Robbie Bach "Wir wollen eine Milliarde Menschen zum Spielen bringen"


Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft läutet Microsoft mit einer neuen Konsole die nächste Videospielgeneration ein. Im stern-Interview spricht Xbox-Chef Robbie Bach über seine Pläne, Wünsche und Visionen.

Mr. Bach, ihre Xbox 360 steht ab 2. Dezember bei uns im Laden. Microsoft hatte es sehr eilig, die erste Spielkonsole der neuen Generation zu liefern – und damit einen klaren Vorsprung vor der Konkurrenz zu haben: Vor Nintendo und vor Sony, denn deren "Revolution" und Playstation 3 kommen erst im nächsten Jahr. Im Spielemarkt ist viel Geld zu holen, und wenn wir jetzt fragen würden, ob Sie Marktführer werden wollen, sagen sie bestimmt ja.

Klar wollen wir Marktführer werden. Wir wollen die Größe der Industrie verdoppeln und eine Milliarde Menschen zum Spielen bringen, das ist unser Ziel. Zurzeit verkauft die Branche in einer Generation 150 Millionen Spielkonsolen, und wenn eine Konsole zwei oder drei Leute erreicht, haben wir zurzeit rund 400 Millionen Kunden. Wenn Sie eine Milliarde Konsumenten wollen, müssen sie 400, 500 Millionen Konsolen verkaufen in einer Generation. Und daran werden wir hart arbeiten.

Das klingt ambitioniert. Aber wie wollen Sie das schaffen? Mit Ihrer alten Xbox hat das eher nicht geklappt. An was mag das gelegen haben?

Die erste Xbox war für niemand anderen als für die Hardcore-Spieler gemacht. Sie war schwarz und riesig, sie sollte so weit weg sein von Windows und dem PC wie nur irgend möglich – schließlich mussten wir als Microsoft in der Spieleindustrie erst einmal einen Platz erobern. Es gab sogar Spiele zum Start der Xbox, die wir nicht auf den Markt gebracht haben, weil sie zu "casual" waren, zu sehr für Kids, zu wenig für Hardcore-Spieler. Nun haben wir uns in dem Markt behauptet, und in Zukunft versuchen wir, Neues zu entwickeln, das auch Menschen interessiert, die eigentlich nicht spielen. Das fängt schon beim Design an.

Schick ist sie ja, die Box.

Danke. Wir wollen, dass "diese Box" auch ihrer Freundin gefallen soll.

Fragt sich, was sie damit anfangen soll. In den ersten Tagen der Xbox 360 gibt es nur Action oder Sportspiele, reine Männerspiele – nichts, was viele Frauen, Nichtspieler oder gar nichtspielende Frauen interessieren könnte… Wie wollen sie die zum Spielen bringen?

Hey, das ist eine spannende Frage. [geschickte Pause] In der ersten Zeit wenden wir uns natürlich an diejenigen, die jetzt schon spielen. Aber das Konzept "Spielen" wird breiter werden müssen. Sie könnten zu Recht fragen: Wo sind die Liebesgeschichten, wo ist die Comedy im Videospiel - aber das sind Dinge, die kommen werden, da bin ich sicher. Die Branche braucht Zeit. Denken Sie an Handys: Die haben auch nicht als Massenprodukt ange-fangen, die waren erst für Geschäftsleute, die mit ihrem Büro oder mit Business-Partnern in Kontakt sein mussten – heute haben mein selbst Sohn und meine Tochter ein Handy. Das Gleiche wird in der Videospiel-Industrie passieren: Es wird beginnen in der Kernzielgruppe, dann wird es breiter werden durch neue Ideen und neue Angebote. Es wird zum Beispiel Spiele geben, die wie Fernsehserien funktionieren. Da kaufen Sie im Laden nur die erste Folge, und wenn die ihnen gefällt, gibt es online mehr davon für nur ein paar Euro. Aber das ist ein Prozess, das passiert nicht nächsten Freitag, wir legen nur die Fundamente. Und in fünf oder sechs Jahren sollten wir ein Spiel haben, das so beliebt ist wie "Sex in the City".

Erst einmal locken Sie Gelegenheitsspieler mit Mini-Spielchen.

Sie meinen "Xbox Live Arcade". Das sind Puzzle-Spiele oder kleine Spiele für Zwischendurch, die man über die Xbox 360 spielt – und von denen man sich immer wieder neue herunterladen und kaufen kann. Niemand wird sich deswegen unsere neue Konsole kaufen, aber wenn Sie sich eine zulegen, haben sie etwas für jeden in der Familie. Wer viel spielt, bekommt seine Spiele, wer nur gelegentlich spielen will, findet dort ebenfalls etwas für sich. Das ist ein erster Schritt für uns in die Richtung, die ich gerade skizziert habe. Spiele wie die auf unserer "Arcade" gibt es bereits online auf unserer "Gamezone" bei MSN – und mehr als 65 Prozent der Spieler dort sind Frauen, das Durchschnittsalter liegt bei über 40 Jahren. Das ist ein völlig anderes Publikum, und das müssen wir begeistern, wenn die Branche wachsen soll.

Wie groß ist die Rolle, die ihr Online-Dienst "Xbox-Live" dabei spielen soll?

"Xbox Live" ist für uns immens wichtig. Sie können gegen eine Gebühr von rund 60 Euro im Jahr über unser "Live"-Netzwerk mit anderen spielen, die irgendwo auf der Welt leben, und dabei mit ihnen reden. Sie können neue Freunde finden. So schnell wie möglich wollen wir eine Videokamera herausbringen, dann können Sie sich beim Spielen auch noch sehen oder nur so miteinander reden: Ihre Frau kann dann Videochat mit ihren Freundinnen machen, während Sie sich Trailer und Demos von neuen Spielen herunterladen und sich Zu-behör zu ihren Spielen kaufen – das Logo ihrer Lieblingsmannschaft zum Beispiel.

Dort soll also ein Marktplatz entstehen, der Microsoft Geld bringt.

Woran nichts verwerflich ist. Den "Xbox Live Marktplatz" zu betreten soll sein wie am Sonntag in die Stadt zu gehen: Es gibt da virtuelle Autotuningteile für 49 Cent oder einen neuen Hut für einen Spielecharakter - das sind alles nur kleine Umsätze, aber es könnte zusammengenommen ein gutes Geschäft sein.

Eine Art Kaufhaus für virtuelle Güter. Und das soll funktionieren?

Davon gehe ich aus. Aber das ist nur der Anfang. Es wird beginnen wie Amazon – aber es wird Ebay werden. Es wird sich entwickeln von einem Geschäft, das Dir etwas verkauft zu einem Markt, in dem jeder verkaufen kann: Dinge, die man selbst gekauft hat oder selbst hergestellt hat. Das heißt, dass jemand, der nicht einmal ein großer Spieler ist, dort zum Beispiel selbst gemachte T-Shirts zu Videospielen verkaufen kann, weil er gut darin ist, die zu gestalten. Das wird nicht gleich passieren, aber in ein paar Jahren, wenn sich da viele Leute tum-meln, dann wird es soweit sein. Und wir stellen die Infrastruktur zur Verfügung.

Und bis dahin soll die Xbox 360 ihren festen Platz im Wohnzimmer erobert haben. Als Spielkonsole und Online-Supermarkt, als DVD-Player und als Abspielstation für Musik und Filme, verbunden mit dem Rest der Microsoft-Welt, mit dem Windows-PC im Arbeitszimmer zum Beispiel.

Ich habe 1200 digitale Fotos auf meinem PC, aber der steht im ersten Stock in einem Raum, in dem meine Kinder ihre Hausaufgaben machen. Niemand schaut sich jemals diese Fotos an. Ich habe einen großen HD-Fernseher – und genau da möchte ich meine Fotos sehen, und Xbox 360 lässt mich das machen, ich klinke sie ins Netzwerk ein, und los geht’s – so soll das sein. Das war das erste Mal, dass meine Frau gesagt hat: So ein Gerät möchte ich gerne haben.

Wenn sie 300 oder 400 Euro dafür ausgeben wollen.

Für viele Angebote, über die wir geredet haben, gilt natürlich: Würden sie sich wegen einem davon eine Xbox 360 kaufen? Wahrscheinlich nicht. Aber in der Kombination haben wir ein großes Portfolio, aus dem sich alle etwas aussuchen können. Und: Das ist ein guter Preis. Wissen sie, wir haben in Europa in Sachen Preisgestaltung sehr viel gelernt. Es war sehr komplex, den richtigen für die erste Xbox zu finden. Das war damals unser erstes Produkt mit einem Euro-Preis, und niemand bei uns wusste, was die Xbox in Euro kosten sollte. Wir mussten lernen, dass 479 Euro damals nicht der richtige Preis war.

Und wenn 400 Euro auch der falsche Preis ist?

Ich spekuliere nicht, ich arbeite. Ich spüre jeden Tag den Druck. Und das ist gut so.

Das Interview führte: Sven Stillich

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