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SCHEIBE: Digitale Namenskunde

Ein Name, ein Mann, ein Wort. Ach wenn es doch nur so wäre. Lange Jahre habe ich benötigt, um darüber hinwegzukommen, was Central Point mit meinem Namen angestellt hat. Da kommt plötzlich die Deutsche Post daher und reißt alte Wunden wieder auf.

Ein Name, ein Mann, ein Wort. Ach wenn es doch nur so wäre. Lange Jahre habe ich benötigt, um darüber hinwegzukommen, was Central Point mit meinem Namen angestellt hat. Da kommt plötzlich die Deutsche Post daher und reißt alte Wunden wieder auf. Und das in digitalen Zeiten.

Mit dem Wort »Scheibe« lässt sich allerhand Unfug treiben

Wenn man einen Nachnamen wie »Scheibe« hat, muss man als Kind in der Schule ganz schön leiden. Es ist erstaunlich, wie viele unfeine Wörter man bilden kann, wenn man nur den Buchstaben »b« mit ein bisschen Fantasie gegen andere Zeichen aus dem Alphabet austauscht. Aber nach einiger Zeit ist es so, wie Kai Pflaume immer sagt: Er kenne inzwischen keinen Witz mehr, der nicht über seinen Namen schon irgendwann einmal gerissen wurde. Auch ich bin mit der Zeit abgebrüht, zumal sich Erwachsene nicht mehr ganz so gerne auf das niedere Niveau von Pennälern herablassen, die Namen zu Pfuiworten verdrehen.

»Dear Mister Schei...«

Das dachte ich, bis ich es mit Central Point zu tun bekam. Manche Veteranen des DOS-Promptes erinnern sich vielleicht noch an das Unternehmen. Das war die amerikanische Firma, die die »PC Tools« programmiert hatte. Sie wurde später von Symantec aufgekauft, die damit den stärksten Konkurrenten für ihre »Norton Utilities« vom Feld fegten. Ich hatte damals eine Vollversion der Software legal erworben (hört, hört!) und bekam in der Folge regelmäßig Infopost aus den USA. Dafür, dass die Amerikaner das Esszett (ß) gar nicht im Alphabet haben, gingen sie doch sehr spendabel damit um. Alle Briefe gingen an »Dear Mister Scheiße...«

Die Amerikaner lieben das »ß«

Ich weinte einige Male vor Verzweiflung und zerriss die Anschreiben, um sie dann gegrämt im Papierkorb zu versenken. Doch es half alles nichts. Die Sekretärinnen aus dem fernen Amerika gewannen das »ß« sehr lieb und schickten mir immer neue Briefe fast im Tagesrhythmus zu. Ich faxte irgendwann die Bitte über den Ozean, es doch lieber beim »b« zu belassen und mich »Mister Scheibe« zu nennen. Was bekam ich zur Antwort? Hier die Übersetzung: »Sehr geehrter Herr Scheiße, natürlich haben wir diesen Fehler sofort geändert.« Nach drei Monate mit weiteren Fäkalbriefen wagte ich dann noch einmal den verbalen Aufstand. Danach bekam ich meine Post nur noch an »Mister Scheibknolle« adressiert. Keine Ahnung, woher auf einmal die »Knolle« kam. Gut aber, dass Symantec sich meines Problems angenommen und die Firma assimiliert hat.

Lange Jahre lang war Ruhe im Karton und ich durfte mich meines Namens erfreuen. Doch dann kam der nächste Hammer. Wir verschicken eilige Post im Büro immer mit dem Deutsche Post Express, wenn es ins Inland geht, und mit DHL, wenn es ins Ausland geht. Stammkunden bekommen kostenfreie Formulare spendiert, in denen bereits die Absenderdaten vorgegeben sind. Die ersten hundert Formulare waren zu unser vollsten Zufriedenheit beschriftet: »Redaktionsbüro Typemania, Werdener Str. 10, 14612 Falkensee«. Irgendwann fragte dann eine Mitarbeiterin der Post am Telefon, ob wir vielleicht neue Auftragsblätter gebrauchen könnten. Wir bejahten freudig und baten darum, alles beim Alten zu belassen. Die neuen Formulare wurden uns kurz darauf ins Haus gebracht. Wir lernten zweierlei: Die Post speichert die Beschriftung der Formulare nicht für den späteren Wiedergebrauch. Und für die Neueingabe werden anscheinend Sekretärinnen eingesetzt, die gerade das Blindschreiben erlernen - im wahrsten Sinne des Wortes. Unsere neuen Formulare wiesen uns als »Typemanica« ohne Redaktionsbüro aus. Und auf einmal wohnten wir in der »Werder Str. 10«. Immerhin stimmten Ort und Postleitzahl.

»Lieber Herr Franz Redaktionsbüro«

Auch bei DHL gab es Probleme. Mal wurden 50 Formulare bestellt, aber nur mickrige zehn geliefert. Und anstelle des »Redaktionsbüros Typemania« gab es auf einmal nur noch das »Herr Franz Redaktionsbüro« in »Falkensee« - ohne Postleitzahl, obwohl das Feld als »required« ausgewiesen wurde. Die neueste Reklamation brachte immerhin fünf (sic!) neue Formulare. Die waren völlig korrekt beschriftet, allerdings nicht mit unserer Anschrift, sondern mit der der Elcon Mobility GmbH aus Berlin. Und das im Computerzeitalter! Oder vielleicht gerade deswegen?

Carsten Scheibe