scheibe Ein Programmierer unter der Lupe: Michael Derbort


In dieser Kolumne ist die deutsche Shareware-Szene immer wieder ein wichtiges Thema. Doch bei aller Begeisterung für das alternative Vertriebskonzept bleibt eine Betrachtung des Themas doch einseitig, wenn sie immer von der gleichen Person betrieben wird.

In dieser Kolumne ist die deutsche Shareware-Szene immer wieder ein wichtiges Thema. Doch bei aller Begeisterung für das alternative Vertriebskonzept bleibt eine Betrachtung des Themas doch einseitig, wenn sie immer von der gleichen Person betrieben wird. Aus diesem Grund hat sich Carsten Scheibe mit Michael Derbort zu einem Gespräch getroffen. Michael Derbort ist in der Shareware mit mehreren Dutzend Knobelspielen vertreten, die sich von seiner Homepage www.derbort.de beziehen lassen.

Rutscht man als Hobby-Programmierer zwangsläufig in die Shareware-Szene hinein?

Nein. Es gibt viele, die in ihrer Freizeit Programme schreiben, ohne überhaupt mit dem Gedanken zu spielen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Wer allerdings sein Hobby zum Beruf machen möchte, hat als Autodidakt auf dem Arbeitsmarkt schlechte Karten. Hier könnte wie in meinem Fall Shareware ein Sprungbrett sein.

Was sind Vorteile, was Nachteile der Shareware-Szene?

Die meisten Programmierer arbeiten alleine, einige wenige in Gruppen und nur selten stecken Firmen dahinter. Dadurch hat der Kunde direkten Kontakt zu dem Entwickler des Programms. Das ist für beide Seiten sehr hilfreich. Der Programmierer lernt die Ansprüche der Kunden genauer kennen und bei offenen Fragen seitens des Kunden steht gleich der richtige Ansprechpartner zur Verfügung. Denn wer kennt das fragliche Programm besser als der Entwickler selbst? Ein deutlicher Nachteil liegt im immer noch schlechten Ruf der Shareware-Szene. Programme werden oft als Pfusch verschrien, obwohl viel erstklassige Software als Shareware erhältlich ist. Auf Grund der mangelnden Akzeptanz eignet sich die Shareware-Programmiererei daher kaum noch als Hauptberuf.

Sie programmieren hauptsächlich Knobelspiele für Gehirnakrobaten, die allerdings bis zu 30 Mark teuer sind. Wo ist da das Zielpublikum?

Nicht jeder, der einen Computer besitzt, hat die Zeit oder die Lust, stundenlang Adventures oder Strategiespiele zu spielen. Hinzu kommt, dass der kommerzielle Markt stark auf das jüngere Publikum zugeschnitten ist. Ich habe sehr viele Kunden, von denen ich weiß, dass sie 50 Jahre und älter sind. Diese nehmen die Spiele auch sehr dankbar an.

Warum streuen Sie Ihr Programmangebot nicht mehr und legen Programme aus verschiedenen Richtungen vor etwa ein Spiel, ein Business-Programm, ein Tool und eine Freizeitanwendung? Warum bleiben Shareware-Autoren so oft ihrer Nische treu?

Der Grund hierfür ist trivial: Mir macht es einfach riesigen Spaß, neue Spiele zu entwickeln. Der zusätzliche Reiz dabei ist die Arbeit mit Grafik und Sound. Mit allem anderen mag ich mich nicht sonderlich anfreunden, obwohl ich schon mehrfach versucht habe, mal einige Tools zu schreiben.

Programme wie die Moorhuhnjagd, die kostenfrei verschenkt werden und dennoch höchste Ansprüche erfüllen können, liegen im Trend. Wer kauft da noch Shareware? Anders gefragt: Wird es bald nur noch Freeware geben?

Zu meinen C64und Amiga-Zeiten gab es auch schon reichlich Freeware in sehr guter Qualität. Trotz der seinerzeit schlechten Infrastruktur (keine CD-ROM, kein Internet), erfreuten sich diese Programme recht großer Verbreitung. Torschlusspanik im Hinblick auf Moorhuhnjagd und Co. ist meines Erachtens nicht angebracht.

Als Kunde muss ich eine Shareware beim Programmierer bezahlen, um eine Vollversion zu erhalten. Wer garantiert mir eigentlich, dass der Autor das Geld nicht ohne Gegenleistung behält?

Garantien kann es leider keine geben, denn schwarze Schafe gibt es überall. Ich lege aber für fast alle Programmierer meine Hand ins Feuer, dass ein Kunde, der für die Vollversion bezahlt, diese auch erhält. Davon abgesehen wäre es schon etwas komisch, wenn sich jemand die Arbeit macht, eine überzeugende Demo-Version zu erstellen um anschließend zahlenden Kunden die Vollversion zu verweigern. Oft handelt es sich ohnehin nur noch um einen Keycode, mit dessen Hilfe die Software freigeschaltet werden muss.

Andere Frage: Was zeichnet den optimalen Kunden aus? Und mit welchem Unbill von Kundenseite haben Sie zu kämpfen?

Der optimale Kunde ist zuallererst ein zufriedener Kunde. Das ist aber auch Teil meines Jobs, dafür zu sorgen. Besonders schön finde ich es, wenn sich zu Kunden ein regelmäßiger Kontakt aufbaut. Ich lerne so zumindest exemplarisch meine Zielklientel kennen. Feedbacks helfen zudem bei der Verbesserung der Programme.

Über den Unbill könnte ich hingegen bereits ganze Romane verfassen. Notorische Nörgler sind dabei noch das kleinste Problem. Einige Spezialisten kommen auf die Idee, dass sie für ihre 25 Mark Registrierungsgebühr auch noch angepasste Spezialversionen verlangen könnten, mit denen Anfertigung ich einige Stunden beschäftigt wäre. Aber auch Drohungen per E-Mail sowie eine Morddrohung per Telefon habe ich schon erhalten. Zum Glück kommt so etwas nur selten vor.

Shareware wird oft als »buggy« verschrien, da die Programme meist nur auf dem Rechner des Programmierers getestet wurden und auf anderen Systemen für üble Fehlermeldungen sorgen. Was müssen Shareware-Autoren tun, um sich besser abzusichern? Und wie schütze ich mich als Anwender vor solchen Programmen?

Von Windows 2000 wird behauptet, dass noch mehr als 60.000 Bugs darin lauern. Nach dieser Analogie wäre dieses Betriebssystem Shareware.

Als Absicherung hilft, fertige Programme auf so vielen Rechnern wie möglich zu testen. Oft haben Freunde und Bekannte ebenfalls Computer. Vielleicht helfen die auch gerne mal aus.

Ein weiteres Problem mancher Shareware-Programme sind fehlende oder recht abenteuerliche Installationsroutinen. Einen Uninstaller sucht man dann auch vergebens. Unbedarfte Anwender stehen dann vor dem Problem, wie sie unerwünschte Dateien wieder entfernen. Das darf so nicht sein. Es gibt gute Installmaker, die noch bezahlbar sind.

Viele Firmenbosse verbieten es den Angestellten, Shareware aus dem Internet zu beziehen, weil sie virenverseucht ist. Ist das so?

Nein. Solch eine Verallgemeinerung ist ärgerlich. Es gibt einige Geisteskranke, die es irgendwie witzig zu finden scheinen, Datenbestände anderer durch Viren zu gefährden. Aber davon ist das gesamte Internet betroffen. Wer viel online ist, sollte sich ohnehin hinreichend dagegen schützen. Bei mir läuft immer der Norton Antivirus im Hintergrund.

Virenwarnungen habe ich bislang nicht erhalten.

In Deutschland setzt sich die SAVE für die Programmierer ein. Mit Erfolg?

Puh! Diese Frage sollten lieber Jürgen Schlottke und Jutta Behling beantworten. Fakt ist, dass SAVE hervorragende Arbeit leistet. Nicht zuletzt: Wer Vorbehalte gegen Shareware hat oder ganz einfach mal Fragen an Programmierer richten möchte, der sollte mal einen Besuch dorthin wagen: www.s-a-ve.com. Ein frei zugängliches Forum steht ebenfalls zur Verfügung.

Am 15. July werden die neuen Annual Shareware Awards (www.sic.org) in Tampa, Florida verteilt. Warum spielen deutsche Programme dabei kaum eine Rolle? Anders gefragt: Warum werden deutsche Shareware-Programme nicht gleich zweisprachig angeboten, um auch auf dem internationalen Markt mitmischen zu können.

Hier kann ich nur für mich reden: Trotz etlicher Jahre Englisch in der Schule nebst zwei Jahren Leistungskurs vor dem Abitur gebe ich auf meine Englischkenntnisse keinen müden Heller. Um sprachlich korrekte Programme mit Dokumentation fertig zu stellen, müsste ich ein Übersetzungsbüro bemühen. Das ist ein erheblicher Unkostenfaktor bei unklaren Erfolgsaussichten. Ich vermute, dass es vielen anderen Programmierern ähnlich geht. Viel spannender ist die Frage, warum es hier zu Lande kein entsprechendes Pendant zur Preisverleihung gibt...

Welche Programme laufen bei Ihnen am besten, welche sind Flops, woran liegt das und was ist für die Zukunft geplant?

Mein derzeit erfolgreichstes Programm ist das Partyspiel »Klamotten runter!«. Das ist umso erfreulicher, weil ich mit diesem Spiel versucht habe, neue Wege zu beschreiten. Weg von den reinen Knobelspielen, dafür ein relativ komplexes Programm mit viel Multimedia und Sprachausgabe.

Der größte Flop mit sage und schreibe null Registrierungen ist »Have A Break«. Da habe ich es wahrscheinlich mit der Registrierungsgebühr übertrieben. Jetzt ist es kostenlos auf meiner Homepage erhältlich und die Downloadzahlen schießen in die Höhe.

Im Moment befinde ich mich in einer Art Schaffenspause. Ich beabsichtige, meinen Output insgesamt zu reduzieren, dafür einzelne Spiele erheblich komplexer zu gestalten. Der Erfolg von »Klamotten runter!« gab mir zu denken. Darüber hinaus habe ich noch ein paar andere Projekte in Planung. Da ist vielleicht noch die eine oder andere kleine Überraschung drin.

Kann es sich ein Shareware-Programmierer überhaupt noch leisten, keine eigene Homepage im Netz zu haben?

Nein. Ich habe selbst lange gebraucht, bis ich eine funktionierende Page hatte www.derbort.de. Dadurch habe ich im Vorfeld wohl auch so einiges verschenkt. Nachdem die Page eingerichtet war, sind Feedbacks und Registrierungen schlagartig in die Höhe geschnellt.

Carsten Scheibe

Typemania@compuserve.com


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