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Gaming: "Computerspiele waren immer Kultur"

Orks und Musik: Mit "World of Warcraft" und der "Guitar Hero"-Serie hat der weltgrößte Videospieleverlag Activision Blizzard zwei Riesenerfolge zu verbuchen. Im stern.de-Interview spricht Europa-Chef Jörg Trouvain über Spieletrends, Games als Kulturgut - und das Ende der Games Convention in Leipzig.

Seit vergangener Woche ist es offiziell: Auch in unserem Land dürfen Computerspiele als Kultur gelten. Das hat der Deutsche Kulturrat entschieden. Herr Trouvain, Sie sind also Kulturschaffender. Hätten Sie damit noch gerechnet?

Für mich waren Computerspiele immer Kultur. Inzwischen sind sie zu einem Leitmedium geworden und als solches auch akzeptiert. Die Spiele haben sich über die Jahre weiterentwickelt wie auch der Markt. Früher waren die Zielgruppen eher klein, jetzt ist Computerspielen ein Massenphänomen. Und in den Inhalten der Spiele steckt jede Menge Kreativität. Also ganz klar: Das ist Kultur.

Über die Inhalte wird ja besonders in Deutschland viel diskutiert. Aber auch die Grundprinzipien der Spiele sind seit vielen Jahren dieselben. Da gibt es beispielsweise den Shooter oder das Geschicklichkeitsspiel, die funktionierten immer gleich. Steckt da doch nicht so viel an Kreativität drin?

Unsere Aufgabe ist, die Menschen zu unterhalten. Wenn man die Spiele von "Pong" bis zum Beispiel "Guitar Hero" betrachtet, dann sieht man sehr wohl Veränderungen. Außerdem bin ich gar nicht sicher, ob man das Rad immer neu erfinden muss. Früher als Kids haben wir vor dem Spiegel Luftgitarre gespielt, heute macht man das halt mit der Spielkonsole. Und wenn man will, kann man sogar mit der ganzen Familie auf simplifizierte, aber auch sehr einfach zugängliche Art Musik machen. Also wenn das keine Weiterentwicklung ist.

Warum wiederholen sich so viele Spielideen und werden mit Fortsetzungen ausgeschlachtet?

Natürlich gibt es Themen, die gewünscht werden, und die wir dann verbessern und mit neuen Inhalten füllen. Das macht der Film, der schon immer als Kulturprodukt angesehen wurde, nicht anders. Man denke nur an Serien wie James Bond.

Dieses Orientieren an der Masse ist vielleicht auch ein Zeichen, dass etwas in der Kulturindustrie angekommen ist.

Spielen ist ganz eindeutig ein Massenphänomen. Ich gehe sogar so weit zu sagen: Was Fernsehen für das letzte Jahrhundert war, das ist Computerspielen für dieses Jahrhundert. Damit ist es für mich Leitmedium, also Kultur.

Was ist für Sie zurzeit der wichtigste Trend bei Videospielen?

Ganz klar: Musik. Im Vergleich zu den USA ist Europa noch weit zurück, was den Erfolg von Musikspielen angeht. Aber wir holen jetzt auf.

Worin unterscheiden sich die USA und Europa im Spielerverhalten?

Wir haben einen anderen "Plattform-Mix" als die USA. Wer in Europa gewinnen will, muss auf den Nintendo-Geräten Wii und DS sowie auf dem PC gewinnen. In den USA geht es vor allem um die Xbox 360 und die Playstation 3. Der Trend zum Casual Gaming, zum einfachen Zugang zu Spielen und zum gemeinschaftlichen Spielen ist in Europa sehr stark. Den hat Nintendo mit seinen Konsolen clever kreiert und genutzt. Dem tragen wir Rechnung.

Gemeinsam spielen kann man ja auch online ...

Ein weiterer Trend in Europa ist tatsächlich das Online-Spielen. Die Akzeptanz ist sehr hoch.

... höher als in den USA?

Ja, das liegt aber auch daran, dass das größte Multiplayergame, "World of Warcraft", nun mal auf PCs gespielt wird, die in Europa als Spieleplattform verbreiteter sind als in Übersee. Der Trend schwappt aber langsam auch auf die Konsolen über.

Der Trend zu Casual Games, also zu einfachen Spielen mit kurzer Dauer, zeichnet sich ja auch unabhängig von Neuentwicklungen wie Nintendos Wii ab. Wer schon länger spielt, wundert sich, dass heute altes Zeug wieder populär wird, das sich im Prinzip seit Jahren nicht verändert hat. Woher kommt das?

Die Spiele sind schon deshalb anders als früher, weil sich der Zugang wesentlich vereinfacht hat. Allein durch moderne Eingabegeräte wird alles viel einfacher, nehmen wir einen Controller in Form einer Gitarre für ein Musikspiel. Oder eine Kamera, die Bewegungen ins Spiel übernimmt. Wenn man sich im Vergleich einen Hardcore-Strategiespieler anschaut, der seine Tastenkombinationen beherrscht wie ein Klavierspieler, dann sieht man, dass der Zugang zu Spielen viel leichter und vielfältiger geworden ist als früher.

Sie sind seit 14 Jahren in der Videospielbranche. Wenn Sie diese Zeit Revue passieren lassen: Ist die Industrie jetzt auf einem Stand, wie Sie ihn immer erwartet hätten?

Insgesamt bin ich zufrieden mit der Entwicklung der Branche. Die Industrie wächst seit Jahren jährlich zweistellig. Und es ist schön zu sehen, dass das Thema interaktive Unterhaltung immer mehr Akzeptanz erfährt. Ich finde außerdem, dass Spielen schlau machen kann. Man konsumiert nicht passiv, sondern muss komplexe Aufgaben lösen.

Spielen Sie eigentlich selbst? Vielleicht, um die Konkurrenz zu beobachten?

Gelegentlich spiele ich. Aber wir haben natürlich Experten, die sich intensiv mit dem Markt beschäftigen. Und wenn man so lange in der Branche ist wie ich, entwickelt man auch ein Gespür dafür, welche Trends sich gerade entwickeln, welche Produkte funktionieren.

Mischen Sie sich auch unters Messevolk, hier auf der Games Convention?

Tatsächlich werde ich am Samstag, wenn die meisten Besucher kommen, an unserem Stand sein, und zwar ohne Anzug und Krawatte. Dann gucke ich genau hin: Wo stehen die Menschenmassen? Wann kommt man schon einmal so nah an seine Kunden heran? Es gibt natürlich Marktforschung, aber das ist doch etwas anderes als der direkte Kontakt.

Die Games Convention zum letzten Mal in Leipzig. Was sagen Sie dazu?

Zunächst müssen wir alle den Organisatoren ein großes Dankeschön aussprechen. Hier wurden wir mit offenen Armen empfangen, als andere Messestandorte die Spielebranche nicht haben wollten. Und es hat sich fantastisch entwickelt. Dieses Jahr ist mit 200.000 Besucher zu rechnen, das ist super. Allerdings haben sich der Markt und die Rahmenbedingungen mit der Zeit auch verändert.

Jetzt kommt also das "Aber" ...

Ich sehe das Ganze inzwischen von einem europäischen Standpunkt. Es gibt eine Messe in Deutschland, dann ist in Frankreich die IDEF, und in Großbritannien machen einige Hersteller eigene Events. Wir brauchen aber eine zentrale europäische Leitmesse. Wo immer die dann sein würde. Für uns als Publisher ist es wichtig, einmal im Jahr Handel und Presse zusammenzubringen. Beim Endverbraucher sieht das schon anders aus.

Wie meinen Sie das?

Ich halte es für immer schwieriger, die Spieler alle an einem Ort zu versammeln, weil die Produkte immer unterschiedlicher werden und verschiedene Zielgruppen haben. Wir müssen uns fragen, wo wir unsere Kunden abholen. Mit einem Gitarrengame muss ich eigentlich zu "Rock am Ring". Die Frage ist: Was ist die Zukunft der Consumer-Ansprache? Das sind, glaube ich, eher einzelne gezielte Veranstaltungen als ein großes Event.

Interview: Ralf Sander