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scheibe: Kleines Handbuch für Dot-Comler

Letztes Jahr konnte sich jeder selbst ernannte IT-Spezialist den Job aussuchen, den er der eigenen Meinung nach verdiente. Diese Zeiten sind vorbei. Jetzt gilt es für alle »Überlebenden«, in die Hände zu spucken und Aufbauarbeit zu leisten. Zur rechten Gesinnung verhilft das kleine Handbuch für Dot-Comler.

Letztes Jahr konnte sich jeder selbst ernannte IT-Spezialist den Job aussuchen, den er der eigenen Meinung nach verdiente. Mit einem superben Gehalt, einem tollen Firmenwagen und lukrativen Aktienoptionen. Diese Zeiten sind vorbei. Die im Hauruckverfahren gegründeten Dot-Com-Aktiengesellschaften haben längst ihr gesamtes Risikokapital verpulvert, 95 Prozent ihres Wertes an der Börse eingebüßt und - wenig Interesse an neuen Angestellten. Jetzt gilt es für alle »Überlebenden«, in die Hände zu spucken und Aufbauarbeit zu leisten. Zur rechten Gesinnung verhilft das kleine Handbuch für Dot-Comler.

Im letzten Jahr war es so: Irgendjemand hatte eine gute Idee für ein Online-Projekt. Ein Gremium stimmte dieser Idee spontan zu und bewilligte viele Millionen Mark Risikokapital: »Sagen Sie einmal eine Zahl zwischen zehn und 99«. Es wurden teure Firmenräume gemietet, viele Mitarbeiter eingestellt und krasse Verluste gemacht. Ein Börsengang spülte rechtzeitig vor der ersten Pleite neues Geld in die Kassen. Das wurde ebenfalls ausgegeben. Um Gewinne kümmerte sich niemand. Resultat: Die Firmen gingen dann doch pleite, der Aktienkurs verfiel, die Angestellten verloren ihren Job.

Das darf sich nicht wiederholen. Die Firmen, die jetzt neu gegründet werden, bekommen nicht mehr so leicht Risikokapital zugeteilt. In der Folge müssen die Jungs, die jetzt das Ruder ergreifen, wirklich etwas auf der Pfanne haben. Sie sind auf gute Mitarbeiter angewiesen, die richtig zupacken können, um die Karre aus dem Dreck zu ziehen. Ackern für die Firma, das haben viele Dot-Comler aber längst verlernt. In letzter Zeit haben sie lieber die Firma gewechselt, als sich dem Stress auszusetzen, ein Projekt fertig zu stellen oder sich an einer Herausforderung die Zähne auszubeißen. Deswegen: Ein paar harmlose Regeln sollten ab sofort befolgt werden. Dann klappt?s auch mit dem Umsatz.

Arbeitsbeginn ist 6 Uhr 30. Egal, was im Arbeitsvertrag steht. Egal, wann der Chef kommt. Um die Uhrzeit schweigen die Telefone still, und es kann endlich einmal effektiv gearbeitet werden. Auch die Mittagspause sollte der Firma geopfert werden, da die Telefone und Faxe auch in dieser Zeit zuverlässig verstummen. Wenn Sie dann abends um 21 Uhr die Firma verlassen, haben Sie mindestens drei Mal so viel geschafft wie an einem üblichen Arbeitstag. Die Überstunden bummeln Sie ab. Immer dann, wenn es zu Ostern Weihnachtsmänner regnet.

E-Mail-Filter einschalten: Die meisten Dot-Comler verbringen inzwischen über eine Stunde am Tag mit dem Beantworten neu eingetroffener E-Mails. Das ist vergeudete Zeit. Richten Sie einen Spam-Filter ein, der automatisch alle Sex-Bilder, Fun-Videos und lustigen Wave-Dateien löscht, die Ihnen von den Kollegen zur Belustigung zugeschickt werden. Verzichten Sie fortan auch auf persönliche Bemerkungen in den Mails, bleiben Sie völlig sachlich. Wer sich aus dem »Flurfunk« seiner Branche heraushält und auf Lästereien unter Kollegen nicht mehr eingeht, bekommt fortan nur noch Mails, wenn es wirklich sein muss. Sie werden sich wundern, wie wenige es auf einmal sind.

No Kids, no fun: Kinder werden krank. Kinder plärren in der Nacht. Kinder wollen ihren Papi oder ihre Mami sehen, noch bevor sie abends schlafen gehen. Ergo – Kinder sorgen dafür, dass Mitarbeiter ihre gesetzlich zugestandenen Kinderfehltage nehmen. Sie machen die Mitarbeiter müde und veranlassen, dass sie früher Feierabend machen. Also werden am besten nur ledige Mitarbeiter eingestellt, die außerdem schwören, sich während des Bestehens des Angestelltenverhältnisses nicht fortzupflanzen. Halten Sie sich daran. Wahren Sie auch auf Weihnachtsfeiern einen deutlichen Abstand von allen beschwipsten Sekretärinnen. Beten Sie, dass es die Urzeugung nicht doch noch gibt.

No Sports: Sport ist Mord. Haben Sie einmal an Ihre Firma gedacht, wenn Sie Squash spielen? Oder beim Fußball das Bein stehen lassen? Ein einziger Krankheitstag sorgt dafür, dass Projekte nicht weiter bearbeitet werden, Kontakte einschlafen und wichtige Handlungen nicht ausgeführt werden. Der kluge Mitarbeiter beugt vor und erhält sich seine Arbeitskraft, indem er sich harmlosen Sportarten widmen: Schach, Büroklammern sammeln, Bierdeckelweitwurf oder Apothekennotdienstpläne falten.

Urlaub zu Hause: Eine aus dem Fernurlaub mitgebrachte Virenseuche macht nicht nur die Tropenärzte ratlos, sondern kann – viel schlimmer - die ganze Firma lahm legen. Das muss nicht sein. Und das darf auch nicht sein. Bevor Sie deswegen Wochen mit Amöbenruhr im Bett verbringen oder im fiebrigen Malariawahn die Kante Ihres Schreibtisches mit den Zähnen malträtieren, beugen Sie lieber vor. Tauschen Sie mit einem Nachbarn die Wohnung, das ist Abwechslung genug. Verbringen Sie den Urlaub auf der Liegewiese des nächsten Tümpels. Wer auch das für zu gefährlich hält, lässt seinen Urlaub verfallen.

Entscheidungen treffen: Wir wissen doch alle, dass der eigene Chef in der Regel völlig inkompetent ist. Sagen Sie nicht länger Ja und Amen zu seinen unverständlichen Anweisungen, sondern entscheiden selbst, was das Beste für die Firma ist. Geht alles gut, kann der Chef die Lorbeeren einheimsen, weil er es ja genau so schon immer gemeint hat. Geht?s schief, hat der Chef einen Dummen, dem er alles in die Schuhe schieben kann.

Sollte die Dot-Com-Firma, in der Sie arbeiten, trotz allem Engagement nicht zu retten sein, gibt es ja zum Glück immer noch viele interessante Berufe außerhalb der IT-Branche: Duftkerzenverkäufer auf Künstlermärkten, Telefoninterviewer für Firmenumfragen, Blumengesteckbinder im Pflanzengroßhandel oder Straßenbildmaler auf dem Berliner Kudamm.

Carsten Scheibe

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