitfiebern.

Sie wollen ihre Lieblingssportler sehen, denn für sie ist Counter-Strike kein Spiel mehr, sondern Sport. Die Athleten sitzen ein Stockwerk unter der Bühne in einem kargen Raum an ihren Computern. Von hier aus wird das Spiel auf die Leinwand übertragen, hier werden die Spielfiguren gesteuert. In Counter- Strike treten zwei Mannschaften aus je fünf Spielern gegeneinander an: Die einen ver-­ suchen, an einem bestimmten Punkt einer virtuellen Landkarte eine Bombe zu legen, die anderen müssen das verhindern. Gerade will das Team "Mousesports" den entscheidenden Treffer landen gegen die "A-Losers", die im Raum nebenan spie-­ len. Junge Männer sitzen in einer Reihe vor ihren Monitoren, die linke Hand auf der Tastatur, die rechte auf der Maus. "Stopp - lasst mich mal vorgehen", flüstert Franz Burghardt von Mousesports und lässt sei-­ nen PC-Soldaten um eine Straßenecke lin-­ sen.

Das Spiel baut ihnen Brücken

Die anderen warten. "Vorsicht!", ruft Mitspieler Tim Hochgrebe. Der Gegner greift an, Schüsse ertönen, zehn Sekunden später ist alles vorbei: Mousesports hat ge-­ wonnen, das Team klatscht sich ab. Tim Hochgrebe sagt, Counter-Strike habe mit Gewalt und Töten und der Verrohung der Jugend gar nichts zu tun. Auch wenn Politiker und Medien nach je-­ der schockierenden Bluttat Jugendlicher Counter-Strike mitverantwortlich machen. "Quatsch", sagt der 23-Jährige. "Es geht uns um Strategie und um Teamgeist. Wenn ich spiele, bin ich eben die Waffe, so wie ich beim Hockey der Schläger war." Bis zu einer Verletzung hat er in der zweiten Bundesliga Hockey gespielt.

"E-Sport", elektronischen Sport, nennen Spieler und Fans die Wettkämpfe am PC - und sie wünschen sich die Anerkennung als gleichberechtigte Sportart. In je-­ der deutschen Stadt und in jedem Dorf treffen sich am Wochenende Jugendliche (meist Jungen, kaum Mädchen), um am Computer gegeneinander anzutreten - zu Hause gegen die besten Freunde, in Jugendtreffs gegen die Besten des Stadtteils oder in Turnhallen gegen viele Hundert.

Deutsche, Türken, Gymnasiasten, Hauptschüler, Arbeitslose: Das Spiel baut ihnen Brücken. Meist schließen sich die Spieler in "Clans" zusammen - was nichts anderes meint als Vereine, aber cooler klingt. Nicht alle Clans spielen Counter-Strike, viele trainieren PC-Fußball, virtuelle Au-­ torennen oder Strategiespiele. Mehr als 40.000 Clans soll es hierzulande geben, be-­ hauptet der Deutsche E-Sport-Bund, mit rund 1,5 Millionen Spielern. Allein in der größten Computerspiele-Liga, der "Electronic Sports League" (ESL), sind rund 700.000 Spieler aktiv. Zum Vergleich: Der Deutsche Handballbund zählt 830.000 Mitglieder und 33.000 Mannschaften. Die Computerspiele sind mitten in der Gesellschaft angekommen: Vor vier Jahren gründeten drei junge Männer in Düssel-­ dorf einen Clan, der nur aus Mitarbeitern der altehrwürdigen Bundesbank besteht.

Vom Zettel zur Sportgruppe

Vom Zettel am Schwarzen Brett ("Suchen noch Mitspieler") haben sie es bis zur Gründung der "E-Sports-Gemeinschaft der Angehörigen der Deutschen Bundesbank" geschafft. Heute treten 80 Mitglieder aus Standorten im ganzen Bundesgebiet als Clan "BBK E-Sports" bei Autorenn-, Strategiespiel- oder Counter-Strike- Turnieren auf. Frank Eichler, 28, Dirk Rafelt, 34, und Matthias Müller, 34, sind sehr stolz darauf, dass es ihnen gelang, sich als Betriebssport neben Wandern, Fußball und Rückengymnastik zu etablieren. Die Banker haben inzwischen sogar einen Internetshop mit Fanartikeln. (Lesen Sie auch das Interview mit den BBK-Sportlern: "Der Spiele-Clan der Bundesbank", links im Kasten.)

In Sachen Kommerzialisierung hat E-Sport schnell mit den ganz großen Sportarten gleichgezogen. E-Sport wird als Trendsport vermarktet wie Skaten oder Snowboarden. Die Veranstaltung im Hamburger Kongresszentrum heißt nach dem Chiphersteller "Intel Friday Night Game", auch Fujitsu Siemens wirbt vor Ort um die junge, kaufkräftige und technikbegeisterte Zielgruppe

Und der Sportartikler Adidas sponsert die deutsche E-Sport-Fußbalnationalmannschaft, die übrigens Weltmeister ist. "Weil sich beinahe jeder Jugendliche aktiv oder passiv mit Computerspielen befasst", erklärt Oliver Brüggen von Adidas. Mehr als 20 Millionen E-Sportler will der Konzern in Europa erreichen. In Ligen wie der E-Sport-Bundesliga, in der Digital- Fußball gespielt wird, heißen sogar gan- ze Mannschaften "Arcor", "Easyjet" oder "Cinestar", die jeweiligen Spieler werden von den entsprechenden Unternehmen bezahlt. Sogar der Fußballverein Hertha BSC Berlin leistet sich in dieser Liga ein Team.

Studium finanzieren als E-Sport-Profi

Auch die einzelnen Clans haben Sponsoren, Mousesports zum Beispiel den Elektronikhersteller BenQ. Alle im Team tragen Kleidung von Kappa - dank eines Exklusivvertrags. "Im Gegensatz zu Hockey lohnt sich Counter-Strike auch finanziell", sagt Tim Hochgrebe. Sein Verein zahlt ihm ein monatliches Gehalt im vierstelligen Bereich: "Wenn wir gewinnen, komme ich in guten Monaten auf 6000 Euro." Er finanziert so sein Studium. Bei den Deutschen Meisterschaften der ESL sind 170.000 Euro an Preisgeldern zu holen, kein ungewöhnlicher Betrag.

Tim Hochgrebe sitzt hinter der Bühne in der Maske und wird gepudert, weil er gleich Siegerinterviews geben muss fürs Fernsehen - vor einer Wand mit Sponsorenlogos. Das Match in Hamburg überträgt live der Jugendsender Giga, eine Art Deutsches Sportfernsehen für Fans digitaler Spiele: Rund um die Uhr berichtet der Kabel- und Satellitensender über wichtige Begegnungen, neue Produkte und Entwicklungen in der Szene. Doch abgesehen davon tut sich das Fernsehen noch schwer mit dem E-Sport. MTV zeigt zwar inzwischen kurze Zusammenfassungen der Fußballspiele in der E-Sports-Bundesliga, die in einem Berliner Kino stattfinden - aber die großen privaten und öffentlich-rechtlichen Sender ignorieren das Thema.

Anderswo haben es die E-Sportler leichter. In Südkorea zum Beispiel werden sie wie Stars angehimmelt, große TV-Sender berichten von den Turnieren. In China ist ihr Hobby bereits seit 2003 eine vom Nationalen Olympischen Komitee und dem Sportverband anerkannte Sportart.

Immerhin: Die E-Sport-Europameisterschaft wurde gerade in Leipzig auf der weltgrößten Videospielmesse Games Convention ausgespielt, sie heißt offiziell "European Nations Championship". Und es wird sogar eine Art Olympische Spiele geben: Die World Cyber Games finden 2008 in Köln statt, das sich unter anderen gegen Peking, Shanghai und Stockholm als Austragungsort durchgesetzt hat. 800 Sportler aus 80 Nationen treten dann am Rhein gegeneinander in virtuellen Autorennen an, in digitalem Fußball - und in Counter-Strike. "Unsere Stadtverwaltung hat enorme Anstrengungen unternommen, um dieses weltweit wichtigste E-Sport-Event in die Domstadt zu holen", sagt der Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma, "und wir freuen uns sehr."

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