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Festplatten: Heiße Scheibe

Vorbei die Zeiten, in denen die Festplatte nur ein stiller Mitläufer war - neue Funktionen rücken sie ins Zentrum des digitalen Alltags. Das Einheitsgrau des Gehäuses weicht poppigen Farben und Formen, selbst Porsche mischt im lukrativen Geschäft mit.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Es gibt kaum einen besseren Vorzeigekandidaten für "Moore's Law" - die atemberaubende Geschwindigkeit, in der Technik voraneilt - als die unscheinbare Festplatte: Die erste ihrer Art, entwickelt vor gut 50 Jahren von IBM, wog eine Tonne, kostete ein Vermögen und konnte auf ihren 50 Magnetscheiben gerade mal fünf Megabyte an Daten unterbringen. Das würde mit Mühe für einen durchschnittlich langen MP3-Song oder eine Handvoll Digitalfotos reichen. Wahlweise.

Heute passt selbst auf winzige "Microdrives" ein Vielfaches, und PC-Festplatten haben bereits die Terabyte-Grenze durchbrochen: eine Million Megabyte - genug für eine ganze Bibliothek an Büchern. Oder auch 200.000 MP3s, die zwei Jahre lang pausenlos Musik machen könnten. Ein Ende ist nicht in Sicht, auch dank des deutschen Physikers Peter Grünberg, der vorige Woche gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Albert Fert den Nobelpreis erhalten hat. Die beiden Forscher entdeckten unabhängig voneinander ein Phänomen, das es erlaubt, Daten immer dichter auf den rotierenden Scheiben unterzubringen. Experten erwarten, dass sich die Kapazität herkömmlicher Festplatten mühelos noch um das Zehnfache steigern lässt.

2006 verkauften sich 400 Millionen Festplatten

"In fünf Jahren haben wir alle mindestens zwei Terabyte an Speicherplatz zu Hause", sagt Bill Watkins voraus, Vorstandschef des weltgrößten Festplatten-Herstellers Seagate. Er setzt darauf, dass der Bedarf ungebremst weiter wächst, weil der Alltag digital wird und sich täglich neue Daten ansammeln: Dokumente, Musik, Programme, Filme - Heimvideos genauso wie solche aus dem Internet. Die Verkaufszahlen scheinen ihm recht zu geben. Schon im vorigen Jahr gingen weltweit 430 Millionen Festplatten über den Ladentisch; bis 2011 sollen es 700 Millionen werden, schätzt der Marktforscher Trendfocus. Besonders stark wächst die Nachfrage nach externen Geräten, weil die Sammelleidenschaft vieler PC-Nutzer die interne Datenhalde schnell zum Überlaufen bringt. Die Hersteller, denen ein Geschäft von über 30 Milliarden Dollar im Jahr winkt, könnte das freuen - wenn die Preise nicht schneller purzeln würden als Laubblätter im Herbstwind. Festplatten mit 500 Gigabyte Speicherplatz sind heute mühelos schon für 100 Euro zu finden; vor wenigen Monaten kosteten sie noch das Doppelte. Watkins schiebt das auf "Konkurrenten, die sich auf aberwitzige Preiskämpfe einlassen", um Marktanteile zu gewinnen. Seagate hat sich zur Stärkung im vorigen Jahr den Rivalen Maxtor einverleibt und liegt nun laut Marktforscher iSuppli mit knapp 35 Prozent auf Platz eins, gefolgt von Western Digital mit 20 Prozent und Hitachi (17 Prozent).

Design von Porsche gegen das Einheitsgrau

Im Gerangel um die Geldbeutel der Kunden setzen die Hersteller zunehmend auf Extras, die aus ihrer biederen Massenware ein Lifestyle-Produkt machen sollen. Das beginnt schon beim Gehäuse: Designer-Kleider ersetzen bei externen Festplatten immer öfter das graue Einerlei aus früheren Tagen - LaCie etwa lässt bei Porsche schneidern, Seagate heuerte Frog Design an, und Western Digital landete einen Hit mit seiner "My Book"-Serie, deren Äußeres an Bücherrücken erinnert. "Mit externen Festplatten lässt sich noch Geld verdienen", erklärt Roger Kay, Präsident der Unternehmensberatung Endpoint. "Wenn die Platte in einem Gehäuse steckt, das schick aussieht, sagen viele Leute: 'Oh, das muss wohl mehr wert sein.'" Zusätzlich locken Software-Dreingaben - vorneweg Programme, die es kinderleicht machen sollen, Sicherheitskopien anzulegen. "Auf einfache Bedienung kommt es an, das ist das Ein und Alles, damit die Menschen die Software tatsächlich nutzen, um ihre Daten zu sichern", sagt Seagate-Produktmanager Brian Dexheimer. Deshalb liefert die Firma bei ihren neuen Maxtor "OneTouch 4"-Festplatten das Programm "Safety Drill" mit, das verspricht, die lästige Arbeit weitgehend zu automatisieren. Obendrein - auch das liegt im Trend - lassen sich die Daten verschlüsselt speichern. "So kann niemand Ihre Festplatte knacken und sich Zugriff zu Ihren Informationen verschaffen", sagt Dexheimer. "Datenschutz bedeutet mehr, als nur Sicherheitskopien anzulegen."

Fast niemand denkt an Datenverlust

Besonders bei kleinen, tragbaren Festplatten, die ähnlich leicht in falsche Hände geraten können wie Laptops, mache diese Funktion Sinn, sagt auch Roger Kay. "Wenn die Platte abhanden kommt, ist sie wenig mehr als ein wertloser Klumpen", sagt er. "Niemand kommt an die Daten heran" - sei es E-Mail, Briefe vom Finanzamt oder Kontoauszüge, die Fremden dazu dienen könnten, Schaden anzurichten. Allerdings, so glaubt der Analyst, müsse vielen Menschen erst klar werden, dass sie Zusatzfunktionen wie Kopiersoftware und Verschlüsselung überhaupt brauchen. "Da gibt es noch viel Erklärungsbedarf", sagt Kay. "Die meisten Menschen denken gar nicht an Datenverlust, bis etwas passiert." Selbst wenn die Gefahr heute viel größer sei als noch vor wenigen Jahren. "Früher konnte man seine Erinnerungsstücke verlieren, wenn das Haus abbrannte - heute reicht ein simpler Festplatten-Crash."

Dennoch scheint der Trend, alles rund ums digitale Leben auf einer großen Scheibe abzulegen, unaufhaltsam. Und "Home Media Server", die das ganze Haus mit Filmen, Musik und Fotos versorgen sollen, brauchen mehr Speicherplatz, als andere Technologien bieten können. "Flash"-Speicher, ursprünglich vor allem in Digitalkameras zu finden, verdrängt die Festplatte zwar zunehmend auch aus anderen Geräten, von Musikspielern wie dem iPod bis hin zu ultraleichten Laptops, ist aber vergleichsweise teuer und derzeit auf maximal 32 Gigabyte begrenzt. In einigen Jahren, spekuliert Seagate-Chef Watkins, "wird der Markt unter 50 Gigabyte dem Flash-Speicher gehören - bei allem, was darüber hinausgeht, hat die Festplatte weiter die Nase vorn".

Unterhaltungszentrale im Wohnzimmer

Am liebsten würde Watkins seine bisher eher schlichten Scheiben zur Unterhaltungszentrale im Wohnzimmer machen. "Wir spielen mit dem Gedanken, Inhalte gleich mitzuliefern", sagt er. Die Idee ist simpel: Fernsehsender oder Hollywoodstudios könnten ihre Shows und Filme auf Festplatten anbieten, die verschlüsselt sind - und Käufer, die Interesse haben, müssten die Kreditkarte zücken, um das Unterhaltungsangebot, das schon auf der Platte gespeichert ist, zu nutzen. Der Vorteil gegenüber DVD und Internet-Download-Diensten: keine Umwege, keine Wartezeit. "Ich glaube nicht, dass Menschen sich künftig noch die Regale mit DVDs voll stellen werden", sagt Watkins. "Es wird darum gehen, ihnen ein Gerät zu verkaufen, auf dem bereits alles gespeichert ist - und dann wird es heißen: 'Die Inhalte verkaufen wir extra.'" Ob der Plan aufgeht oder nicht - sicher ist: Auch nach über 50 Jahren hat die Festplatte keine Chance auf Ruhestand; sie bleibt am Rotieren.

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